


Zwei milde Winter und sorgloser Umgang mit Müll: Ratten und anderes Getier plagen die Menschen. Ein Besuch an der Schädlingsfront.
Berlin. Die Zahl der Ratten, Ameisen, Kellerasseln und Feuerkäfer hat in den vergangenen Monaten extrem zugenommen. Gegen sie vorzugehen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen.
Reinhard Gajek hält zwei kleine Plastikeimer in den Händen. Sie sind mit einer blassroten Materie gefüllt, mal in Körnerform, mal wasserdicht abgepackt in Plastikbeutelchen, mal zusammengepresst zu einem Riegel, mit kleinen Rillen zum Abbrechen einer Portion – wie eine dicke Scheibe Schokolade. Es sieht harmlos aus, aber es ist tödlich, auf eine heimtückische Weise.
Bevor er mit der Arbeit beginnt, gönnt Gajek sich noch einen Blick hinunter von der kleinen Brücke, die hier die Soldiner Straße über die Panke leitet. Mit ausgestrecktem Arm deutet er auf ein Loch am Ufer des gemächlich dahinfließenden Bachs. „Eindeutig ein Bau“, sagt er. Er hat den Kennerblick. Er wartet. Auf den Feind.
Der Feind lässt sich nicht lange bitten. Er huscht aus seinem Unterschlupf heraus und die Böschung entlang. Er ist nicht besonders schnell, nicht besonders groß, von grauer Gestalt, etwa 250 bis 300 Gramm schwer, schätzt Gajek, „guter Durchschnitt“. Gajek ist nicht zum Zeitvertreib hier, er ist hergekommen, um die Viecher zu töten. Dennoch hat er ein geradezu entspanntes Verhältnis zu ihnen. Er nennt sie „meine Jungs“.
Vier Millionen Ratten
Gajek ist Schädlingsbekämpfer, einer von rund 50 in Berlin. Er ist ausgebildeter Forstwirt. Die Jagd auf Ungeziefer war sein Wunschberuf. Seit 1979 ist ihnen der 61-Jährige nun schon als selbstständiger Unternehmer auf den Fersen. Er denkt sich in sie rein. Er fragt sich: „Wo würde ich mich verstecken?“ Er sagt, er habe „Spaß“ daran, sie „auszutricksen“. Es ist ein Kräftemessen. Drei oder vier Millionen Ratten, genaue Zahlen für Berlin kennt niemand, gegen Menschen wie ihn. Die einzelnen Scharmützel kann in der Regel er für sich entscheiden, die große Schlacht jedoch ist längst verloren.
Gajek weiß, dass ein Ende seiner Arbeit nicht in Aussicht steht. Zwar seien in den Fällen, in denen er um Hilfe gerufen werde, „die Erfolge messbar“. Dennoch, gibt er zu, sei sein gesamtes Wirken am Ende bloß „ein Kampf gegen Windmühlen“.
In diesem Frühjahr muss er an vielen Fronten aktiv sein. Der zweite milde Winter in Folge hat viele Schädlinge „explosionsartig“ sich vermehren lassen. Besonders Ameisen, Kellerasseln und Feuerkäfer haben in den vergangenen Monaten extrem zugenommen. Akute Sorgen bereitet auch die Taubenzecke, die den Menschen befallen und dabei gefährliche Krankheiten übertragen kann. Das Auftragsbuch für Gajek ist gut gefüllt.
Rund 4000-mal rückt er im Jahr aus, die Hälfte seiner Zeit beansprucht die gemeine Wanderratte. Da draußen lauert in diesen Wochen eine beißende, stechende, saugende, mampfende Invasionsarmee. Und Männer wie Gajek müssen gegen sie antreten.
Auch die Ratte hat die kalte Jahreszeit glänzend überstanden. Gajek kann sich „über zehn Prozent mehr Einsätze“ freuen. Bei der Vermehrung bereiten den Experten aber andere Faktoren als die meteorologischen eine weitaus größere Sorge. Durch die stetige Zunahme der unterschiedlichen Imbissstände und die damit verbundenen leicht zugänglichen Essensreste würden die Nager geradezu gemästet. „Wir füttern die Ratten regelrecht“, sagt Rainer Gsell, Vorsitzender des Deutschen Schädlingsbekämpfungsverbands (DSV). Er spricht von einem „Eldorado“, das sich den Ratten damit in Städten wie Berlin eröffnen würde. Zudem macht er die Kommunen für die Rattenplage verantwortlich. Aus Sparsamkeit würden die Gegenmaßnahmen nicht mit der notwendigen Konsequenz verfolgt. Das heißt, es wird nicht wirklich kontrolliert. Daraus erwachse ein „ganz akutes Problem“. Sein alarmierendes Fazit: „Die Populationsdichte der Ratten nimmt regelmäßig zu.“
Sie kommen immer häufiger aus ihren Löchern. Da moderne oder instand gesetzte Keller und Hinterhöfe den Ratten keine wohlige Lebenssituation mehr bieten, bevölkern sie vermehrt öffentliche Straßen und Plätze. „Sie sind“, sagt Mario Heising, Landesvorsitzender des DSV, „sichtbarer geworden.“
Rattenjäger Gajek hat sich an die Arbeit gemacht. „Ich kenne hier“, sagt er auf dem Weg zu seinem Auftraggeber, „jedes Haus.“ Es ist das Areal entlang der Panke, tiefster Wedding, viele Häuser in einem erbärmlichen Zustand. Doch die Gleichung „Schlechte Gegend gleich viele Ratten“ will Gajek nicht akzeptieren. Eher schon gelte der Zusammenhang zwischen dichter Bebauung und erhöhtem Rattenaufkommen. So seien eben Ortsteile wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Wedding stärker betroffen als etwa Zehlendorf.
Kluge Tiere
Gajek ist in eine Kleingartenkolonie beordert worden. Ein Kolonist zeigt ihm zwei Orte, an denen Ratten gesichtet wurden. Gajek verteilt sein rotes Gegenmittel. Es ist kein Gift, sondern ein Blutverdünner. Die Arznei wirkt erst mit einer gewissen Verzögerung tödlich, denn Ratten sind kluge Tiere. Sie schicken eine Art Vorkoster voraus. Erst wenn er überlebt, bedient sich auch das übrige Rudel. Daher muss der Probeesser zwei Tage überleben, bevor er innerlich verblutet. Dieser Blutverdünner ist laut Gajek wegen der minimalen Dosis ungefährlich für Kinder. Selbst Hunde und Katzen nähmen keinen Schaden.
Für seine Dienste verlangt der Profi 120 Euro plus Mehrwertsteuer. Im Preis inbegriffen sind zwei Kontrollbesuche. Der Hobbygärtner zahlt – und hofft inständig auf Gajeks teuflische Körner.
Nach Auftragserledigung besucht er noch eines jener Häuser in der Nachbarschaft, in das er bereits unzählige Male gerufen worden ist. Im frei zugänglichen Keller nimmt einem der Geruch beinahe den Atem. Im Licht der Taschenlampe sind offen stehende Abstellkammern zu erkennen, die bis unter die Decke zugemüllt sind. Hier sind die Verhältnisse für Ratten noch paradiesisch, hier kann auch ein Meisterjäger nicht mehr helfen. Hier liefe auch die stärkste Gegenwehr ins Leere.
Reinhard Gajek muss weiter. Hinunter in Keller, hinauf in Dachgeschosse, unter Badewannen, an die Ausflüsse unheilvoll bewohnter Rohre. Er hasst sie nicht, die Ratten, er achtet ihre Intelligenz. Er weiß um die Kräfteverhältnisse zwischen Mensch und Tier. Er kleidet die Wahrheit in schlichte Worte: „Ungeziefer stirbt nicht aus.“
Kai Ritzmann
| Was tun bei Rattenbefall? |
| Wer in seiner Wohnung oder seinem Haus Ratten entdeckt, sollte seine Hausverwaltung informieren. Diese kann sich dann direkt an einen Schädlingsbekämpfer wenden oder auch zunächst das Gesundheitsamt des Bezirks benachrichtigen. Ist das Amt – von der Hausverwaltung oder auch direkt von einem Anwohner – eingeschaltet, wird die Meldung geprüft und eine „Rattenermittlung“ eingeleitet. Diese kann eine Verfügung gegen die betroffene Hausverwaltung nach sich ziehen, deren Nichtbeachtung mit einem Bußgeld geahndet wird. Eine amtliche Schädlingsverordnung gibt es in Berlin nicht, es ist daher nicht zwingend vorgeschrieben, die Behörden über Schädlinge zu informieren. |
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