


Weiterbau des Stadtrings A 100 nach Treptow ist umstritten. Bürgerinitiative befürchtet massiven Verkehrszuwachs.
Berlin. 420 Millionen Euro soll das 3,2 Kilometer lange Autobahnstück zwischen Kreuz Neukölln und Treptower Park kosten. Doch nicht alle sind vom Nutzen der geplanten Verbindung überzeugt.
Harald Moritz steht neben dem Park Center an der Straße Am Treptower Park. „Das alles soll verschwinden, hier soll der erste Bauabschnitt der Verlängerung der A 100 enden.“ Er deutet mit ausladender Armbewegung Richtung Grünanlage zwischen Einkaufscenter und S-Bahntrasse an der Matthesstraße.
An einem heruntergekommen wirkenden Mietshaus an der Beermannstraße hängt ein großes Transparent „Keine Autobahn – wir wollen hier bleiben“. Auch die drei frisch restaurierten Altbauten am S-Bahnviadukt sollen der neuen Anschlussstelle weichen, die Matthesstraße verschwinden. Harald Moritz dreht sich zur Straße Am Treptower Park. „Hier wird sich der ganze Verkehr verteilen. Die alten Platanen werden gefällt, Abbiegespuren in die Elsenstraße angelegt.“
Die Straße werde von fünf auf neun Spuren verbreitert. Irrsinn, meint der Sprecher der Bürgerinitiative Stadtring Süd (BISS) und fordert den Stopp der A 100. „Das Schlimme ist, dass durch die Verkehrsmassen vor allem Wohngebiete belastet werden, aber auch die großen innerstädtischen Straßen Richtung Kreuzberg, Friedrichshain, Treptow und Lichtenberg.“ Ohnehin sei der Bau innerstädtischer Autobahnen nicht mehr zeitgemäß. Durch die Verlängerung des Stadtrings werde Verkehr angezogen.
Entlastung in Neukölln
Neukölln, Buschkrugallee am Nachmittag: Der dichte Verkehr auf der viel befahrenen Nord-Süd-Achse rauscht unter der Brücke des Stadtrings mit ihren modernen Lärmschutzwänden durch. Einige hundert Meter weiter östlich liegt die provisorische Anschlussstelle Grenzallee, die letzte Ausfahrt des Stadtrings. Dort schwenkt die A 113 in Richtung Schönefeld. Ein Autobahndreieck ist angelegt, ein gesperrter Stummel markiert, wo die A 100 verlängert werden soll. Joachim Kräkahn aus der Silbersteinstraße sagt: „Die Autobahn bis hierher hat viel gebracht, macht aber keinen Sinn, wenn es keine Verlängerung gibt.“ Nur so könnten die großen Stadtstraßen entlastet werden, wie zum Beispiel das Adlergestell in Treptow-Köpenick.
„Das Argument der Entlastung zieht nicht“, meint hingegen Moritz. Die Erfahrung zeige, dass die Straßen von und zur Autobahn stärker belastet würden. Ortskundige suchten Schleichwege, die meist durch Wohngebiete führten. Wenn die Strecke weitergebaut wird, „wird es in der Sonnenallee, der Schlesischen/Köpenicker Straße nach Kreuzberg und auch in der Stralauer Allee/Mühlenstraße richtig voll – und auch in den angrenzenden Wohngebieten“. Als weiteres Argument führt er an, dass auch Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg gegen den Weiterbau sind. Neukölln und Treptow-Köpenick seien Befürworter.
Zunächst als Tunnel ab Dreieck Neukölln, dann in offener Trogbauweise ist die rund drei Kilometer lange Verlängerung bis Treptower Park geplant. Nach dem Tunnelende an der Neuköllnischen Allee werden Sonnenallee, Diesel-, Kiefholzstraße und die Ringbahntrasse unterquert, bevor der erste Bauabschnitt an der Straße Am Treptower Park endet.
420 Millionen Euro soll das 3,2 Kilometer lange Stück kosten, das Geld für das Infrastrukturprojekt kommt vom Bund. Das Land Berlin hat die Planungskosten zu tragen, nach Angaben der Senatsverwaltung rund 20 Millionen Euro. Gegner schätzen diese Summe jedoch höher. Wegen notwendiger Grundstücksankäufe summiere sich der Betrag auf rund 55 Millionen Euro, die der Senat zu tragen habe.
Später ist in einem zweiten Bauabschnitt der Brückenschlag über die Spree nach Stralau geplant. Endpunkt soll dann die Hauptstraße am S-Bahnhof Ostkreuz sein. Langfristig ist die Verlängerung bis zum S-/U-Bahnhof Frankfurter Allee und weiter bis zum S-Bahnhof Landsberger Allee geplant. Eine Schließung des Autobahnrings ist inzwischen nicht mehr vorgesehen. Entsprechende Planungsvorbehalte sind in den 90er-Jahren aus dem Flächennutzungsplan genommen worden. Der Verkehr soll dafür über ausgebaute Stadtstraßen geführt werden. Berlin sei zusammengewachsen, die Folgen der Teilung seien aber immer noch im Hauptstraßennetz sichtbar, argumentiert Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) für den Weiterbau. Es gehe nicht um ein Angebot für mehr Kraftfahrzeugverkehr. Man wolle vielmehr die Autos aus der Innenstadt heraushalten, indem man attraktive Angebote mit Bussen und Bahnen sowie für Fahrradfahrer und Fußgänger biete. Dafür brauche man jedoch entlastende Straßen wie die A 100.
Abgeordnete sperren Mittel
Diese Einschätzung wird nicht von allen Parlamentariern der Regierungskoalition im Abgeordnetenhaus vorbehaltlos geteilt. Die Fraktionen von SPD und Linken sperrten kürzlich 3,1 Millionen Euro für die weitere Bauplanung im Doppelhaushalt 2010/2011. Die Abgeordneten der Regierungskoalition gingen damit auf Distanz zu dem erklärten Willen „ihrer“ Senatorin Ingeborg Junge-Reyer und „ihres“ Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD). Sie wollen über die Planungsschritte im Detail informiert werden und behalten sich die Genehmigung der Mittel vor.
Friedrichshain-Kreuzberg forderte die Überarbeitung der Planungen aufgrund der neuesten Zahlen der Verkehrsprognose und eine erneute öffentliche Auslegung. Moritz, der als Anwohner der Treptower Bouchéstraße auch Betroffener ist, sieht Zeichen der Hoffnung: „Das unsinnige und unzeitgemäße Großprojekt ist noch nicht durch. Wir kämpfen weiter dagegen.“
Matthias Berner
| A 100 - Berlins wichtige Verkehrsader |
| Wegen ihrer innerstädtischen Lage weist die A 100 einige Besonderheiten auf. 1958 wurde das erste Stück zwischen Kurfürstendamm und Hohenzollerndamm übergeben. Heute verbindet der 22 Kilometer lange Stadtring die Bezirke Mitte (Seestraße), Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln (Grenzallee). Anschlüsse bestehen zu den Autobahnen nach Hamburg/Rostock, Schönefeld/Dresden/Frankfurt (Oder) und Potsdam/Leipzig/Magdeburg (Avus). Zu den Besonderheiten zählt, dass der Abschnitt Dreieck Funkturm – Kurfürstendamm mit knapp 200.000 Fahrzeugen pro Tag die am stärksten befahrene Straße Deutschlands und eine der wichtigsten Straßen Europas ist. Fünf weitere Abschnitte der A 100 zählen zu den Top 10 Deutschlands. Untypisch sind die Haltebuchten für Busse zwischen Jakob-Kaiser- und Bundesplatz. Dort verkehrte einst der Bus 65 (später 105), der 1993 mit der Eröffnung des S-Bahnrings eingestellt wurde. |
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