Kinder üben in der Jugendverkehrsschule Wilmersdorf das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Foto: Frank Wecker
Kinder üben in der Jugendverkehrsschule Wilmersdorf das richtige Verhalten im Straßenverkehr. Foto: Frank Wecker

Sicher in die Schule

Zugeparkte Wege, großes Verkehrsaufkommen: Experten warnen vor dem Elterntaxi.

Berlin. Für 26.620 Berliner Abc-Schützen hat der Ernst des Lebens begonnen. Zum Abenteuer Schule zählt auch das Hinkommen. Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel in puncto Schulwegsicherung getan hat, kommt es gerade auf dem Weg zur Schule häufig zu Unfällen. 2010 waren es 916.

Kurz vor 7.30 Uhr. Es gießt in Strömen. Philipp steigt in seine Gummistiefel, zieht die Regenjacke an und schnallt den Rucksack auf. Der Sechsjährige muss los zur Schule. Eine knappe halbe Stunde Fußweg hat er täglich vor sich, denn die nächste Schule ist mehr als zwei Kilometer von Philipps Zuhause entfernt. Seine Familie wohnt am Moorweg in Reinickendorf. Die Schule liegt in der ehemaligen Alliiertensiedlung Cité Foch. Andere Eltern hingegen fahren ihre Sprösslinge mit dem Auto zur Schule. Das geht schneller. Doch das sogenannte Elterntaxi ist den Ordnungsämtern ein Dorn im Auge. „Wir starten regelmäßig mit der Polizei Aktionen, um die Eltern davon abzubringen“, sagt Eric Wichmann, Leiter des Außendienstes in Reinickendorf.

Verstärkte Kontrollen vor Schulen und Kitas

In den kommenden Wochen führt die Behörde jeden Tag Kontrollen vor mehreren Grundschulen durch. „Leider werden Zebrastreifen und Halteverbote vor den Schuleingängen gern als Sonderparkzonen betrachtet“, weiß Wichmann aus Erfahrung. Besonders in Tegel und Frohnau gebe es vor einigen Schulen erhebliche Behinderungen durch Eltern, die vor den Schulen parken, um dort ihre Kinder aus dem Auto steigen zu lassen.

Auch die Verkehrsschule Wilmersdorf an der Bundesallee scheint nicht viel von Autos zu halten. Gokarts, die Miniautos, sind bereits ausgemustert worden. Zu Beginn des neuen Schuljahres trainieren in der Verkehrsschule auch Schüler der Astrid-Lindgren-Grundschule aus Spandau sicheres Verhalten im Straßenverkehr. So hält Joshua mit seinem Rad prompt vor dem Zebrastreifen, damit die anderen Schüler die Straße überqueren können. „Erst nach links, dann nach rechts schauen“, skandieren die Zweitklässer gemeinsam, ehe sie über die Straße gehen.

2000 Schülerlotsen im Einsatz

Alle haben einen gelben Sicherheitskragen um. Den hat die Landesverkehrswacht zum Schulbeginn auch in diesem Jahr wieder für alle Erstklässer organisiert, damit die Schüler im Verkehr besser zu erkennen sind. Außerdem werden sie in Berlin auch von etwa 2000 Schülerlotsen betreut, die vor Schulbeginn an kritischen Stellen den jüngsten Schülern beim Überqueren der Straße helfen.

In Treptow-Köpenick gehört beispielsweise die Schule am Altglienicker Wasserturm zu den wenigen, für deren Zugang weit und breit keine Ampel vorhanden ist. Gefahrenpunkt ist dort die Kreuzung Germanenstraße. Nach Einschätzung der Gesellschaft für Arbeitsförderung in Köpenick (Cöga) ist beim Überqueren dieser Hauptverkehrsstraße große Vorsicht geboten. Die Cöga erstellt seit 15 Jahren Schulwegpläne. Mitarbeiter Klaus Kretschmar: „Wir laufen die Straßen rund um die Schulen ab und schauen uns um, wo es für Kinder gefährlich werden könnte.“ Diese Pläne gibt es für fast jede Grundschule. Dort sind auch die besten Wege zur Schule eingezeichnet.

Leidiges Problem: Elterntaxi

„In Treptow-Köpenick nehmen wir jedes Jahr 20 Grundschulen unter die Lupe und schauen, was verbessert werden kann“, sagt der dortige Ordnungsamtsleiter Michael Twirdy. Ampeln genehmige jedoch die Verkehrslenkung Berlin, und das dauert. „Es hat viel gebracht, vor drei Jahren Tempo 30 vor Schulen und Kitas einzurichten. Es müsste nur noch öfter kontrolliert werden.“ Auch im Südosten Berlins ist das Elterntaxi ein leidiges Thema. Bei einer Schule mit 500 Schülern führe es zu erheblichen Verkehrsbehinderungen, wenn die Eltern trotz Halteverbotsschildern mit dem Auto vor der Schule hielten, um ihre Kinder abzusetzen. „Die Halteverbotsschilder vor den Schulen sind schließlich dazu da, den Schulweg sicherer zu machen“, so Twirdy. „Wer dort hält, benimmt sich kontraproduktiv.“

„In Pankow gibt es inzwischen Elterninitiativen, die sich dafür einsetzen, dass Kinder nicht mehr mit dem Auto zur Schule gebracht werden“, sagt Martina Arnold vom dortigen Schulamt. „Neuerdings machen uns die Abc-Schützen Sorgen, die mit dem Fahrrad zu Schule geschickt werden – teilweise noch mit Stützrädern“, so die langjährige Mitarbeiterin der Verkehrserziehung weiter. Für Erstklässer sei es zu früh, mit den Rad zur Schule zu fahren. Kinder gelten frühestens im Alter von acht Jahren als verkehrstauglich.

Keine Ampeln

Aktuell gebe es Probleme rund um die Scherenbergstraße. „Wegen Behinderungen und Baustellen auf der Pappelallee und anderen Parallelstraßen weichen Autofahrer auf die Tempo-30-Straßen im Wohngebiet aus und verwandeln diese beinahe in Hauptverkehrstraßen“, sagt Arnold. In Tempo-30-Gebieten gebe es aber keine Ampeln. Mit dem hohen Verkehrsaufkommen steige daher die Unfallgefahr. Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf versuchen Pädagogen, die Eltern davon abzubringen, ihre Kinder mit dem Auto zu bringen. „In der Nelson-Mandela-Schule bekommen die Eltern jedes Jahr einen Brief mit dem Hinweis, auf das Elterntaxi zu verzichten“, sagt Willi Blecker vom Schulamt. „Andere Schulen bieten ein Schulwegtraining an.“ Blecker weist darauf hin, wie wichtig es sei, dass Eltern ihre Kinder anfangs auf dem Schulweg begleiten.

Kinder, die zu Fuß zur Schule gehen, seien ausgeglichener und selbstbewusster, meint der Verein FUSS. „Das Risiko im Straßenverkehr zu verunglücken, ist für Kinder, die mit dem Auto zur Schule gebracht werden, um das Dreifache höher als bei Kindern, die zur Schule laufen“, so FUSS-Sprecher Frank Biermann.

Marianne Rittner

8210-mal zu schnell gefahren

Verkehrskontrollen in der letzten Augustwoche.

Berlin. Schüler sollen zu Fuß zur Schule gehen. Darüber herrscht unter Pädagogen und Verkehrsexperten weitgehend Einigkeit.

Aber auch die Berliner halten wenig davon, wenn Eltern ihre Kinder zur Schule fahren. 89 Prozent unserer Leser sprachen sich gegen das sogenannte Elterntaxi aus, nur elf Prozent sind dafür, Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen.

„Für Kinder ist es besser, wenn sie zur Schule laufen“, sagt die Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung, Beate Stoffers. Die meisten Grundschulen seien in zehn bis 15 Minuten Fußweg zu erreichen. Das Laufen käme auch dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen.

In der letzten Augustwoche hat die Polizei in Berlin verstärkt Verkehrskontrollen durchgeführt. Dabei wurden insgesamt 8210 Verstöße gegen Geschwindigkeitsbeschränkungen ermittelt. Insgesamt 7315 Autofahrer und 2382 Radfahrer wurden auf ihr Fehlverhalten aufmerksam gemacht. Erwischt wurden von der Polizei 1183 Kraftfahrer, die das Halte- und Parkverbot in der unmittelbaren Umgebung von Schulen ignorierten. rit


Tipps für Eltern
Die wichtigste Aufgabe der Eltern ist es, vor dem Schulstart den sichersten Schulweg für ihr Kind zu finden. Sie sollten bereits einige Zeit vor Schulbeginn den Weg gemeinsam mit ihrem Kind ablaufen und mit ihm die wichtigsten Verkehrsregeln üben. Gerade bei Abc-Schützen sollten Eltern das noch geringe Alter berücksichtigen. Gefahrenbewusstsein prägen Kinder meist erst im Alter von acht oder neun Jahren aus.
Der kürzeste Schulweg ist nicht immer der sicherste. Bei der Wahl des Weges sollten Eltern darauf achten, wie und wo sich die Straßen am sichersten überqueren lassen. Eine Route mit Ampeln, Zebrastreifen und Mittelinseln birgt weniger Risiken.
Statt das Kind nur auf mögliche Fehler im Straßenverkehr aufmerksam zu machen, kann es hilfreich sein, die korrekten Verhaltensweisen zu erläutern. Also nicht nur davor warnen, blindlings auf die Straße zu rennen, sondern klare Merksätze vermitteln wie beispielsweise: „An der Straße bleibe ich stehen, schaue immer erst nach links, dann nach rechts und wieder nach links.“

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