



Der Berliner Karneval ist noch im Aufbau. Aber auch hier nimmt man das jecke Treiben bereits verdächtig ernst.
Berlin. Es ist wieder so weit: Am kommenden Sonntag wird sich erneut der Karnevalszug durch die Innenstadt bewegen. Doch der Andrang zu dem bizarren Ereignis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch viel karnevalistische Aufbauarbeit zu leisten ist.
Es erinnert, alles in allem, Tusch um Tusch, „Hajo!“ für „Hajo!“, beträchtlich an die karnevalistischen Gegenden entlang des Rheins. Und man ahnt an diesem frühen Abend wirklich, warum es dort so schön ist. Oder, saisonal bedingt, auch so gruselig. Man ist 600 Kilometer von den westdeutschen Epizentren des Karnevals entfernt – und dennoch mittendrin und nicht nur mit dabei. Die Darbietungen jagen von einem wahren Highlight zum nächsten, und gerade kündigt Olaf Schwarz, der Präsident des eingetragenen Vereins „Narrenkappe Berlin“, einen weiteren „Höhepunkt“ an.
Er hat das Wort in der vergangenen Stunde bereits ein paar Mal einigermaßen erregt in den Mund genommen, doch jetzt sind Zweifel nicht mehr angebracht. Jetzt nimmt eine Künstlerin die Bühne in Anspruch, die als „Helga Hahnemann“ auftritt. Und man beginnt zu rätseln, ob die Nummer nun die Speerspitze des Berliner jecken Treibens ist oder doch eher das letzte Aufgebot.
Publikum hält sich zurück
Karneval in Berlin ist nichts für schwache Nerven. Es ist eine Angelegenheit für Überzeugungstäter. Das Publikum in der Moabiter Universal Hall nimmt sich beeindruckend zurück. Kein Schunkeln, kein rhythmisches Klatschen, nur sporadisch wird offene Begeisterung erkennbar. Dafür drängt es viele Senioren zu einem gepflegten Schwof auf die Tanzfläche. Die Veranstaltung ist von der Berliner Sparkasse spendiert, ein Geschenk an ehemalige, heute im Ruhestand lebende Mitarbeiter. Engagierte Mitglieder verschiedener Tanzschulen zeigen ihr Können, die älteren Herrschaften vom Sonari Chor (Eigenwerbung: „Spaß ohne Ende!“) tun mit goldener Kehle kund, sie wollten heute gerne „einen heben“, das reimt sich wundervoll auf „Berlin, Berlin, dein Karneval soll leben“. An diesem Abend jedoch bleibt die Stimmung relativ gedämpft.
Die Gäste der Veranstaltung haben sich fast alle für den bürgerlichen Dresscode entschieden, nur hier und dort wird eine Federboa um den Hals oder ein glänzender Zylinder auf dem Kopf getragen. Fast scheint man sich karnevalistischer Übertreibungen zu schämen.
Nach dem Helga-Hahnemann-Double und dem Sonari Chor, nach dem Komiker Harry und noch mehr Höhepunkten kommen der Prinz und die Prinzessin. Doch das karnevalistische Fußvolk fremdelt. Es stecken eben keine Karnevalsgene in den Körpern der Berliner. Sie lassen sich nur schwer infizieren von den Auswüchsen der fünften rheinischen Jahreszeit. Während der Kölner sich lustvoll dem humorigen Schüttelfrost hingibt, erwischt den Hauptstädter gerade mal ein leichter Schauer. Mehr geht eben nicht. Diese Immunität muss er durch harte Arbeit wettmachen. Es reißt ihn nicht mit. Er konsumiert die Show. Er hält durch, auch wenn es Längen gibt. Er spürt, dass auf der Bühne der Schweiß der – zumeist bestenfalls halbprofessionellen – Künstler fließt. Es springt kein Funken über.
Langer und steiniger Weg
„Wir sind“, ruft der Prinz ins nicht gerade euphorisierte Auditorium, „mit dem Berliner Karneval auf dem richtigen Weg.“ Darüber, wie lang und steinig der noch ist, sagt er lieber nichts. Zwei Stunden nach ihrer Begegnung mit den gemeinen Untertanen sitzen Seine Tollität Martin I. und Prinzessin Gerti I. im Wittenauer „Sportler-Eck“. Die Kneipe, Heimstatt des Karnevalvereins „Harlekins Berlin“, ist an diesem Abend das Hauptquartier des karnevalistischen Hofstaats. Es gibt reichlich Kölsch und laute Schlagermusik. Der Laden ist voll. Die Saison ist dieses Jahr nur kurz, da muss gefeiert werden, wann immer sich dafür Gelegenheiten bieten.
Martin Hortig ist im zivilen Leben Rechtsanwalt und als solcher nicht unbedingt mit den heiteren Seiten des Daseins beschäftigt. Das kann er nicht verheimlichen. Fachgespräche zum Thema „Berliner Karneval“ führt er in druckreifen Sätzen.
Orden über Orden
Der Prinz stärkt sich zunächst mit einer Stange Kölsch. Um seinen Hals hängen der Orden seines eigenen prinzlichen Hauses, der Orden der „Narrenkappen“, der Orden des diesjährigen Karnevalszugs. Zu Hause liegen noch rund 20 ähnliche eiserne Schmuckartikel zur Auswahl, die, je nach Anlass, zum dekorativen Einsatz gelangen. Am Ende der Session wird seine Hoheit rund doppelt so viele sein Eigen nennen. Immerhin.
Drei Termine hat Martin I. hinter sich. Sein Kölner Kollege hätte diesen Stand bereits zwischen 8 und 8.30 Uhr morgens erreicht. Aber Orte wie Köln sind kein Maßstab, nicht quantitativ, nicht qualitativ. In Berlin sei man schon zufrieden, „sich nicht mehr lächerlich zu machen“, analysiert der Prinz die Lage. Hier neigt der Karnevalsfreund notgedrungen zur Bescheidenheit, eine in dieser Stadt eher seltene Tugend.
Den Karneval, sagt Martin I., mittlerweile beim dritten Kölsch angelangt, solle man „nicht so ernst nehmen“. Das ist ein Anspruch, der zumindest entlang von Rhein und Main als komplett gescheitert angesehen werden darf. Doch auch in Berlin will man es, wenn es grundsätzlich wird, mit dem organisierten Frohsinn nicht übertreiben. Wenn der Prinz geschliffen über das karnevalistische Geschehen referiert, dann sagt er schon mal: „Spaß beiseite!“
Den Karneval erst lernen
Seine Tollität schwärmt von einer besonderen Berliner Variante des landläufigen Karnevals: vom „Karneval fürs Volk“. Eine Utopie, denn das Berliner Volk muss den Karneval erst lernen, auch wenn zum großen Umzug, traditionell am Sonntag vor Rosenmontag, Hunderttausende kommen. Aber es erscheinen ja auch bereits wahre Massen, wenn ein Elektro-Kaufhaus eröffnet. Vielleicht ist der Berliner von Grund auf leicht verrückt.
Noch aber betreiben Martin und seine Gerti, wie der Prinz sagt, „Aufbauarbeit“. Die höhnischen Attacken, die noch vor Jahren gegen das karnevalistische Treiben in Berlin geritten wurden, sind freundlicher Aufgeschlossenheit gewichen.
Es bleibt noch viel zu tun. Doch wo es an Professionalität fehlt, regiert eine schöne Buntheit. Auch der Berliner Karneval ist ein Karneval der Kulturen (sogar mit einem Schwulenwagen im Zug), ein „Spielraum für Experimente“, so das Prinzenwort, „unbelastet von jahrhundertealtem Brauchtum“. Es gibt durchaus Anlass zur Hoffnung. Zahlreiche der einst aus Bonn hinzugezogenen Beamten, wird kolportiert, würden erwägen, dem Berliner Umzug ihre Gunst zu gewähren und den rheinischen Rosenmontag mit Abwesenheit zu strafen. Heldenhaft. Und ziemlich jeck.
Kai Ritzmann
| Rekordbeteiligung: Der Zug kommt! |
| Dieses Jahr bewegt sich der Karnevalszug vom Steinplatz bis zur Ecke Kurfürstendamm und Joachimstaler Straße. Am Sonntag, 3. Februar, geht es um 11.11 Uhr los. Bereits jetzt ist eine Rekordmeldung an großen Festwagen angekündigt, deren genaues Aussehen aber noch ein Geheimnis bleibt. Im Anschluss gibt es im Q-Dorf, Joachimstaler Straße 15, eine „Große After Zug Party“. Es ist bereits der achte Zug, 2001 säumten rund 250 000 Schaulustige die Wegstrecke. Vergangenes Jahr wuchs die Zahl auf mehr als eine Million an. Im Berliner Karneval sind etwa 1000 Jecken in mehr als 20 Vereinen aktiv. |