Beklebt, übermalt oder beschossen: Berlins Straßenschilder werden teilweise bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Fotos: Kaessner
Beklebt, übermalt oder beschossen: Berlins Straßenschilder werden teilweise bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. Fotos: Kaessner

Schilderkampf auf Berlins Straßen

250 000 Wegweiser gibt es in unserer Stadt. Um sie vor Verfall und Vandalismus zu schützen, fehlt den Bezirken meist das Geld.

Berlin. Hilfe suchend steht die alte Dame unter dem Straßenschild Wühlisch-, Ecke Gabriel-Max-Straße, in Friedrichshain: „Ist das hier denn nun die Max-Straße oder nicht?“ Die Verwirrung ist verständlich.

Nicht nur der Schriftzug Gabriel-Max-Straße ist völlig mit Aufklebern bedeckt, auch der Befestigungspfahl und das Verkehrszeichen „Vorfahrtstraße“ haben vermeintliche Witzbolde total mit Stickern überklebt.

Immer häufiger werden Berlins Straßenschilder mutwillig unkenntlich gemacht. Besonders in den Berliner Kneipenvierteln wie hier rund um die Simon-Dach-Straße werden die Orientierungshilfen als Unterlagen für Graffiti und Aufkleber missbraucht. Längst gilt in der Szene – ähnlich dem Sprühen von Graffiti – die auffällige Verteilung von Stickern als Kunstform. An der Kreuzung Cuvry- und Schlesische Straße in Kreuzberg wurden die Schilder sogar zu Zielscheiben: Sie sind von Kugeln durchsiebt und rosten seit Monaten vor sich hin.

Oft fehlt das Geld zum Austausch

Dabei müssten die Wegweiser Schilder eigentlich sofort ausgetauscht werden, sobald ein Schaden bekannt wird. Denn sie sind nach der Straßenverkehrsordnung offizielle Verkehrsschilder (Zeichen 437). Den für die Straßenunterhaltung zuständigen Bezirken fehlt jedoch oft das Geld, um die – grob geschätzt – 250 000 Straßenschilder auf dem rund 5000 Kilometer umfassenden Verkehrsnetz der Metropole instand zu halten.

Nur 25 000 Euro jährlich stehen beispielsweise Mitte zur Verfügung, um alle Verkehrsschilder – vom Halteverbot bis zur Straßenbenennung – in Ordnung zu halten. Ein Straßenschild mit zusätzlichem Hausnummernhinweis kostet rund 80 Euro. „Wenn unser Budget ausgeschöpft ist, ist es ausgeschöpft“, sagt Harald Büttner, Leiter der Abteilung Bauwesen in Mitte. Was auch erklärt, warum trotz regelmäßiger Kontrollen unleserliche Straßenschilder weiter stehen bleiben. Der Bezirk müsse seine wenigen Mittel auf echte Gefahrenstellen konzentrieren, so Büttner. „Wenn sich jemand in einem tiefen Schlagloch verletzt hat, kann ich niemandem erklären, dass ich besonders schöne Straßenschilder habe.“ Von einem Tag zum anderen ausgetauscht werden Straßenschilder nur noch, wenn sie mit staatsfeindlichen Symbolen wie zum Beispiel Hakenkreuzen beschmiert sind.

Für Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Grüne), Pankows Stadtrat für öffentliche Ordnung, sind die beschmierten Straßenschilder ein „wachsendes Problem“. Der Bezirkspolitiker, den die Bürger im Kiez noch aus Zeiten des Runden Tisches als „Nilson“ kennen, spricht von einer zunehmenden Zahl politisch motivierter Schmierereien in seinem Bezirk. „Straßenschilder, die die Namen von Antifaschisten tragen, werden regelmäßig übersprüht“, so der Stadtrat. Seine Mitarbeiter kämen kaum noch mit der Beseitigung nach. Besonders am Jahrestag des Spartakusaufstandes von 5. bis 12. Januar 1919, in dessen Folge Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, sei das Tiefbauamt regelmäßig auf übermalte Schilder eingerichtet. Pankow unterhält sogar noch Depots, in denen Schilder mit den gängigsten Straßennamen vorrätig sind, damit sie bei Bedarf sofort ausgetauscht werden können – ein Luxus, den sich nur noch wenige Bezirke leisten.

Politische Wirrköpfe und Vandalen

Nicht immer sind jedoch politische Wirrköpfe und Vandalen schuld, wenn ein Straßenschild seine Funktion nicht mehr erfüllt. Vereinzelt werden Schilder mit prominenten Straßennamen oder auch gängigen Vornamen gestohlen. Die Schriftzüge Kurfürstendamm, Hermannstraße oder Horstweg würden dann wohl als Souvenirs oder Geschenke in den Wohnzimmern landen, vermuten Tiefbau-Mitarbeiter. Auch der Zahn der Zeit nagt an den emaillierten Blechen. An der Martin-Luther-, Ecke Hohenstaufenstraße, in Schöneberg sind die wegweisenden Schilder bereits so verblichen, dass man sie von Weitem nicht mehr lesen kann.

„Früher war ich besonders stolz darauf, dass wir in Berlin im Gegensatz zu vielen anderen Städten flächendeckend eine besonders gute Beschilderung hatten“, seufzt Jürgen Terlinden, Tiefbauamtschef von Tempelhof-Schöneberg: „Jetzt fängt es auch bei uns an, schwierig zu werden.“ Gerade hat Terlindens Amt die wichtigsten Schäden aufgenommen und rund 50 neue „Straßennamensschilder“ – so der Amtsjargon – bestellt. Eine intakte Beschilderung sei für die Rettungsdienste wichtig und diene Berlin-Touristen als Orientierung. „Wir haben da eine Verantwortung“, betont Terlinden.

Fälle, in denen Retter wegen unleserlicher Schilder zu spät zu Hilfesuchenden kamen, hat es in Berlin jedoch noch nicht gegeben. „Das Problem ist bei uns bisher nicht so offen zutage getreten“, beteuert Jens-Peter Wilke, Sprecher der Berliner Feuerwehr: „Zum Glück kennen die Kollegen sich ja in der Stadt aus.“

Helga Labenski


Berlins Schilderwald
In Berlin gibt es rund 10 400 Straßen. Auch wenn eine Doppelbenennung eigentlich vermieden werden soll, sind viele Straßennamen mehrfach vergeben. Spitzenreiter ist der Name Waldstraße, der im hauptstädtischen Straßennetz gleich zwölfmal vorkommt. Eine Lindenstraße gibt es zehnmal in Berlin. Neunfach im Berliner Straßenverzeichnis vertreten sind die Charlotten-, die Park- und die Berliner Straße. Die mehrfachen Benennungen sind Überbleibsel der Eingemeindung vieler Umlandgemeinden nach Groß-Berlin im Jahr 1920 und der langjährigen Teilung der Stadt. Ein Relikt der DDR ist auch die bis heute unterschiedliche Gestaltung der Straßenschilder in beiden Stadthälften. Das etwas gedrungene Schriftbild auf Schildern im Ostteil soll zwar mittelfristig der Type „cst West Berlin“ mit dem markanten „sz“ weichen. Weil Geld für einen schnellen Austausch fehlt, wird es aber noch Jahrzehnte dauern, bis die deutsche Hauptstadt auch beschilderungstechnisch vereinigt ist.

 

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