Zum 100. Mal werden vom 27. Januar bis 1. Februar die Fahrer beim Sechstagerennen über die Holzbahn rasen. Foto: Christian Hahn
Zum 100. Mal werden vom 27. Januar bis 1. Februar die Fahrer beim Sechstagerennen über die Holzbahn rasen. Foto: Christian Hahn
Der ehemalige Profifahrer Otto Ziege (84) war ein halbes Jahrhundert Sportlicher Leiter. Foto: Augen-Blick
Der ehemalige Profifahrer Otto Ziege (84) war ein halbes Jahrhundert Sportlicher Leiter. Foto: Augen-Blick

Runde um Runde

Berliner Sechstagerennen zum 100. Mal: Kaum ein anderes Sportereignis hat sich so erfolgreich gegen wechselvolle Zeitläufte behauptet.

Berlin. „Hier gilt’s dem Sport“ scheint das ungeschriebene Motto des Sechstagerennens zu sein: keine Politik, keine gesellschaftliche Verwirrung, dafür das reine Vergnügen, dampfend, bollernd, hautnah.

Es gab die dunkle Nachkriegszeit, es gab den Bau der Mauer, es gab ein aufgewühltes West-Berlin im Jahr der Studentenunruhen – und es gab eine Berliner Institution, die davon wenig wissen wollte. Mit demonstrativer Abgewandtheit von den Katastrophen und Erschütterungen, den Sorgen und Nöten der Stadt kamen Jahr für Jahr einige Tausend Menschen an einem Ort zusammen, um es sich gut gehen zu lassen, um ausgelassen zu feiern, fett zu essen, viel zu trinken, um zu vergessen. Die Berichte von den Berliner Sechstagerennen etwa ab 1949, als nach einer Unterbrechung zwischen 1934 und 1948 endlich wieder die Rennräder rollten, spiegeln einen beinahe schon bizarren Mut zur guten Laune wider. „Als wären die 15 Jahre überhaupt nicht gewesen“, freute sich ein Reporter, der nach der Zwangspause wieder dabei sein durfte. Im Jahr darauf – überall standen noch Ruinen – vermittelten die Zuschauer dem Beobachter einer Sportzeitung das Gefühl, „mit sich, dem Radsport und der Welt zufrieden“ zu sein. Punktum. Auch die Artikel aus den Jahren 1961 oder 1968 sind frei von politischen Einsprengseln. Auf dem Grünen Hügel von Bayreuth heißt es, gegen das als ungenehm empfundene politische Palaver gewendet: „Hier gilt’s der Musik“. Beim Sechstagerennen war es, als hinge ein unsichtbares Schild über allem: „Hier gilt’s dem Sport“. Wenige Jahre nach 1945 war die „alte Liebe“ des sportbegeisterten Berlins wieder erwacht, wie eine Zeitung frohlockte, der Heuboden bebte wieder und in den Logen gab sich „die Elite mit die dicke Marie“ ein Stelldichein.

Der Heuboden bebte

Für einige Nächte waren Arbeiter, Bürger, Bosse auf Augenhöhe, verschwammen im Dunst des Schweißes von Publikum und Fahrern, im Qualm der Zigarren und Zigaretten die Grenzen zwischen Gaffern, feiner Gesellschaft und Halbwelt. Da war es wenigstens in etwa wieder so wie in den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts, als das Rennen zum Abbild des Großstadtlebens zwischen Rausch und Elend geriet, als es zur Legende wurde.

Im Berlin der 40er- und 50er-Jahre war den Besuchern die Sehnsucht nach Ablenkung gemeinsam – und die bekam man roh und unbehauen. Diese Unterhaltung war jede neue, hart erarbeitete D-Mark wert, die man für sie bezahlte. Man wollte sich nicht unterkriegen lassen und fröhlichen Gleichmut zeigen, in dieser Stadt im Allgemeinen und erst recht bei dem dampfenden, überhitzten Symbol für diese Haltung: den Berliner Six Days.

Das Rennereignis hat sich seit seiner Gründung 1909 immer als ein Bollwerk des brüllenden Vergnügens verstanden, es war in seiner langen Geschichte gewiss kein Ort der Bedenkenträger oder Sorgenfalten. Zum 100. Mal nun werden vom 27. Januar bis 1. Februar die Besucher auf die Ränge und in den Innraum der Holzbahn strömen. Begonnen hatte alles in der Halle des Ausstellungsgeländes am Bahnhof Zoo. 1911 zog man in den Sportpalast um, an den Platz, an dem der Ruhm und die Magie des Berliner Sechstagerennens geboren wurden. Nach dem Krieg ging es zunächst in der Sporthalle am Funkturm weiter, bevor 1953 der wieder aufgebaute Sportpalast erneut in Beschlag genommen werden konnte. 1973 zog man dann endgültig in die Deutschlandhalle und 1997 weiter ins Velodrom. Zum Jubiläum wurden dort die Holzlatten aus sibirischer Fichte, die eine wahrhaft olympische Strecke von 250 Metern Länge bedecken, frisch abgeschliffen. Die Fahrer werden es zu schätzen wissen, die Fans werden sie wieder anfeuern, das Bier (und Edleres) wird fließen, die heißen Würstchen (und immer mehr Scampi) werden über die vielen Theken gehen, die Anschläge der großen Glocke durch die Halle vibrieren, um die Endrunden einzuläuten. Es wird also wieder laut und lustig werden.

Sechs Tage Ausnahmezustand

Sechs Tage Sport, sechs Tage Unterhaltung, sechs Tage Ausnahmezustand. Man ist, wie es 1949 hieß, „eine große Familie“. Ihr unumstrittenes Familienoberhaupt war vier Dekaden lang „Krücke“, ein legendäres Faktotum, das schon vor und nach dem Krieg mit seinen vier Pfiffen dem „Sportpalastwalzer“ eine bombige Durchschlagskraft verliehen und dem Heuboden Feuer unter den Sitzen gemacht hatte.

Als 1962 das 50. Berliner Sechstagerennen stattfand, konnte man auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken: Drei Millionen Bahnradenthusiasten hatten insgesamt 7250 Stunden ausgeharrt, die Fahrer weit mehr als 150.000 Kilometer zurückgelegt. Doch im Lauf der 60er-Jahre verflüchtigte sich das alte Flair. Die billigen Plätze hoch auf den Rängen, wo das Volk einmal getobt hatte, wurden mehr und mehr von Touristen besetzt. Der Umzug in die Deutschlandhalle ist der Atmosphäre auch nicht eben gut bekommen. 1979 titelte ein Boulevardblatt: „Die Berliner Luft ist raus“. Der Zauber war dahin. Finanzielle Kalamitäten, ohnehin ständige Begleiter der Sechstage-Vergangenheit, gaben der Veranstaltung den Rest. 1991 war dann Schluss.

Die Wiederauferstehung 1997 im Velodrom glich einer Sensation. In Prenzlauer Berg gelegen, eroberte die neue Austragungsstätte praktisch vom Start weg die Sympathien des Publikums. Die Berliner Rennfamilie hatte ein neues Zuhause gefunden, in dem sie wieder vereint sein darf und glücklich. Vor allem den Fans aus den östlichen Bezirken und dem Umland ist diese Renaissance zu verdanken, sie stört auch der Kommerz nicht. Die Seele des Berliner Sechstagerennens wohnt im Osten. Großes Lob für die Halle findet auch Otto Ziege. Ein halbes Jahrhundert war der ehemalige Profifahrer Sportlicher Direktor des Rennens und Liebling des Publikums. Der 84-Jährige schwärmt von der „tollen Atmosphäre“ und dem im Vergleich zu den Vorgängern „luxuriösen Platzangebot für Fahrer und Betreuer“.

Rund 12.000 Besucher gehen rein in diese betonierte Heimstatt des Rennsports, und meist heißt es tatsächlich: ausverkauft. Dann ist die Sechstagewelt wieder in Ordnung: Die Massen strömen, der eine oder andere Gast macht sich sogar schick, er trägt dann einen grellen Schlips, sie Pailletten. Die Pfeifen, auf denen mitgepfiffen werden darf, sind aus Plastik und baumeln vor den Bäuchen. Wer kann auch heute noch zwischen zwei Fingern pfeifen? Sponsoren stehen parat, Firmen buchen Logen, die Gastronomie erfüllt fast alle Wünsche, der Bierverbrauch ist nur noch in Hektolitern zu messen, und Frank Zander knödelt zuverlässig „Auf dein Wohl, Marie“. Da ist dann mächtig Dampf im Kessel. Man glaubt sogar, Schweiß zu riechen.

Auch Otto Ziege weiß um die Kraft einer kochenden Halle. „Wenn von einem Moment auf den anderen der Funke überspringt, wenn die Anfeuerungsrufe von Block zu Block getragen werden“, dann, so der Experte, „werden die Fahrer förmlich angeschoben.“ Dann ist es, als sei „Krücke“ wieder auferstanden.

Kai Ritzmann

Karten gibt's hier


Freier Eintritt im historischen Dress
Wenn am 27. Januar um 20 Uhr im Velodrom, Paul-Heyse-Straße 26 in Prenzlauer Berg, das 100. Berliner Sechstagerennen von Herren in typischer Jahrhundertwendekleidung gestartet wird, ist dies zugleich der Beginn einer Vielzahl von Einzel- und Spezialrennen. Täglich werden beispielsweise zwei große Jagden, Mannschaftszeitfahren über 1000 Meter, Ausscheidungsrennen, Steher-Championat und Sprintwettbewerbe geboten. Dieses Jahr treten unter anderem der zweifache Olympiasieger und Lokalmatador Robert Bartko (zusammen mit seinem Partner Roger Kluge) und die beiden australischen Dreifachweltmeister Leigh Howard und Cameron Meyer an. Mitmischen um den Sieg werden auch die Vorjahresgewinner Michael Mörköv und Alex Rasmussen aus Dänemark. Der Schluss des großen Finales wird am 1. Februar eine Stund vor Mitternacht eingeläutet. Beim Unterhaltungsprogramm stehen „City“ (am Freitag) und Frank Zander (am Montag) auf der Showbühne. Am „Familientag“ (30. Januar, 10 bis 16.45 Uhr) erhält freien Eintritt, wer in historischer Kleidung kommt. Die Preise für Einzeltickets liegen zwischen 30 und 54 Euro. Karten gibt es unter Tel. 44304430.

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