


Karstadt-Mitarbeiter setzen sich für Erhalt des Arcandor-Konzerns ein. Gewerkschaften warnen vor Imageverlusten für Berlin.
Berlin. Hertie ist pleite und schließt seine Häuser, Woolworth ist insolvent. Der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor bittet um 650 Millionen Euro staatliche Bürgschaft, um der Insolvenz zu entgehen.
Alles scheint wie immer an den Kassen in der Lebensmittelabteilung im Karstadt-Haus am Hermannplatz: Um 19 Uhr sind die Schlangen kurz, die Kassiererinnen schnell und freundlich. „Einen schönen Tag noch“, wünscht eine Kundin, die gerade bezahlt hat. Da stürzt die scheinbar heile Welt zusammen: „Wer weiß, wie lange noch“, so die verzweifelte Antwort. Und: „Wir haben da Unterschriftenlisten für den Erhalt von Karstadt liegen. Wenn Sie sich eintragen wollen, hilft uns das vielleicht.“ Doch große Hoffnung hat die Frau hinter der Kasse nicht. „Es sieht ziemlich mies aus“, meint sie. Die Stimmung ist bei den meisten Mitarbeitern auf dem Nullpunkt; die Angst vor Arbeitslosigkeit drückt aufs Gemüt.
In den zehn Berliner Karstadthäusern gibt es rund 4000 Beschäftigte, deren Arbeitsplätze jetzt gefährdet sind. Staatliche Bürgschaften für Konzerne sind jedoch umstritten. Bei Arcandor wird noch geprüft. Bleibt nach Meinung der Gewerkschaft Ver.di und des Karstadt-Gesamtbetriebsrats nur noch der Weg über die Öffentlichkeit, um zu retten, was zu retten ist – mit einer staatlichen Bürgschaft für den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor.
Demo vorm Ministerium
Dafür sind 7000 Arcandor-Beschäftigte aus ganz Deutschland vors Wirtschaftsministerium gezogen und haben Minister Karl-Theodor zu Guttenberg lautstark mit Reden, Trillerpfeifen und Plakaten um Fürsprache gebeten. Mitten unter ihnen steht auch Andreas Werner. Der 43-Jährige ist seit 27 Jahren dabei. „Ich habe im Handel gelernt und arbeite im Multimedia-Bereich bei Karstadt Wilmersdorfer Straße.“ Für seine Zukunft sieht er jetzt grau-schwarz. Schon in seinem Alter, weiß Werner, sei es schwer, wieder Arbeit zu finden. Und die Wilmersdorfer Straße würde bei einem Karstadt-Aus als Einkaufsstraße einen schweren Rückschlag erleiden, so wie alle Kieze mit Karstadt-Häusern, davon ist Werner überzeugt. Aber die Hoffnung sterbe zuletzt, meint er.
Flaggschiff KaDeWe
Das sagt sich auch Erika Ritter. Die zierliche, blonde Ver.di-Frau steht an der Seite der Kundgebungsbühne, schaut auf die Menschenmenge und versucht zu erklären, was die Finanzkrise mit Arcandor und Karstadt zu tun hat. „Die Banken sind mit ihren Krediten vorsichtiger geworden oder stehen selbst vor der Pleite“, sagt Ritter. „Aber daran sind doch nicht die Beschäftigten schuld. Die müssen das ,nur‘ ausbaden.“ Noch hofft sie auf die Staatsbürgschaft. Zu Karstadt gehören in Berlin das Flaggschiff KaDeWe, sieben Kaufhäuser und zwei Sporthäuser. „Das sind etwa 3600 Beschäftigte“, rechnet Erika Ritter vor. Dazu kommen noch die in den Häusern arbeitenden Fremdkräfte, ausgegliederte Bereiche wie zum Beispiel Kassen und 200 Quelle-Mitarbeiter – also insgesamt rund 4000 Betroffene. Sollte Arcandor und damit Karstadt nicht gerettet werden können, sähe es also trübe aus in der Kaufhausstadt Berlin.
Davor warnen jedenfalls die Gewerkschaften. „Natürlich hätte eine Schließung Auswirkungen auf die umliegenden Betriebe“, glaubt auch Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg. „Das wäre eine Katastrophe. Karstadt ist ein Kundenmagnet.“ Aber aller Widrigkeiten zum Trotz: „Berlin wird die Hauptstadt der Warenhäuser bleiben“, behauptet der Experte. Er verweist dabei auf die umfassenden Investitionen der vergangenen Jahre – zum Beispiel an der Schloßstraße in Steglitz, an der Wilmersdorfer Straße und im KaDeWe. „Das KaDeWe hat inzwischen seinen sechsten Eigentümer, aber es wird immer das KaDeWe bleiben“, da ist sich Busch-Petersen sicher. Insgesamt läuft es in Berlin seiner Meinung nach gut, auch wenn die Umsätze beim Handel im ersten Quartal 2009 um etwas über zwei Prozent gesunken sind.
Uneinigkeit bei Politikern
Aber Busch-Petersen hat dafür Verständnis, dass die Frage nach einer Staatsbürgschaft für große Handelsketten gestellt wird. So fordern denn auch die Arcandor-Beschäftigten von den Politikern Gleichbehandlung mit den Opel-Mitarbeitern. „Da hängen sogar weniger Arbeitsplätze dran als bei Arcandor mit seinen mehr als 50000 Mitarbeitern“, argumentiert der Vorsitzende des Karstadt-Gesamtbetriebsrats Hellmut Batzelt. Er betont immer wieder, dass Arcandor nichts geschenkt haben will – nur eine Bürgschaft über 650 Millionen Euro soll es sein und ein Kredit von 200 Millionen Euro. Die Bürgschaft gibt es aber nur, wenn der Konzern eindeutig durch die Finanzkrise in Schieflage geraten ist – und das wird gerade geprüft.
Die Politiker sind sich über die Gewährung der staatlichen Bürgschaft noch genauso uneins wie die Berliner. Das Lehrerehepaar Heidi und Robert Schulz kommt vom Shoppen in der Friedrichstraße und will nun am Alexanderplatz nach Spielzeug für die Kinder suchen. „Es ist eine Frechheit, dass jetzt immer mehr Konzerne, die falsch gewirtschaftet haben, unter dem Vorwand der Finanzkrise nach dem Staat rufen“, empören sich die beiden. Die Unternehmen sollten doch lieber selbst sehen, wie sie sich konsolidieren können.
Der 70-jährige Ernst Otto trinkt gerade einen Kaffee im Alexa. „Ich kann es noch gar nicht fassen, dass es Karstadt eventuell bald nicht mehr gibt. Am Hermannplatz bin ich schon seit meiner Jugend Kunde.“ Für ihn ist es daher auch eine Selbstverständlichkeit, dem Traditionshaus in dieser Lage auch von staatlicher Seite unter die Arme zu greifen. „Man kann doch so ein Unternehmen nicht einfach sterben lassen und die Mitarbeiter auf die Straße setzen.“ Bei anderen Firmen würde doch ebenfalls geholfen. Der 12. Juni ist nun jedoch der „Tag der Wahrheit“ für den Arcandor-Konzern: Dann werden Kredite in dreistelliger Millionenhöhe fällig, und es droht die Insolvenz, wenn bis dahin keine Lösung gefunden wird.
Gabi Zylla
| Kaufhaus mit langer Tradition |
| Mit dem 1881 in Wismar eröffneten „Tuch-, Manufactur- und Confektionsgeschäft Karstadt“ begann der Siegeszug des Unternehmens von Gründer Rudolph Karstadt. Schon 25 Jahre später gab es in Norddeutschland 24 Karstadt-Filialen, und zum 50. Jubiläum arbeiteten 30000 Mitarbeiter in 89 Filialen deutschlandweit. Ihr 100-jähriges Bestehen feierte die Karstadt AG 1981 mit 155 Warenhäusern und 75000 Beschäftigten. In den 90-er Jahren kommen die Hertie-Warenhäuser, das Euro-Lloyd-Reisebüro und der Quelle-Versand zu Karstadt. Jetzt ist die Karstadt Warenhaus GmbH eine 100-prozentige Konzerngesellschaft der Arcandor AG. Arcandor entstand 2007 aus der der KarstadtQuelle AG und basiert auf den Bereichen Einzelhandel, Versandhandel und Touristik mit mehr als 50.000 Mitarbeitern in Deutschland und etwa 86.000 Beschäftigten weltweit. Derzeit ist eine Fusion der zur Metro-Gruppe gehörenden Warenhauskette Kaufhof und der Arcandor-Tochter Karstadt im Gespräch. zy |
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