Roy im nächtlichen Einsatz: Mit dem Job als Schneeräumer verdient sich der 25-Jährige sein Studium. Foto: Augen-Blick
Roy im nächtlichen Einsatz: Mit dem Job als Schneeräumer verdient sich der 25-Jährige sein Studium. Foto: Augen-Blick

Nächtlicher Einsatz in Schnee und Eis

Der harte Winter hält Berlin fest im Griff: Straßen haben sich zu Rutschbahnen verwandelt und Räumdienste haben Hochsaison.

Berlin. Die Mitarbeiter der privaten Winterdienste haben auch noch lange nach den großen Schneefällen dieses Winters viel zu tun. Wenn Schneeräumer Roy mit seiner Maschine über Gehwege und Straßen prescht und dabei reichlich Split streut, ist er der Held der Stunde. Allen recht machen kann er es dennoch nicht.

Wir hatten befürchtet, es könnte kalt werden, an den Füßen oder Händen. Es wurde nicht kalt. Statt Sorgen um unsere Gliedmaßen hätten wir uns eher um unseren Magen kümmern sollen. Vielleicht wären ein paar Tabletten gegen Seekrankheit nicht schlecht gewesen. Aber nun ist es zu spät. Nun sitzen wir neben Roy in einer Kehrmaschine und fahren durch das mitternächtliche, noch ziemlich verschneite Lübars.

Roy ist jetzt ein Mensch, den diese Stadt dringend braucht. Wir schlingern und rumpeln, es ruckt und ruckelt heftig und ununterbrochen. Mal scheint sich die Maschine mit durchdrehenden Rädern mühsam gegen die Schneemengen aufzubäumen, mal hingebungsvoll sich in sie hineinzufressen.

In den Vorgärten und auf den Balkonen fliegen Reste von Adventsdekorationen an uns vorbei. Kaum ein Auto oder Passant ist noch unterwegs. Dennoch tauchen im grellen Scheinwerferkegel immer wieder plötzlich Hindernisse auf. Am Straßenrand geparkte Autos, Verkehrsschilder, Bäume, Poller. Vorgeschrieben ist eine Mindestbreite von 1,50 Meter, aber nicht jeder Baum, jedes Schild mag sich daran halten. Das Kehrgefährt ist 1,27 Meter breit. Manchmal denkt man, da kommt es nicht durch. Doch Roy hat sein Gerät im Griff. Er ist in seiner kleinen Fahrerkabine mit der Maschine schier verschmolzen.

Nächtlicher Einsatz

Roy hat einen Auftrag. 12.105,64 Quadratmeter zu räumende Fläche, aufgeteilt in 81 Positionen. Mancher Abschnitt ist vier Meter lang, mancher fast vier Kilometer. Rund vier Stunden lang rückt der 25-Jährige in dieser Nacht den noch immer beträchtlichen weißen Massen zu Leibe. Er und seine Kollegen vom „Schneebär Winterdienst“ räumen dort den Schnee beiseite, wo die Berliner Stadtreinigung (BSR) nicht tätig wird. Die BSR ist für die Straßen und öffentlichen Plätze zuständig, den Rest teilen sich die privaten Unternehmen. Doch während die größeren Straßen der sogenannten Kategorie A und B oft mit schwerem Räumgerät relativ rasch vom Schnee befreit sind, wartet auf den Trottoirs und in den Privatstraßen der C-Kategorie noch reichlich Arbeit. Hier hat sich das charmante Wintermärchen in Berlin allmählich in böse Rutschbahnen verwandelt. Es sind – auch noch Tage nach den großen Schneefällen – die eigentlichen Problemzonen der Stadt.

Roy arbeitet im Höllentempo eine nach der anderen ab. Wo die Bremse zu finden wäre, ist ihm offenbar entfallen. Er kennt nur den Tritt aufs Gaspedal und den Druck auf den Handhebel, der den rotierenden Besen reguliert. Und den Blick nach hinten auf die Ladefläche, wo das Streugut liegt. Wenn es zur Neige geht, muss der Kasten kurz geneigt werden, um den Rest hinten am Verteiler zu sammeln. Wieder ein nah an der Grundstücksgrenze geparktes Auto. Knapp 1,27 oder gut 1,27 Meter? Das Pedal bleibt nach unten gedrückt. Für Verzagtheit hat Roy keine Zeit.

In den dunklen Fenstern der Einfamilienhäuser spiegelt sich das Geflacker unserer gelben Warnleuchte. Es ist, als stampften wir auf einem Hochseetrawler durchs aufgewühlte Meer. Routine für Roy. 16-mal hat er diese Tour bereits gemacht, auf den Routenplan muss er nicht mehr schauen. Es ist sein Beitrag zum Kampf gegen Schnee und Eis in diesem Winter. Doch was Roy, seine Kollegen und die anderen Winterdienste leisten – oder eben auch nicht leisten – sorgt nicht selten für Verdruss.

Ja, gesteht „Schneebär“-Inhaber Pablo Apodaca ein, es gebe immer wieder „Diskrepanzen“ in der Beurteilung der Räumleistungen. Betriebe wie seiner seien keineswegs dazu verpflichtet, die ihnen anvertrauten Wege bis auf den Belag von den Spuren des Winters zu befreien. Es gebe „keine 100-prozentige Schneeräumpflicht“. Wo trotz Behandlung mit den Gerätschaften mehr oder weniger viel liegen bliebe, müsse eben mit abstumpfendem Material gestreut werden, wenn es sein müsse auch wiederholt.

Konflikte programmiert

An dieser etwas schwammigen Regelung entzündet sich mancher Ärger, nicht zur Freude der Auftraggeber, nicht zur Freude der Firmen. Auch Andreas Reimann von der „Winterdienst-Gesellschaft Süd-Ost“ weiß um diesen Konflikt. Wo der Schnee festgetreten und zu einer festen Schicht geworden sei, sei es nicht die Aufgabe der Schneekehrer, diese nun stückweise vom Boden abzuhacken. Streuen genüge. Wer auf dem vereisten Schnee dennoch ausrutscht und zu Boden geht, wird allerdings für derlei Maßgaben wenig Verständnis aufbringen.

Mit dem Job finanziert Roy sein Betriebswirtschaftsstudium. Er muss auf telefonischen Zuruf hin dienstbereit sein, Tag und Nacht, an Sonn- und Feiertagen. Dafür gibt es für die von Dezember bis April dauernde Wintersaison rund 2500 Euro. Er ist eine Art angestellter Samariter, er hilft den von Schnee Bedrängten. Hin und wieder macht er sogar ohne Auftrag einen zusätzlichen Schlenker, um betagten Schneeschippern die Arbeit abzunehmen. Aber er ist auch ein Don Quijote, denn auf einigen Abschnitten scheint seine Arbeit auch von einiger Vergeblichkeit zu sein. Was er vom Boden wegfegt, landet in hohem Bogen ein paar Meter weiter. Der Schnee verschwindet ja nicht, er wird nur umgeschichtet, sehr zum Missfallen einiger Anlieger. Aber so ist’s nun mal im Winter.

149 Euro für 20 Meter kostet der Winterdienst bei „Schneebär“, Rabatte nicht mitgerechnet. Solche Preise seien, sagen Apodaca und seine Mitbewerber, Dumpingpreise. Im nächsten Jahr werde es teurer werden. Und nach diesem schneereichen Winter werde wohl auch die Zahl der Kunden ansteigen.

Gegen 4 Uhr ist unser Held fertig mit seiner Schicht. Er ist redlich erschöpft. Um 10 Uhr müsste Roy in der Uni sein. Eigentlich. Es könnte, lächelt er müde, eventuell auch später werden. Die Winter kommen, die Winter gehen. Die Temperaturen sollen ja steigen, wegen der Erderwärmung. Also Entwarnung an der Schneebeseitigungsfront? Andreas Reimann von der „Winterdienst-Gesellschaft Süd-Ost“ hat aus dieser Wintersaison allerdings eine in die entgegengesetzte Richtung weisende Konsequenz gezogen. Einige Wagen mit vorn montierten Kehrbesen will er so rasch als möglich aufrüsten zu Wagen mit Schneeflügen. Sicher ist sicher.

Kai Ritzmann



Notfahrplan bei der Berliner S-Bahn
Nach dem heftigen Wintereinbruch sorgte die Berliner S-Bahn für zusätzlichen Unmut bei ihren Fahrgästen. Mitte Januar musste das Verkehrsunternehmen eingestehen, dass 200 Wagen aus dem Verkehr gezogen werden müssen, weil Schnee und Kälte die Motoren außer Betrieb gesetzt hätten. Da bereits vorher zahlreiche Wagen wegen Wartungsarbeiten in der Werkstatt standen, sind nun nur noch 550 von 1260 Wagen einsatzbereit, also nicht einmal die Hälfte. Damit stößt selbst der bereits angeordnete Winternotfahrplan an seine Grenzen. Der Ärger der Fahrgäste erreichte einen Höhepunkt, als zwischen den Bahnhöfen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz ein S-Bahn-Zug stehen blieb. Zornig stiegen einige Fahrgäste auf freier Strecke aus: Sie waren offensichtlich mit ihrer Geduld am Ende.


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