Sicherheitsvorkehrungen gegen mögliche Terroranschläge: Die Berliner Polizei zeigt am Hauptbahnhof verstärkt Präsenz. Fotos: Augen-Blick
Sicherheitsvorkehrungen gegen mögliche Terroranschläge: Die Berliner Polizei zeigt am Hauptbahnhof verstärkt Präsenz. Fotos: Augen-Blick
Sperrzone Reichstag: Die Kuppel ist für die Öffentlichkeit geschlossen, der Platz der Republik mit einem Zaun umstellt.
Sperrzone Reichstag: Die Kuppel ist für die Öffentlichkeit geschlossen, der Platz der Republik mit einem Zaun umstellt.

Terrorgefahr: Berliner bleiben gelassen

Absperrungen vor öffentlichen Gebäuden, verstärkte Ausweis- und Gepäckkontrollen. Die Polizei zeigt in der Hauptstadt Präsenz.

Berlin. Der Reichstag ist beinahe zur Festung geworden, auch an anderen Orten der Hauptstadt zeigen Sicherheitskräfte demonstrativ Präsenz. Dennoch ist den Menschen auf der Straße eher Trotz als Aufregung anzumerken. Angst essen Seele auf? Da ist der Berliner aber anderer Meinung.

Hauptbahnhof: Es ist gewohnt zugig auf dem Hauptbahnhof, es ist zum Bibbern, aber die Leute zittern vor Kälte, nicht vor Angst. Die Furcht vor einem Terroranschlag hält sich in Grenzen, sogar an diesem Ort, der doch als eines der herausragenden Ziele möglicher Attentate gilt. Eine Reisegruppe aus Wiesbaden ist gerade eingetroffen, ihre Ziele während der kommenden vier Tage sind vor allem die berühmten Museen der Stadt. Natürlich habe man vor Antritt der Fahrt über die mögliche Terrorgefahr in Berlin gesprochen, aber rasch habe auch festgestanden: Eine Änderung des Programms kommt nicht infrage. Die längeren Schlangen wegen der verschärften Einlasskontrollen wolle man gern akzeptieren. „Es ist ohnehin nicht zu ändern“, sagt ein Mitglied der Gruppe.

Nur wenige Meter entfernt stehen zwei Polizisten, einer von ihnen mit einer Maschinenpistole vor dem Bauch. „Gut“, sagt eine Charlottenburgerin, die soeben mit dem ICE aus Hamburg eingetroffen ist, sei die Präsenz der Sicherheitskräfte. Auch sie selbst sei „wachsamer als sonst“, behalte ihren Koffer fest im Blick und achte auf fremde Gepäckstücke. Also doch ein etwas mulmiges Gefühl im Bauch? „Nein“, sagt sie, „eigentlich nicht.“

Ob der junge Mann in weiten Jeans und gefüttertem Parka, der auf einer Bank sitzt und wartet, in den großen Berliner Kaufhäusern Schwierigkeiten bekommen würde, wissen wir nicht. Hier im Hauptbahnhof jedenfalls muss er sich der schwerbewaffneten Polizeistreife gegenüber ausweisen. Er tut es mit demonstrativer Gelassenheit. Auch die Polizisten bleiben höflich. Er hat übrigens einen deutschen Pass – und ein türkisches Äußeres. Ob man in der augenblicklichen Lage als türkisch oder arabisch aussehender junger Mann auf einem deutschen Hauptbahnhof wirklich gern auf einen Zug warten möchte, scheint doch sehr die Frage.

Alle paar Minuten warnt eine Lautsprecherdurchsage die Fahrgäste auf Deutsch und Englisch davor, das Gepäck unbeaufsichtigt zu lassen. Fast empört reagiert Frau Rennhack auf die Frage, ob sie Angst habe. Sie ist Verkäuferin im Blumenladen auf der ersten Bahnhofsetage. „Überhaupt nicht!“ Es spricht aus ihr auch so etwas wie Berliner Trotz, dieses hauptstadttypische „Mir kann keener!“. „Das Leben“, sagt sie, müsse „weitergehen“, und ein Anschlag könne an so vielen Orten geschehen. Eher fatalistisch reagiert auch ein Immobilienmakler aus Pankow. Ein „gewisses Risiko“ sei eben mit dabei, wenn man derzeit mit der Bahn fahre, die Polizei könne ja nicht jeden kontrollieren. Aber Furcht spüre er keine. Dennoch halte auch er „die Augen auf“: „Man überlegt schon, wenn man bestimmte Koffer sieht.“

Eher unwirsch fällt die Antwort aus, die uns die Verkäuferin des kleinen Brillengeschäfts im Erdgeschoss des Bahnhofs gibt. Kommt sie beunruhigt zu ihrem Arbeitsplatz? „Wissen Sie“, sagt sie, „ich bin gerade Mutter geworden. Da habe ich ganz andere Sorgen.“

Reichstag: Wem bisher ob der möglichen Anschläge noch nicht allzu ängstlich ums Herz geworden ist, den lassen die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Reichstag jedenfalls nachdenklich werden. Der Rasen vor dem mächtigen Gebäude ist mit rot-weißen Gittern abgesperrt, der Platz vor dem Zugang für die Parlamentarier ebenfalls für die Bürger unzugänglich geworden. Auch der Eingang und die gläserne Front des benachbarten Paul-Löbe-Hauses sind abgeriegelt. Polizeiwagen und -patrouillen sind allgegenwärtig. Hier fährt der Staat mächtig viel Abwehr auf. Aber an diesem eisigen Nachmittag scheint der ärgste Feind der Polizisten die Kälte zu sein, sie ist sehr konkret, die Bedrohung bleibt recht vage.

In den Deutschen Bundestag gelangen nur noch angemeldete Besucher, der Gang durch die transparente Kuppel ist mittlerweile nach Anmeldung wieder gestattet. Dennoch: Was als Symbol für die Offenheit der Demokratie galt und noch immer gilt, wird unter dem Eindruck der aktuellen Bedrohung zur Sperrzone. Man darf dies in der noch kurzen Geschichte der Berliner Republik eine Zäsur nennen.

„Mit reingeschmuggelt“ hat sich Alfred Nesseler aus Köln mit seiner Familie. Die drei haben sich einfach einer avisierten Gruppe angeschlossen, wäre ihm das nicht gelungen, hätte er sich „sehr geärgert“. Ärgern können sich stattdessen die Sicherheitskräfte, wie leicht ihre Maßnahmen auszuhebeln sind. Auch Alfred Nesseler bleibt entspannt: „Es herrscht doch kein Krieg.“ Und wenn die Polizei wieder abgezogen sei: „Was dann?“ Da bleibt ihm nur noch die bekannte Kölner Gewissheit: „Watt kütt, dat kütt.“

Hotel Adlon: Man sei, sagt die Verkäuferin beim Herrenausstatter im Adlon, dazu angehalten worden, auf verdächtige Dinge und Personen zu achten. Natürlich halte man sich daran, einerseits. Nur habe sie bislang noch rein gar nichts Verdächtiges entdecken können, andererseits. Inmitten der noblen Garderobe blickt die Dame durch das Schaufenster ruhig nach draußen, auf den Pariser Platz. Hier ist es so heimelig, hier soll Gefahr drohen?

Am Eingang zum Hotel ist jetzt ein Metalldetektor aufgebaut, alle Besucher und Gäste müssen Gegenstände, die bei dem Gerät anschlagen könnten, durch einen Scanner laufen lassen. Der Ton des Personals ist ausgesucht höflich, man wünscht nach der Kontrolle noch einen „schönen Aufenthalt“. Im Foyer legt sich vorsorglich fein dosiertes Licht und live gespielte Klaviermusik über jede möglicherweise aufkeimende Terrorfurcht.

Hier will man sich getrost in sein Schicksal fügen. Denn was hatte uns die Boutiqueverkäuferin noch mit auf den Weg gegeben? „Das Leben ist nun mal gefährlich.“

Kai Ritzmann

Bedürfnis nach Sicherheit ist groß

Das Ergebnis unseres Leserbarometers in der vergangenen Woche ist eindeutig.

Berlin. Passiert ist nichts, zum Glück. Mitte November 2010 gab es Hinweise von Informanten aus der Terrorszene.

Sie waren alles in allem recht vage, dennoch sprach der Bundesinnenminister von einer konkreten Gefährdungslage. Praktisch über Nacht zogen zum Schutz der Bevölkerung an potenziell gefährdeten Orten schwer bewaffnete Polizisten auf, wurden Absperrgitter aufgestellt – auch und besonders in Berlin. Nach Meinung unserer Leser tat der Staat gut daran, die Sicherheitsstufe erkennbar zu erhöhen.

Das Ergebnis des Leserbarometers ist eindeutig. Auf die Frage, ob die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen richtig seien, antworteten 80 Prozent der teilnehmenden Leser mit Ja, 20 Prozent mit Nein. Es spricht daraus auch das Bedürfnis nach mehr Schutz und Sicherheit in unruhigen Zeiten. Wer auf Bahnhöfen, Flughäfen und an anderen sensiblen Orten auf Polizisten mit Maschinenpistole und kugelsicherer Weste trifft, erkennt erleichtert, dass die Behörden seine Sorgen ernst nehmen.

So fühlen mehrheitlich wohl auch unsere Leser. Vor einigen Tagen sind die Schutzvorkehrungen heruntergestuft worden. Im Berliner Hauptbahnhof wurde der besondere Einsatz der Polizei gestoppt. Der Reichstag bleibt abgeschirmt, der Besuch dort ist allerdings mit Einschränkungen möglich. Schnell aber kann die Lage wieder dramatisch werden. Dann würde der Staat erneut deutlich in Stellung gehen. Die Zustimmung unserer Leser hätte er.

Kai Ritzmann


Terrorwarnung und Sicherheitsvorkehrungen
Am 17. November trat Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor die Kameras und sprach von einer „veränderten Lage“. „Jüngste“ Erkenntnisse hätten „nachhaltige Bestrebungen islamistischer Gruppen zu Anschlagsplanungen in der Bundesrepublik Deutschland“ bestätigt. Drei Tage später legte der „Spiegel“ mit der Vorabmeldung nach, den Behörden lägen konkrete Hinweise auf Terroranschläge gegen den Reichstag vor. Die Quellen hätten von einem Bombenanschlag oder einer Erstürmung mit Geiselnahme und anschließendem Blutbad berichtet. Seitdem herrscht auf Berliner Bahnhöfen, Flughäfen und besonders symbolträchtigen Orten wie dem Reichstag erhöhte Wachsamkeit. In der Hauptstadt müssen die Sicherheitskräfte derzeit fünfmal mehr Hinweisen auf versteckte Bomben nachgehen als sonst – zum Glück war es bisher stets blinder Alarm. Dennoch sagte de Maizière unlängst, „eine Entwarnung wird es in absehbarer Zeit nicht geben“.

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