Urplötzlich öffnet sich eine Wagentür, da der Autofahrer auf den Radverkehr nicht achtet. Dem Fahrradfahrer bleibt nur eine Notbremsung oder das Ausweichen auf die Straße. Gefährlich, da er so leicht in den fließenden Verkehr zu seiner Linken gerät. Foto: Augen-Blick
Urplötzlich öffnet sich eine Wagentür, da der Autofahrer auf den Radverkehr nicht achtet. Dem Fahrradfahrer bleibt nur eine Notbremsung oder das Ausweichen auf die Straße. Gefährlich, da er so leicht in den fließenden Verkehr zu seiner Linken gerät. Foto: Augen-Blick

Netz mit vielen Lücken

Immer mehr Berliner steigen aufs Fahrrad um. Doch gerade in der Innenstadt fehlt es an sicheren Verbindungen für Radler.

Berlin. Von Berlin aus lässt es sich bequem nach Sankt Petersburg, Kopenhagen oder Boulogne-sur-Mer radeln. Auf dem Weg vom Breitscheid- zum Alexanderplatz aber müssen Radfahrer dagegen ständig mit Hindernissen rechnen. Das Radverkehrsnetz der Stadt weist noch etliche Lücken auf. Da enden Radwege im Nichts, fehlen Verbindungen oder Überquerungsmöglichkeiten für Radfahrer.

Mit dem Fahrrad unterwegs auf der Bülowstraße in Schöneberg Richtung Abgeordnetenhaus in Mitte: Der kürzeste Weg führt über die Dennewitzstraße und durch den Nelly-Sachs-Park. Doch für Zweiradfahrer gibt es keine Möglichkeit, den Park ohne größere Umwege oder Gesetzesübertretung zu erreichen. Um die Bülowstraße vor der Lutherkirche zu überqueren, bleibt nur die Fußgängerampel an der Kreuzung Blumenthalstraße. Danach muss bis zum Park geschoben werden, denn auf dem Bürgersteig ist das Radfahren verboten.
Dies ist nur ein Beispiel für eine Verkehrsführung, die nicht berücksichtigt, dass Radfahrer keine Autofahrer sind und oft andere Wege nutzen. So wird sich beispielsweise kaum ein Radfahrer die Mühe machen – gesetzestreu – dem Kreisverkehr um die Siegessäule zu folgen, wenn er etwa aus östlicher Richtung von der Straße des 17. Juni kommend in die Hofjägerallee will. „Plätze mit Kreisverkehr sind ein Problem“, weiß Mathias Gille, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Beim Großen Stern sind wir dabei, eine Lösung zu finden, die Radfahrern entgegenkommt.“

Nachdem die überregionalen Verbindungen wie etwa die Europaveloroute 1 fertiggestellt sind, will der Senat in den kommenden Jahren vor allem Lücken im Radwegenetz schließen. Dazu zählen unter anderem Teile des Spree-Radwegs in Spandau und Rahnsdorf sowie die Tangentialroute 8 in Höhe Plänterwald. „Berlin hat im Vergleich zu anderen deutschen Städten ein sehr gut ausgebautes Radwegenetz“, sagt Gille. In der Stadt seien es 660 Kilometer, dazu kämen weitere 400 Kilometer Wege in Wäldern und Parkanlagen. „Wir führen die Zunahme des Radverkehrs darauf zurück, dass wir in den Ausbau investiert haben“, so Gille weiter. Seit 2008 sei der Radverkehr um drei Prozent gestiegen und betrage nunmehr 13 Prozent am gesamten Verkehrsaufkommen.

Woran es immer noch mangelt, sind kurze, bequeme und sichere Wege in der Innenstadt. 2009 waren nach der Verkehrsunfallstatistik der Berliner Polizei Radfahrer an mehr als 7000 Unfällen beteiligt. Neun Radfahrer verloren im Straßenverkehr ihr Leben und 539 wurden schwer verletzt.

Schnelle Wege fehlen


Für den neuen Fahrradbeauftragten des Senats, Arvid Krenz, ist das Berliner Fahrradroutenetz zu „grobmaschig. Es fehlen schnelle, durchgängige Verbindungen.“ Krenz ist vom Fach, arbeitet und forscht als Verkehrsplaner an der Technischen Universität Berlin. Im März übernahm Krenz dieses Ehrenamt. „Ich muss mir erst einmal einen Überblick verschaffen.“ Eins steht für den Radfahrer aber bereits jetzt fest: „Vor allem auf Hauptverkehrsstraßen fehlt es an Radfahreinrichtungen.“

Ähnlich sieht es auch Thilo Schütz, Stadtplaner von der Umweltschutzorganisation BUND. „Die schlimmste Strecke ist für mich der Tempelhofer Damm“, sagt der passionierte Radfahrer. Die Fahrspuren seien schmal, und Autofahrer müssten beim Überholen von Radfahrern eigentlich auf die linke Spur wechseln, manche drängen sie stattdessen aber einfach nur nach rechts ab. Ein weiterer Brennpunkt seien Busspuren. „Der Senat wollte teilweise die zeitlichen Beschränkungen aufheben, um auch in verkehrsärmeren Zeiten den Radverkehr zu schützen. Leider ist bislang nichts passiert.“

Schütz fordert zudem: „Busspuren auf mindestens 4,75 Meter zu verbreitern, damit sich Busse und Radfahrer weniger behindern.“ Damit könnten zudem Kapazitätsengpässe auf stark frequentierten Routen wie Hardenberg- oder der Karl-Liebknecht-Straße beseitig werden. Ein weiteres Problem sind parkende Autos und Lieferwagen auf Radwegen. Vor allem die Radfahrstreifen, die neben der Parkspur auf den Fahrbahnen markiert sind, würden häufig zum Parken missbraucht. „Nach wie vor parken zu viele Autos auf Radwegen“, so Schütz.
Krenz sieht bei solchen Verkehrswidrigkeiten die Ordnungsämter in der Pflicht. „Das Amt muss bei Falschparkern konsequenter vorgehen.“ Wenn Knöllchen nicht reichten, müsse notfalls der Abschleppdienst kommen.

Schütz sieht aber auch positive Entwicklungen: Auf Initiative von BUND und Radfahrerklub ADFC wurden in Pankow, Neukölln, Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf sowie Charlottenburg-Wilmersdorf Beratungsgremien, sogenannte Fahrräte, ins Leben gerufen. „In Charlottenburg-Wilmersdorf klappt das sehr gut“, weiß Schütz aus eigener Erfahrung. Dort habe die Bezirksverordnetenversammlung zudem ein bezirkliches Routennetz beschlossen, das Schritt für Schritt umgesetzt werde.

Ebenfalls Wirkung zeige die Forderung nach einer fahrradfreundlichen Gestaltung von Einkaufsstraßen. Die Anlage von Radstreifen und Abstellanlagen an der Steglitzer Schloßstraße, der Weddinger Müllerstraße, der Charlottenburger Reichsstraße und der Karl-Marx-Straße in Neukölln biete inzwischen auch Radfahrern ein attraktives Angebot.

Marianne Rittner


Von Berlin zum Nordkap oder nach Malta
Von Berlin aus führen mehrere überregionale Radverbindungen nach Russland, Frankreich, Dänemark, Italien und Griechenland. Der Europaradweg R1 erstreckt sich insgesamt über 3500 Kilometer und reicht von der französischen Küste bei Boulogne-sur-Mer bis nach Sankt Petersburg. Fast doppelt so lang ist die Verbindung vom Nordkap (Europaveloroute 1) über Kopenhagen, Rostock, Berlin, Prag, Mantua, Rom, Neapel bis nach Malta. Wer will, kann in Mantua auf die Route 8 wechseln. Sie führt bis Athen. Ein 160 Kilometer langer Radweg verbindet Berlin mit Usedom und ist für Radler in vier bis fünf Tagen zu schaffen.

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