


Berliner genießen die Ferienzeit in Parks und Freibädern – und manch einer läuft ganz ungeniert im Unterhemd durch die Straßen.
Berlin. Hallo, noch jemand da? Berlin in diesen Tagen wirkt mancherorts fast menschenleer und fast immer sehr gelassen. Die Stadt verwandelt sich in den Sommerferien in die entspannteste Metropole der Welt.
Der Anblick der vielen leicht bekleideten Menschen ist eine gute Gelegenheit, mal grundsätzlich zu werden. In dieser Sommersaison scheinen alle Männer unter dem Zwang zu stehen, ihre Waden zeigen zu müssen. Dreiviertellange Shorts sind offensichtlich Pflicht.
Warum gibt es keine Vorschrift, um Männern, die volljährig sind, das Tragen solcher Hosen zu verbieten! Ein eng anliegendes Feinrippunterhemd an einem durchtrainierten 17-Jährigen ist okay, ein flatterndes, den Körper umwehendes an einem 40-Jährigen aber ruft nach der Ästhetikpolizei.
Socken in Sandalen, Flip-Flops: grenzwertig. Junge Frauen, die ein knappes Bikinioberteil tragen, mitten in der Stadt: jenseits der Grenze. T-Shirts, Jeans, Turnschuhe, Wickelröcke: möglichst verwaschen, ausgebleicht und ausgefranst. Das alles soll zeigen: Ich will so sein, wie ich bin, und ich habe das Recht dazu. Ich bin ich. Unter der Berliner Sommersonne treibt dieser Ich-Kult die grellsten Blüten. Und wer sich daran reibt, hat schon verloren.
Die Sonne brennt, die Straßen glühen, nichts hindert uns daran, uns auch der großen Ruhe hinzugeben – und bekannte und weniger bekannte Orte zum Erholen aufzusuchen.
Tempelhofer Park
Welch eine Weite, um sich treiben zu lassen. Welch eine Hitze, denn hier ist kein Schatten, nirgends. Über der Landebahn flirrt die Luft und sorgt für Spiegelungen. Sind wir in einen Western geraten? Die hohen Gräser laden dazu ein, sich mit ausgebreiteten Armen fallen zu lassen, in dieser randlosen Steppe zu versinken, über der sich der weiteste Himmel von Berlin wölbt. Grillen zirpen, Hummeln brummen, Schmetterlinge flattern. Jogger laufen, Skater und Radfahrer flitzen dahin.
Keiner braucht auf die anderen zu achten und kommt ihnen dennoch nicht in die Quere, es ist so unendlich viel Platz vorhanden. Das ehemalige Flugfeld als Auslaufgebiet für Körper und Seele. Ein Ort, um loszulassen, ein Flecken, an dem die Freiheit schon am Boden grenzenlos ist.
Admiralbrücke
Vielleicht war es hier mal entspannt. Aber heute wird auf der Brücke nur noch das Stück „Wer hat die besseren Nerven?“ aufgeführt. Es ist ein heimliches Kräftemessen. Die Anwohner wollen keine Musik mehr nach 22 Uhr und Ruhe ab Mitternacht; eine bunt zusammengewürfelte Menge aus Straßenmusikern, Trebegängern, Revierkönigen, die wenig mit sich spaßen lassen, und angelockten Touristen. Sie wollen ihr Bier in Händen haltend auf dem Bordstein und den Betonpollern sitzen, wollen tanzen, quatschen, dösen, wollen jeden Abend Rausch. Flaschen zerspringen, Hunde streunen, die Polizei gebietet einer Skiffle-Band Einhalt, als sie abzieht, setzt wenige Meter weiter ein anderes nerviges Geklimper ein.
Eine Vertreterin der zur Lärmeindämmung gegründeten Nachbarschaftsinitiative verteilt traurig die letzten Faltblätter für heute. Mit dem schwindenden Sonnenlicht legt sich auch eine latente Aggressivität über die Szene. Eines ist klar: Innere Ruhe findet man hier nicht.
Ernst-Reuter-Platz
Hier sind wir im Auge des Orkans, also in Sicherheit. Alles um uns herum ist in Bewegung und in Eile, nur zwischen den beiden Springbrunnen ist schönster Stillstand. Die Bänke vibrieren beim Ein- und Ausfahren der U-Bahnzüge tief unter uns. Es gibt Menschen, die mit Liegedecke und Lektüre, mit Kinderwagen und Familie den Weg durch den Fußgängertunnel nehmen, das Gitter II/3 der U-Bahnstation passieren und sich hier wohlfühlen. Es müssen Stadtneurotiker der ganz besonderen Sorte sein.
Das Badeschiff
Junge Menschen, schlank und rank, die dichter beieinander liegen als die Touristen an der Costa Brava zur Hochsaison, aber dabei total locker rüberkommen wollen, die so tun, als ob sie einander nicht beobachten, sich aber gegenseitig permanent abchecken, die so tun, als seien sie vollkommen relaxed, aber jede Geste, jeden Gesichtsausdruck unter Kontrolle haben. Laisser-faire als Simulation. Flucht.
Grimm-Zentrum
Draußen Dunkelheit und noch immer eine große, monolithische Wärme, im Innern der neuen Zentralbibliothek der Humboldt-Universität angenehme Temperaturen und eine Welt, in der uns der Boden unter den Füßen zu schwinden droht. An einem späten Sommerabend, wenn man zwischen Wirklichkeit und Traum nicht mehr recht unterscheiden mag, öffnet sich hier ein Universum, gleißend hell und märchenhaft schattig. Alle Sprachen, alle Epochen, alle Fakultäten, die Dämonen und die Heiligtümer des menschlichen Geistes zum Lesen nahe. Die Präsenzbestände gestatten bis Mitternacht Reisen zu den entlegensten Trabanten der Fantasie. Lexika, Atlanten, Bildfolianten, Werkausgabe an Werkausgabe. Wir greifen zum ersten, zum zweiten, fünften, zehnten Buch, folgen mal einer Spur, mal dem Zufall und geraten in einen Sog, in eine Art Delirium. Die Hitze der Nacht geht über in die Hitze der Lektüre. Ein Taumel.
Liebermann-Villa
Sind die Beete und die Blumen wie auf den Bildern, oder sind die Bilder wie die Beete und Blumen? Ahmt die sommerliche Wirklichkeit die Kunst nach – oder umgekehrt? Der Garten und die Terrasse seiner Villa am Wannsee waren die Lieblingsmotive des Malers Max Liebermann, und nach diesen Bildern wurden die Grünflächen wieder rekonstruiert. Und so vereinen sich die Stockrosen und der Sonnenhut, der Flachs und die Titonien, Cosmea und Rittersporn zu einer fein abgestimmten Sinfonie der Farben, betörend wie süßer Wein. Oder lässt man sich lieber von Liebermanns Verwandlung der Natur in leuchtendem Impressionismus gefangen nehmen?
Hier hat man das große Glück, beides sehen und vergleichen zu können – und sich dabei ganz der Versunkenheit zu überantworten. Ein künstliches, ein wahres Paradies. Wir haben unser Sommerglück gefunden.
Kai Ritzmann
| Adressen und Öffnungszeiten |
| Der von „GrünBerlin“ betriebene Tempelhofer Park ist im August täglich von 6 bis 21.30 Uhr geöffnet (Haupteingang: Tempelhofer Damm), die Öffnungszeiten ändern sich aber von Monat zu Monat, Informationen unter Tel. 700906-0. Die Konflikte um die Admiralbrücke sollen bei einem Mediationsgespräch am 12. August ab 18.30 Uhr im Kirchen-Gemeindesaal, Dieffenbachstraße 39, diskutiert werden, Informationen unter Tel. 39505436. Das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum (Geschwister-Scholl-Straße 3) ist Mo bis Fr 8 bis 24 Uhr, Sa und So 10 bis 18 Uhr geöffnet, Tel. 209399399. Das von „Arena Berlin“ geführte Badeschiff (Zugang über Eichenstraße 4) ist täglich ab 8 Uhr geöffnet, Ende offen, Informationen unter Tel. 5332030. Bis 6. September läuft in der Liebermann-Villa (Colomierstraße 3, geöffnet Mi bis Mo 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr) noch die sehenswerte Sonderausstellung „100 Jahre Liebermann-Villa. Die Idee vom Haus im Grünen“, Informationen unter Tel. 8058590-0. |
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