Ungeduld am Steuer ist auf Berlins Straßen häufig zu beobachten: Vielen Autofahrern kann es nicht schnell genug gehen. Foto: Augen-Blick
Ungeduld am Steuer ist auf Berlins Straßen häufig zu beobachten: Vielen Autofahrern kann es nicht schnell genug gehen. Foto: Augen-Blick

Raue Sitten im Straßenverkehr

Rasen, drängeln, Vorfahrt nehmen: Experten rügen das immer aggressiver werdende Verhalten vieler Berliner Autofahrer.

Berlin. In ihrem ersten Paragrafen mahnt die Straßenverkehrsordnung zu gegenseitiger Rücksichtsnahme. Wenn tatsächlich jeder nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens handeln würde, könnte Autofahren eine recht entspannte Sache sein. Weil aber die Sitten im Beruf und im Alltag rauer werden, verrohen auch die Umgangsformen auf der Straße.

Gewöhnlich steht der Allgemeine Deutsche Automobil-Club („Freie Fahrt für freie Bürger“) in uneingeschränkter Solidarität Seite an Seite beim deutschen Autofahrer. Wenn er dennoch gegen das vereinte Volk der Wagenlenker warnend den Finger zu heben sich genötigt sieht, muss mit der allgemeinen Verkehrsmoral etwas bös’ im Argen liegen.

Die Autofahrer, monierte der Verein jüngst in höchster Sorge, betätigten kaum noch den Blinker, nicht beim Abbiegen, nicht beim Überholen, nicht beim Aus- und Einparken. Um diesen Verfall der Sitten zu erklären, blickten die Experten tief in des Autofahrers Psyche und erkannten bestürzt eine „Allmachtsphantasie“, die von den Blinkmuffeln Besitz ergriffen hätte. Die Betroffenen fänden den „kleinen Regelverstoß cool“. Mit anderen Worten: Wer sich seine eigenen Regeln macht, fühlt sich als der Schlaue, wer sich an die Vorschriften hält, steht als der Dumme da, gar als Provokateur. So ist es auf der Straße mittlerweile gang und gäbe.

Eigene Regeln


Die Usancen werden rauer, der Ton verschärft sich. Höflichkeit war gestern. Wer um einen in der zweiten Reihe haltendes Auto herumfährt, achtet kaum noch auf den Gegenverkehr, er wechselt einfach die Spur, ist doch egal, soll der andere halt bremsen. Wer am Landwehrkanal das 30er-Schild ernst nimmt, wird von Fahrern überholt, die noch mal extra aufs Gaspedal treten. An der nächsten roten Ampel sieht man sich zwar wieder, aber irgendwie muss es ein gutes Gefühl gewesen sein, den Regelkonformen abgehängt zu haben. Wer mit seinem Wagen einen anderen zugeparkt hat, lässt sich oft erst durch mehrmaliges Hupen dazu herab, sein Gefährt ein Stück zu versetzen, meist ohne Entschuldigung, warum auch. Man macht das jetzt so. Così fan tutte.

Vielen fehle es „an jeglicher Einsicht“, sagt Peter Klepzig aus jahrlanger Erfahrung. Der Neuköllner Verkehrspsychologe betreut auffällig gewordene Verkehrssünder als Psychologe und Therapeut. Wer ertappt wurde, sehe sich als „Pechvogel“, nicht als Täter. Raser, das seien stets die anderen, die, die noch schneller fahren. Der Fachmann nennt dies „Maßstabsverschiebung“, der Laie wohl eher schizophren.

„Wer die Vorschriften einhält, wird bestenfalls als Schulmeister angesehen, im Schlimmeren als Träumer oder Verlierer.“

Wachsende Minderheit

Joachim Bungs ist seit 1965 Fahrlehrer in Charlottenburg, er kennt seine Schäfchen gut. Vor dem Mauerfall, sagt er, seien die Berliner im Autoverkehr „sehr tolerant gewesen“. Seither allerdings habe „die Aggressivität zugenommen“. Er zieht einen drastischen Vergleich heran: Autofahren in Berlin erinnere ihn an einen Käfig voller Hamster: Die Nager begännen, sich gegenseitig aufzufressen.

Es geht nicht selten wie im Tollhaus zu. Nach Meinung von Peter Glowalla, Vorsitzender des Fahrlehrer-Verbands Berlin, verhalte sich die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer zwar anständig, eine kleine, wachsende Minderheit jedoch schlage immer öfter über die Stränge.

Dieser Teil der Fahrer werde „immer dreister“, sagt Glowalla. Zu ihm zählten nicht nur junge Leute, sondern mehr und mehr auch Angehörige der Mittelklasse und Selbstständige: der Rechtsanwalt, der Arzt, der Architekt, vor allem „das mittlere Management“, Menschen, „die sich und ihre Arbeit unendlich wichtig nehmen“, die sich selbst als „Leistungsträger“ definieren.

Wer, so Glowalla, im Job „immer vorangehen“ müsse, wer „immer unter Strom“ stehe, starte auch auf der Straße brutalstmöglich durch. „Die ertragen es einfach nicht hinterherzufahren“.

Holger ist Taxifahrer und hat eine recht eigene Sicht der Dinge. Ob er eine konkrete Verkehrsregelung für beachtenswert hält oder nicht, möchte der 49-Jährige gern selbst entscheiden. Vor Schulen akzeptiert er die 30er-Beschränkung, auf vielen anderen Straßen nicht. Als „überreguliert“ empfindet er das Berliner Verkehrswesen, da liegt es nahe, das Gesetz beherzt gleich in die eigene Hand zu nehmen.

Und Holger ist kein Einzelfall. „Viele dehnen das eigene Recht bis zum Anschlag aus“, sagt Bernd Dörendahl, Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes.

Diplom-Psychologe Klepzig kann über zu wenig Arbeit nicht klagen. Seine Aufgabe ist es, die verschüttete Verantwortung der Fahrer für ihre mobile Umwelt wieder an die Oberfläche zu holen. Die meisten seiner Kunden seien von beruflichem Zeit- und Erfolgsdruck geplagt, der sich bis zur Existenzangst hochschaukle. Wer im Beruf Gas geben müsse, drücke auch im Auto auf die Tube. „Der Mensch fährt, wie er lebt“, spricht Klepzig eine große Weisheit gelassen aus. Wie aber soll eine Therapie funktionieren bei Menschen, die über sich sagen: Ich kann nicht anders? Bei rüpelhaften Fahrern, die zu Überzeugungstätern geworden sind? Die ihr Selbstwertgefühl aus ihrem krassen Durchsetzungsversuchen auf der Straße beziehen?
Klepzigs professionelle Hilfe besteht in solchen Fällen in einer harten Forderung: Du musst dein Leben ändern.

Ruhige Nachtfahrten


Holgers Kollegen, wie er beschäftigt bei dem Berliner Unternehmen „Diesel-Taxi“, haben besonders mit jeepähnlichen Vehikeln, so genannten SUVs, schlechte Erfahrungen gemacht. Ein delikates Benehmen legten oft auch Smart-Besitzer an den Tag: Die Winzigkeit ihres Autos macht sie offenbar zu Seelenverwandten jener Radfahrer, die ihre vermeintliche Schwäche durch flegelhaftes Fahrverhalten wettzumachen suchen.

Um all der Hektik, all dem Stress, all dem krassen Gegeneinander möglichst aus dem Weg zu gehen, steuert Holger seine Kutsche nur noch zwischen Abend und frühem Morgen durch die große Stadt. In der Nacht, da ist es besser. Tagsüber werde man unweigerlich zum „Mitglied des Berliner Aggressionsvereins“, sagt er. Es ist eine Art Selbstschutz. Um den herrschenden Verkehrsverhältnissen zu entgehen, bleibt ihm nur eins: die Nacht, die Flucht.

Kai Ritzmann


Das Flensburger Strafregister
Im zentralen Register des Kraftfahrt-Bundesamts mit Sitz in Flensburg spiegelt sich das Verhalten der deutschen Autofahrer in Tausenden von Daten wider. So lässt sich aus den Zahlen ablesen, dass die Menge der Verkehrswidrigkeiten zwischen 2008 und 2009 um fünf Prozent gestiegen ist (auf 161.000). Anordnungen zur Teilnahme eines Aufbauseminars (bei 14 bis 17 Strafpunkten) sind um sechs Prozent gestiegen (auf 328.000). Anfang 2009 waren 1.653.000 Personen wegen Verstoßes gegen Vorfahrtsregelungen eingetragen, 9.151.000 wegen Geschwindigkeitsübertretungen. Allein in Berlin haben 310.000 Personen Strafpunkte im Zentralregister.


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