



320 Jugendliche mussten im ersten Halbjahr aufgrund ihres übermäßigen Alkoholkonsums im Krankenhaus behandelt werden.
Berlin. Die Rituale sind immer die gleichen: Jugendliche verabreden sich. Die Volljährigen kaufen Bier oder alkoholische Mixgetränke, dazu meist noch Hochprozentiges. Dann geht es in Parks, auf Spiel- oder Bolzplätze. „Party machen“ ist nur eine Umschreibung für die „Hochdruckbetankung“ in der Clique, Komasaufen eine andere.
„Wo sollen wir hin? Kneipen sind zu teuer, und ein Jugendclub ist nicht in unserer Nähe. Außerdem gibt’s dort Alkoholverbot“, sagt Ben. Er sei 16, sagt er, wirkt aber jünger. In der rechten Hand ein Bier, in der linken eine Zigarette. Zusammen mit Freunden steht er am frühen Abend an einer Bank auf der Mittelinsel des Theodor-Heuss-Platzes in Westend. Auf dem Boden stehen ein aufgerissenes und zwei geschlossene Sixpacks Bier. Am Platz gibt es einen Supermarkt und einen Discounter für den Nachschub. Dort – unweit ihrer Schule – treffen sich die drei Jungs und vier Mädchen regelmäßig zum Trinken – nicht zu Hause, wo ihre Eltern den Alkoholkonsum kontrollierten oder verbieten würden.
Trotz Aufklärungskampagnen über die Gefahren steigt die Zahl der Jugendlichen, die nach Alkoholmissbrauch in Krankenhäuser eingeliefert werden. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten berlinweiten Studie der Techniker Krankenkasse hervor. Demnach sind im ersten Halbjahr dieses Jahres 320 Jugendliche bewusstlos in Kliniken gebracht worden. Das sind zehn Minderjährige mehr als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Die Macher der Studie erwarten für Silvester einen starken Anstieg der Zahlen.
Die Cliquen suchen meist die Abgeschiedenheit. „Diese verborgenen Treffpunkte gibt es in allen Bezirken und sprechen sich per Mundpropaganda rum“, sagt Jürgen Schaffranek, Suchtexperte bei Gangway, einem Streetworkerprojekt, das berlinweit Straßensozialarbeit leistet und zumeist Jugendliche betreut. Alkoholmissbrauch sei ein Phänomen, das nicht nur in Problemkiezen, sondern überall auftrete. Auch in bürgerlichen Ortsteilen wie Zehlendorf, Nikolassee, Grunewald, Pankow, Weißensee oder Köpenick, berichtet der 51-jährige Sozialpädagoge, der die Treffpunkte nicht nennen möchte, um keine Reklame zu machen.
Der stadtweit bekannteste Ort der Suff-Szene ist der Alexanderplatz am Wochenende. Dort gebe es stadtweite Verabredungen, die via Internet getroffen werden können. Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es vier Brennpunkte, an denen vermehrt alkoholisierte Kinder und Jugendliche angetroffen werden: Neben dem Alexanderplatz sind das der Bahnhof Spandau, die Joachimstaler Straße in Charlottenburg und die Gropius Passagen in Neukölln. Vergangenes Jahr wurden bei Einsätzen und Kontrollen 2058, in diesem Jahr bis Ende September 1227 alkoholisierte Kinder und Jugendliche gezählt. Schaffranek: „Die Jugendlichen suchen den Vollrausch als Grenzerfahrung, wollen sich messen und übertreffen. Ohne Aufsicht und Kontrolle entgleitet das Trinkverhalten dann.“
Ärgernis für Nachbarn
Mehrere Krankenkassen wollen gegensteuern. Aktionen wie „HipHop statt Komasauen“ oder „Bunt statt blau“ – ein bundesweiter Plakatwettbewerb an Oberschulen – sollen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol sensibilisieren. Denn auch für die Nachbarschaft sind diese Besäufnisse ein Ärgernis. Einerseits durch Lärmbelästigungen mit Gejohle, andererseits durch zertrümmerte Flaschen und zurückgelassene Verpackungen. „Sie müssten den Platz mal am Montagmorgen sehen. Überall liegen Scherben. Da kann kein Kind mehr spielen“, sagt der Anwohner des Bolzplatzes am Wartburgplatz in Schöneberg.
Die Reinickendorfer CDU will gegen Jugendtreffpunkte auf Straßen und Plätzen in Tegel mit einer Videoüberwachung vorgehen. Dies lehnt beispielsweise die FDP ab: Die Probleme würden dadurch nur auf andere Plätze verlagert. Vielmehr sollte man die Straßensozialarbeit verstärken. Erfolgreich war Spandau, wo im Koeltzepark in der Neustadt durch Erlass einer Parkordnung mit Alkoholverbot gegen die „Fremdnutzung“ vorgegangen werden konnte. „Es gibt aber andere beliebte Treffpunkte im ganzen Bezirk“, räumt Elke Gassert vom Ordnungsamt ein, weist aber darauf hin, dass sich die Situation in der kalten Jahreszeit immer etwas entspannt.
Trinken trotz Verbot
Obwohl es in so gut wie allen Jugendeinrichtungen ein Alkoholverbot gibt, wird dort getrunken. „Aber niemand will öffentlich darüber reden“, sagt der Leiter eines Jugend- und Familientreffs im Nordosten Berlins, der nicht genannt werden möchte. Besonders bei Rockveranstaltungen werden betrunkene Jugendliche immer wieder zum Problem.
„Viele kommen schon angetrunken an. Manche mischen in die erhältlichen Softdrinks heimlich mitgebrachten Schnaps. Andere haben vor der Tür Alkoholdepots angelegt“, berichtet der Sozialarbeiter. Die Betreuer in den Einrichtungen seien machtlos. „Das Einzige, was wir machen können, ist bei auffälligen Jugendlichen den Drogennotdienst anzufordern.“ Das eigentliche Problem aber sei, dass die Jugendlichen an ihren stadtweiten Treffs außerhalb jeder sozialen Kontrolle seien. Und das wird Silvester wieder so sein. Ben und seine Clique vom Theodor-Heuss-Platz sind jedenfalls schon verabredet.
Matthias Berner
| Der richtige Umgang mit Alkohol muss gelernt werden |
| Komasaufen – das bedeutet laut Wikipedia extremes Alkoholtrinken unter Jugendlichen, das zu Vollrausch und Koma führen kann. Hier einige Tipps für Erziehungsberechtigte, die bei ihren Kindern auffälliges Verhalten bemerken: Eltern sollten zunächst mit gutem Beispiel vorangehen und zu Hause nicht ständig und/oder übermäßig Alkohol konsumieren, rät Gangway-Sozialpädagoge Jürgen Schaffranek. Man solle den Kindern ein vorbildliches Trinkverhalten vorleben. Alkohol sei ein anerkannter und tolerierter Teil unserer Kultur, so Schaffranek. Kinder und Jugendliche müssten aber den richtigen Umgang damit lernen. Beispielsweise das anlassbezogene moderate Trinken im Gegensatz zur „Druckbetankung“ um des Rausches willen. Das Thema Alkohol sollte zu Hause offen angesprochen werden. Aber nicht vorwurfsvoll! Wenn Kinder oder Jugendliche Sanktionen befürchten, öffneten sie sich nicht. Wird das Trinkverhalten bei Kindern und Jugendlichen zum Problem, ist es meist schon zu spät. Alarmierende Indikatoren sind beispielsweise, wenn andere Lebensbereiche wie Schule, Sport oder Freundeskreise vernachlässigt werden. Dann sollte professionelle Hilfe angefordert werden – beispielsweise bei den Integrierten Suchtberatungen, die es in vielen Bezirken gibt, oder beim Drogennotdienst unter Tel. 19237. |