In zweiter Reihe abgestellte Autos, wie hier auf der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg, behindern den Verkehr. Foto: Augen-Blick
In zweiter Reihe abgestellte Autos, wie hier auf der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg, behindern den Verkehr. Foto: Augen-Blick

Parken in der zweiten Spur

Besonders in dicht bebauten Wohngebieten werden viele Fahrzeuge einfach auf der Straße abgestellt und behindern den Verkehr.

Berlin. Obgleich verboten, stellen in Berlin viele Fahrzeughalter ihren Pkw oder Lieferwagen in zweiter Reihe ab. Der Verkehr gerät so ins Stocken, die Straßen werden unübersichtlich. Auch für Fußgänger und Radfahrer sind falsch geparkte Autos nicht nur lästig, sondern auch gefährlich.

Wenn der große Lkw die Druckerei an der Kreuzberger Zimmerstraße mit Papier beliefert, geht so gut wie gar nichts mehr. Die Straße führt direkt zum ehemaligen Checkpoint Charlie. Touristenbusse bleiben in der engen Straße oft hängen, weil sie nicht vorbeikommen – oder wenn, dann nur mit eingeklappten Seitenspiegeln und durch millimeterweises Vorantasten.

Ob rund um Kollwitzplatz, Hackeschen Markt oder Köpenicker Altstadt – besonders in dicht besiedelten Wohnquartieren mit beliebten Geschäften und Restaurants mangelt es an Stellplätzen. Die Folge: In den engen Straßen behindern Lieferwagen, aber auch Privatfahrzeuge den Verkehr. Parken in zweiter Reihe ist laut Straßenverkehrsverordnung verboten. Dennoch: Überall, wo viele Firmen und Geschäfte angesiedelt sind, bleibt Lieferanten mangels anderer Parkmöglichkeiten gar nichts anderes übrig, als die Fahrbahn zu nutzen.

Zugeparkter Radstreifen


Charlottenburg, Schlüterstraße, 10 Uhr morgens. Auf dem kurzen Stück zwischen Kurfürstendamm und Mommsenstraße stehen bereits drei Lieferwagen auf dem erst kürzlich für Radfahrer ausgewiesenen Fahrstreifen. Kaum fünf Minuten später parkt der erste Pkw hinter einem der Lieferwagen. Eine halbe Stunde später stehen bereits vier verwaiste Autos auf dem Radweg. Bis Mittag ist die Radspur zugeparkt. Die Schlüterstraße ist Paradebeispiel dafür, wie in Wohnvierteln mangels Parkplätzen die Fahrbahnen als Stellplätze zweckentfremdet werden – und das schon seit Jahrzehnten.

„Es ist rücksichtslos, wenn Autofahrer auch noch die Radwege zuparken“, ärgert sich Sarah Stark, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. „Dadurch sind Radfahrer in erhöhtem Maß gefährdet. Sie müssen sich in den fließenden Verkehr einordnen, um an den parkenden Wagen vorbeizukommen.“ Stark würde es begrüßen, wenn die Polizei künftig mehr eingreift und Falschparken verstärkt mit Bußgeld ahndet.

„In der Schlüterstraße führen wir Schwerpunktkontrollen durch“, sagt Charlottenburg-Wilmersdorfs Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte. „Die Mitarbeiter der Parkraumbewirtschaftung sind angewiesen, Autos, die in zweiter Reihe stehen, mit Knöllchen zu versehen.“ Schulte wünscht sich allerdings mehr Kontrollen in den Abendstunden. „Es wäre hilfreich, wenn die Polizei nach 22 Uhr Falschparker aufschreibt.“ Denn in den Abendstunden nutzten häufig Gäste der umliegenden Restaurants die Fahrbahn als Stellplatz.

Pankow hat inzwischen zwei Teams im Ordnungsamt, die sich ausschließlich um falsch geparkte Autos kümmern. „Es gibt einige Ecken im Bezirk, da sind ganze Straßenzüge in zweiter Spur zugeparkt“, sagt der zuständige Stadtrat Jens-Holger Kirchner.

Gefahr für Schüler


Auf der Wichert-, Ecke Dunckerstraße registrierten seine Mitarbeiter jeden Abend vier bis fünf Wagen, die in zweiter Reihe geparkt seien, während die Halter in den umliegenden Restaurants speisen. In den ersten acht Monaten dieses Jahres seien in Pankow Bußgelder in Höhe von 560000 Euro an Halter ergangen, die ihre Wagen in zweiter Reihe stehen gelassen haben. Besorgt äußert sich Kirchner auch über Falschparker vor Schulen. „Immer noch fahren viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule“, so der Stadtrat.

Zum Ärger der Schulen hielten die Wagen direkt vor dem Schuleingang in zweiter Reihe, um den Nachwuchs aus dem Auto zu lassen. „Dadurch gefährden sie aber andere Schüler, die dort die Straße überqueren müssen“, sagt Kirchner. Inzwischen gehe der Bezirk dagegen verstärkt vor. „Wir bilden Kooperationen mit den Schulen.“ Anfang der Woche würden beispielsweise Flyer an Eltern verteilt, um sie darauf hinzuweisen, dass ihr Verhalten andere gefährdet. Da diese Maßnahme allein voraussichtlich nicht ausreicht, werde das Ordnungsamt einige Tage darauf Knöllchen an Unbelehrbare verteilen.

„Kunden bleiben weg“

Doch nicht nur die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer durch Falschparker ist ein Problem. Einzelhandel und Dienstleister bedrückt der Parkraummangel. Mik Moon aus der Szeneboutique „Planet“ an der Schlüterstraße: „Meine Kunden haben keine Möglichkeit, vor dem Laden einen regulären Parkplatz zu finden.“

Bei Starfriseur Udo Walz schräg gegenüber wartet man oft länger auf die Kunden. Sabrina Nieschke: „Viele kommen zu spät, weil sie keinen Parkplatz bekommen.“ Seitdem im Sommer die Markierungen für den Radstreifen auf die Fahrbahn aufgebracht wurden, habe sich die Situation noch verschlimmert. Moon: „Dadurch ist auch noch die Lieferzone verschwunden.“ Die Filiale von Lehmann Getränke liegt gegenüber. Mitarbeiter Bob Langner über seine Beobachtung: „Die Polizei fährt häufiger durch die Straße. Drei- bis viermal in der Woche werden Falschparker abgeschleppt.“ Fürs Geschäft sei es nicht gut. „Wenn draußen die Polizei unterwegs ist, bleiben die Kunden weg.“ Auch Moon registriert „seit drei Monaten rückläufige Umsätze.“

Nach einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin sind etwa zwei Drittel der Fahrzeughalter tagsüber beruflich in der Stadt unterwegs, seien es Lieferanten, Kuriere oder Außendienstmitarbeiter. „Wir haben bereits einen Leitfaden für den Wirtschaftsverkehr entwickelt“, berichtet Branchenkoordinator Stefan Mathews von der IHK. „Unsere Forderung nach mehr Ladezonen wird aber nicht umgesetzt.“

Für Michael Pfalzgraf, Sprecher des ADAC, ist die Schlüterstraße ein Beispiel für die falsche Verkehrspolitik des Senats. „Das Straßenland wird oft zu anderen Zwecken genutzt“, so Michael Pfalzgraf. „Wir lehnen zudem Parkzonen in reinen Wohngebieten wie rund um den Rosenthaler Platz ab. Die dienen nur dazu, den Anwohnern das Geld aus der Tasche zu ziehen.“

Marianne Rittner


Bis zu 50 Euro und ein Strafpunkt
Die Strafen für falsches Parken wie das in der zweiten Reihe sind im Bußgeldkatalog festgeschrieben. Je nach Grad der Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer kann das Bußgeld für Parken in der zweiten Spur bis zu 50 Euro kosten und dem Fahrzeughalter dazu noch einen Strafpunkt in Flensburg einbringen. Dies ist der Fall, wenn zum Beispiel ein Rettungsfahrzeug beim Einsatz behindert wird. In anderen Fällen sieht der Bußgeldkatalog eine Strafe in Höhe von 25 Euro vor. Ohne Behinderung anderer Verkehrsteilnehmer sind es 20 Euro. Lässt ein Halter seinen Wagen allerdings länger als 15 Minuten stehen, erhöht sich die Strafe auf 30 Euro. Werden andere Verkehrsteilnehmer behindert, sind es 35 Euro. Das Parken auf einem Radfahrstreifen kostet ab 15 Euro Bußgeld. Wird der Fahrradstreifen länger als eine Stunde blockiert, sind es 25 Euro.


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