Seit einer Woche rollt kein Bus und keine Bahn von den BVG-Betriebshöfen. Als Alternative bleiben für viele nur noch Fahrrad und Auto und die Hoffnung, irgendwie durch die vollen Straßen zu kommen. Fotos: Eckert
Seit einer Woche rollt kein Bus und keine Bahn von den BVG-Betriebshöfen. Als Alternative bleiben für viele nur noch Fahrrad und Auto und die Hoffnung, irgendwie durch die vollen Straßen zu kommen. Fotos: Eckert

Ohne Bus und Bahn mobil

Die Stadt ist durch den BVG-Streik im Ausnahmezustand – doch die meisten Berliner nehmen es gelassen.

Berlin. Die Stadt steckt in der Verkehrsfalle. Seit einer Woche wird bei den Verkehrsbetrieben gestreikt. Vorläufig fahren weder Busse, noch Straßen- oder U-Bahnen. Improvisation ist gefragt. Wohl nie zuvor waren so viele Berliner zu Fuß und per Rad unterwegs.

Die gute Nachricht für sie gab es am Sonntagnachmittag: S-Bahn und Regionalverkehr werden nicht auch noch bestreikt. Der Tarifkonflikt bei der Bahn ist beendet.

Der Nadelstreifen-Blazer fürs Büro ist passé. Wanderschuhe müssen die Stiefel mit den kleinen Absätzen ersetzen. Jetzt heißt es Rucksack statt Aktentasche, Winteranorak statt Wollmantel und Kapuze statt Regenschirm. Anette Wilder nimmt den Streik sportlich: Die 45-jährige Sachbearbeiterin will abnehmen.

Der Arbeitskampf soll ihr im Kampf gegen Bewegungsmangel helfen. Sie wird zur Arbeit laufen – vom Rathaus Schöneberg bis zur Zimmerstraße in Kreuzberg. Für die sechs Kilometer lange Strecke rechnet sie eine Stunde. Dass ihr ein Schneesturm die Flocken ins Gesicht treibt, konnte sie nicht vorhersehen.

Die Autofahrt vom Spandauer Süden in die Berliner Innenstadt gerät indes zur Hängepartie. Schon auf der Potsdamer Chaussee lassen schleichende Autos nichts Gutes ahnen. Auf der Heerstraße geht schließlich nichts mehr: Stop and go meterweise. Der Kupplungsfuß schmerzt, die Nerven werden dünner.

Der Verkehrsfunk verkündet im 15-Minuten-Takt für Berlin am ersten Streiktag „dichten Verkehr, aber keine nennenswerten Staus“. Ach so? Dann muss die Blechlawine, die bis zum Horizont reicht, eine Fata Morgana sein. Nach eineinhalb Stunden stellen am Messegelände kreuz und quer stehende Taxis die Geduld nochmals auf eine harte Probe. Internationale Tourismusbörse und BVG-Streik sind offenbar die Mischung, aus der – ganz lokal und von der Berliner Verkehrslenkung unbemerkt – ein handfestes Verkehrschaos gemacht wird. Hinter dem ICC ist der Spuk vorbei, die Straßen sind erstaunlich leer. Fahrtzeit von Gatow bis Kreuzberg: zwei Stunden – doppelt so lang wie sonst im Berufsverkehr.

Obwohl durch den Streik jetzt alle in einem Boot sitzen, trägt die drangvolle Enge in der S-Bahn während der Streiktage nicht gerade zum friedlichen Miteinander bei. Während der Berliner sonst am liebsten vor sich hinschweigt, neigt er in diesen Tagen zu Gefühlsausbrüchen. Äußerungen wie „Stehn’ Se nicht auf meine Füße!“, hört man da. Auch das „Muss det sein?“ und ein böser Blick auf das Rad, das auch noch ins Abteil soll, ist nicht selten.

 Wanderung zur Arbeit

„Streik! Streik!“ steht auf den Postern an den geschlossenen Toren des U-Bahnhofs Kleistpark, den Anette Wilder jetzt erreicht. Unter den Yorckbrücken ein ungewohntes Bild: eine Völkerwanderung, die in alle Richtungen strebt. Einige haben den Stadtplan in den Händen und laufen nach Karte. Fußgänger, die versuchen, per Anhalter zum Ziel zu gelangen, sind nur vereinzelt auf der Straße zu sehen.

 Auffallend viele Radfahrer machen Radwege und Bürgersteige unsicher. Die Stadtläuferin meint, die routinierten von den wackeligen Neu-Radlern, die ihr staubiges Gefährt gerade aus dem Keller gezogen haben, unterscheiden zu können. Langsam werden ihre Beine müde. Die Möckernstraße scheint nicht enden zu wollen. Eine Blase unter dem Fuß macht sich schmerzhaft bemerkbar. Als sie verspätet im Büro ankommt, hat sie die sechs Kilometer in einer Stunde und 20 Minuten geschafft.

Der Streikfrust hält sich auch bei ihrem Kollegen Torsten Werner in Grenzen. Er hatte sich der wandernden Schlange angeschlossen, die sich von der Hufelandstraße in Prenzlauer Berg über die Greifswalder, den Alex, das Nikolaiviertel, die Leipziger Straße und den Spittelmarkt bis zur Zimmerstraße wanderte. Eine Stunde brauchte es. Werner freut sich schon auf den Rückweg. Sein Ziel: Er will sich auf 50 Minuten steigern. Was er jetzt genießt? „Kein nerviges Handyklingeln mehr in der U-Bahn, keine Knoblauchfahnen, keine Frustgesichter! Hoffentlich dauert der Streik noch lange, dann bin ich wieder fit für den Frühling!“, sagt er. Er habe die Stadt einmal ganz anders erlebt und sogar dem Vogelgesang gelauscht.

Viele von denen, die nicht laufen oder auf dem Fahrrad strampeln, haben sich zu Fahrgemeinschaften zusammengeschlossen. Ein ganz neues Gefühl ergreift die Stadt. Und die Fahrradläden melden große Nachfrage.

Einzelhandel klagt

Weniger erfreut ist man über den Streik in den Kaufhäusern. Leerer als sonst ist das KaDeWe in den Tagen des Streiks. Entspannt lehnt das Verkaufspersonal an den Tresen. „Wir haben bemerkt, dass es vor allem vormittags weniger Kunden gibt“, sagt Kaufhaus-Sprecherin Isabelle Kübler. Mögliche Einbußen könne man aber erst nach dem Streik konkret beziffern. Zum Glück hatte das KaDeWe einen Shuttle-Bus eingerichtet, der im 30-Minuten-Takt kostenlos zwischen dem Kaufhaus und der Tourismus-Börse ITB verkehrte. Einzelhandelsorganisationen beklagen, dass der Streik ruinös für die kleinen Geschäfte mit Laufkundschaft in der Nähe von Bushaltestellen und U-Bahnhöfen sei.

Nutznießer des Streiks sind aber nicht nur Taxifahrer, sondern auch Fahrradverleiher. Die „Fahrradstation“ mit fünf Shops im Berliner Zentrum bietet vom Ausstand Geplagten sogar einen 50-prozentigen „Streikrabatt“. Das Geschäft laufe „bombig“, sagt Wolfgang Hölzner von der Fahrradstation Dorotheenstraße. Er vermiete 30 bis 40 Velos am Tag. „Für diese Jahreszeit ist das extrem viel“, weiß der Verkäufer -–und freut sich nicht nur über das schöne Wetter.

Sonst würden im Winter drei bis vier Räder weggehen. Üblicherweise leihen sich ausschließlich Touristen einen Drahtesel fürs Sightseeing. „Der Berliner mietet ja erst ein Fahrrad, wenn Land unter ist“, so Hölzners Erfahrung. Wegen der großen Nachfrage hat die Fahrradstation jetzt sogar einen Aushilfsverkäufer angeheuert.

Ela Dobrinkat, Helga Labenski, Gabi Zylla, Thorsten Wendlandt, Michael Link


2,4 Millionen Menschen steigen um
Seit 5. März streiken rund 12 000 Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und ihres Tochterbetriebs „Berlin Transport“. Die Gewerkschaft Ver.di fordert für sie zwölf Prozent Lohnerhöhung, mindestens jedoch 250 Euro pro Monat. Die Arbeitgeberseite will jedoch nur den rund 2000 Neu-BVGern, die seit 2005 zu schlechteren Konditionen eingestellt wurden, eine Gehaltserhöhung zubilligen: Für diese Beschäftigten hat die BVG sechs Prozent mehr Gehalt geboten. Die mit 748 Millionen Euro verschuldeten Verkehrsbetriebe könnten höhere Lohnkosten nicht verkraften, lautet die Begründung.
Rund 2,4 Millionen Menschen aus Berlin und Brandenburg, die sonst täglich Busse, U- und Straßenbahnen der BVG nutzen, müssen für ihren Weg zur Arbeit, Schule oder andere wichtige Besorgungen nach Alternativen suchen. 80 Busse für einen Notbetrieb, die die BVG bei privaten Busunternehmen gechartert hat, können nur wenige Fahrgäste befördern. Die S-Bahn nimmt nun täglich 500 000 Menschen aus der Region zusätzlich auf. Üblicherweise befördert sie täglich 1,4 Millionen Menschen.

 

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