Nach dem desaströsen Winter hat die S-Bahn auch im Sommer mit einigen Problemen zu kämpfen. Foto: Augen-Blick
Nach dem desaströsen Winter hat die S-Bahn auch im Sommer mit einigen Problemen zu kämpfen. Foto: Augen-Blick

Überhitzte Waggons und weniger Züge

S-Bahn: Ursache für Ausfälle der Klimaanlagen unklar – Fahrgastverband fordert mehr Personal auf Bahnhöfen.

Berlin. Ganz gleich, wie das Wetter ist, der S-Bahn scheint es nie recht zu sein. Im Winter 2009 sackte das Thermometer auf minus 20 Grad, und bei der S-Bahn fielen reihenweise Züge aus. Bei Temperaturen nahe der 40 Grad-Marke machten erneut Zugwagen schlapp, weil es zu heiß war. Ähnlich wie beim Mutterkonzern Deutsche Bahn AG sind derzeit die Klimaanlagen in Mitleidenschaft gezogen.

Auf dem S-Bahnsteig Friedrichstraße sitzt Olga Anders aus Hohenschönhausen und liest in ihrem Roman. „Ich warte bereits seit 15 Minuten auf die S 75“, berichtet die 20-Jährige. „Die Züge fahren nur alle 20 Minuten.“ Das sei ärgerlich, denn so verliere sie eine Menge Zeit auf dem Heimweg.

Zum Glück fielen die Züge nicht mehr komplett aus wie vor einem Jahr, als der Fahrplan im Chaos versank. Gebrochene Räder, schadhafte Bremszylinder, nicht eingehaltene Wartungsintervalle: Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) schickte Hunderte Züge in die Werkstätten. Die Folge: Streckenschließungen und gesperrte Bahnhöfe. Von Januar bis Oktober fiel fast jeder achte Zug aus.

Anders als beim Mutterkonzern, wo die Klimaanlagen der ICE bei Temperaturen ab 32 Grad anfangen zu streiken, ist laut einem Bahnsprecher bis jetzt nicht klar, warum auch in den S-Bahnzügen die Klimaanlagen nicht mehr mitkommen. Für den Berliner Fahrgastverband „Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin“ (IGEB) liegt der Grund für die Ausfälle in der Überlastung.

„Die Fahrzeugführer müssen zum Abfertigen der Züge den Fahrerstand verlassen. In dieser Zeit, während der Zugfahrer darauf wartet, dass alle Fahrgäste ein- und ausgestiegen sind, gelangt zu viel warme Luft in die Fahrerkabine. Die Klimaanlagen können den warmen Luftstrom nicht mehr genügend herunterkühlen“, erläutert der Vorsitzende Christfried Tschoepe das neueste Malheur. „Für uns kommen diese Ausfälle nicht unerwartet.“ In der Fahrerkabine sei sensible Technik untergebracht. Für diese gäbe es die Kühlaggregate, die nun wegen Überbelastung teilweise schlappgemacht hätten.

Sicherheit für Fahrgäste

Das weist ein Bahnsprecher entschieden zurück. Er räumte zwar Ausfälle der Klimaanlagen ein. „Aber nach unseren bisherigen Erkenntnissen liegt die Ursache nicht darin, dass es in den Fahrerkabinen zu heiß geworden ist.“ Die S-Bahn GmbH sei an dem Thema dran, und die Klimaanlagen würden in den Werkstätten überprüft.

Tschoepe fordert dennoch, auf den Bahnhöfen wieder mehr Abfertigungspersonal einzusetzen. „Wenn die Fahrer nicht ständig ihre Türen öffnen müssen, werden die Klimaanlagen weniger strapaziert.“ Mehr Personal auf Bahnhöfen trage zudem zur Sicherheit der Fahrgäste bei. Wenig hält er dagegen von dem Vorschlag des Senats, die S-Bahn in die BVG einzugliedern. „S- und U-Bahn sind aus technischen Gründen zwei völlig verschiedene Systeme und sollten daher auch getrennt bleiben“, so Tschoepe.

„An mehr Bahnhofspersonal ist aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht zu denken“, sagt indes ein Sprecher der Bahn. Mitarbeiter würden nur noch dort eingesetzt, wo es aus technischen Gründen nötig sei. Ziel sei es vielmehr, künftig die An- und Abfahrt auf Bahnhöfen nur noch elektronisch zu steuern. Mitte Juli seien zwar 20 Viertelzüge weniger im Einsatz gewesen. „Aber es sind keine Zugfahrten ausgefallen“, betont der Sprecher. Während der Sommerferien setze man generell weniger Waggons ein, weil der Bedarf geringer sei. So fahren beispielsweise auf den Linien 3 und 5 die Züge derzeit nur mit sechs statt acht Wagons, weil weniger Fahrgäste unterwegs seien. Die mit dem Senat vereinbarte Anzahl von 562 Viertelzügen gelte zudem nur für die Spitzenzeit im morgendlichen Berufsverkehr. Zum Ende des Jahres plant die krisengeplagte S-Bahn die Rückkehr zum Normalfahrplan. Bis dahin gilt gleichzeitig die befristete Betriebserlaubnis des Eisenbahn-Bundesamtes.

Wegen zahlreicher Wartungsmängel hatte das EBA die Lizenz 2009 nur um zwölf Monate verlängert. „Wir haben der S-Bahn zahlreiche Auflagen erteilt“, sagt EBA-Sprecherin Heike Schmidt. Das EBA ist vor allem für die Verkehrssicherheit zuständig. Anders als bei Kraftfahrzeugen gibt es jedoch für Bahnen keinen TÜV. Die Bahnbetreiber verpflichten sich, die Technik regelmäßig selbst zu prüfen. „Die Klimaanlagen zur Kühlung der Zugtechnik in der S-Bahn zählen nicht zu den sicherheitsrelevanten Betriebsteilen“, so Schmidt. Deshalb lägen dem EBA noch keine Erkenntnisse über die Ursachen des Versagens vor.

Erst im Juni schlossen S-Bahn und die Berliner Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) einen Vertrag, der höhere Strafzahlungen vorsieht, damit das Land Berlin künftig nicht auch noch für Züge bezahlt, die gar nicht fahren. Derzeit erhält die S-Bahn jährlich einen Zuschuss in Höhe von 230 Millionen Euro. Fallen Züge in größerem Umfang aus, war bisher ein Abzug von höchstens fünf Prozent möglich. Nun sind bis zu 16 Prozent machbar. Nach den Vereinbarungen hat sich die S-Bahn verpflichtet, ab Januar dieses Jahres in der Hauptverkehrszeit 562 Viertelzüge täglich fahren zu lassen. Zurzeit sind aber nur etwas mehr als 400 unterwegs. Die Stadtentwicklungssenatorin hat die S-Bahn bereits ermahnt, sich an die Vereinbarungen zu halten.

Senat kürzt Geld

Im vergangenen Jahr, als die Konditionen noch schlechter aussahen, behielt die Senatsverkehrsverwaltung 37 Millionen Euro für nicht gefahrene Züge zurück. Mit diesem Geld werden Fahrstühle in die Bahnhöfe eingebaut, die noch keinen haben. Dazu zählen die U-Bahnhöfe Uhlandstraße, Kaiserin-Augusta-Straße, Britz Süd, Scharnweberstraße und Otisstraße. Außerdem sollen davon vier Aufzüge im Bahnhof Ostkreuz finanziert werden.

Der Rest des Geldes wird für neue Dächer am Ostkreuz sowie bei 99 Tram- und Bushaltestellen eingesetzt. „Der weitere barrierefreie Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs ist mir dabei besonders wichtig“, sagt Junge-Reyer.

Wegen geringerer Ticketeinnahmen und Kürzungen der Zuschüsse durch die Länder Berlin und Brandenburg machte die S-Bahn im ersten Halbjahr 2010 einen Verlust von 40 Millionen Euro.

Marianne Rittner



S-Bahn gewährt Preisnachlässe
Für die Ausfälle im S-Bahnverkehr entschuldigt sich die S-Bahn in diesem Jahr bei den Fahrgästen mit unterschiedlichen Preisnachlässen. Abo- und Jahreskarteninhaber sowie Studenten der Universitäten in Berlin, Potsdam und Wildau mit Semestertickets fahren zwei Monate kostenlos. Inhaber von festen Monatskarten sowie des Berlin-Tickets S erhalten für zwei Monate eine Bar-Erstattung von jeweils 15 Euro. Für Kunden mit gleitenden Monatskarten verlängert die S-Bahn die Gültigkeit im November um zwei Wochen. Kunden, die nur gelegentlich mit der S-Bahn fahren, kommen in diesem Jahr an den Wochenenden im November und Dezember in den Genuss verbilligter Fahrten. Mit einem Einzelfahrschein können sie dann den ganzen Tag die S-Bahn nutzen.


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