


Das gemeine Stadtwildschwein wird zum Ärgernis. Aber aus Vorgärten, Parks und Straßen vertreiben lässt es sich nicht mehr.
Berlin. Die Population des Sus scrofa scrofa explodiert, und die Abschussquote ist so hoch wie selten. Die Wildschweinjagd ist wichtig, doch lösen kann das Problem nur ein kluger Umgang mit dem Borstentier.
Erinnert sich noch jemand? Früher – zugegeben, es ist ein paar Jahrzehnte her – sind Eltern mit ihren Kindern zum Beispiel in die Rehberge gegangen und haben dort durch den Maschendrahtzaun hindurch die Wildschweine gefüttert. Als Delikatesse galten unter den Bewohnern des Geheges rohe Spaghetti aus der Plastiktüte. Gerade zur Winterzeit hatte man das Gefühl, wirklich etwas Gutes zu tun. Heute kann sich der Berliner den Weg oft sparen: Das Wildschwein steht in seinem Vorgarten, und es gräbt denselben ziemlich eigensinnig um auf der Suche nach etwas Nahrhaftem. Die Freude über diesen Kontakt der urbanen Art hält sich bei den Betroffenen allerdings in engen Grenzen
So ist es auch in der Gegend entlang der Heerstraße, etwa auf der Höhe des Olympiastadions in Charlottenburg. „Einer der derzeitigen Lieblingsorte“ für die kaum possierlich zu nennenden Säugetiere, sagt Marc Franusch. Der 44-Jährige ist Förster und Sprecher der Berliner Forsten und stapft an diesem eisigen Morgen durch den kleinen Park entlang der viel befahrenen Ost-West-Verbindung. Zwar von Schnee bedeckt, doch mit geübtem Blick gut zu sehen, sind die durchgepflügten Rasenflächen, die bei den Anwohnern für Verdruss sorgen. „Der Boden hier“, sagt Franusch ungerührt in die Kälte hinein, „ist immer umgewühlt.“ Die Tiere seien eben „nicht mehr auf den Lebensraum Grunewald angewiesen“. Alles, was sie brauchen, finden sie auch in den Parks und Gärten – und meist in viel besserer Qualität. Der ununterbrochene Verkehrsfluss stört sie längst nicht mehr. Nicht viel anders ist es in ihren anderen Lieblingsgegenden in Tegel, Zehlendorf, Wannsee, Köpenick.
Später, in der Wärme eines unweit gelegenen Stehcafés, wird Franusch erklären, dass sich der Berliner an die teilweise auch intensive physische Nähe der Borstentiere werde gewöhnen müssen. „Die Wildschweine leben heute in der Stadt, und diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen.“ Berlin sei da ein Vorreiter, andere Großstädte hätten sich schon nach den hiesigen Erfahrungen erkundigt.
2008, hat Franusch ermittelt, sei die Wildschweinpopulation „explodiert“. Auf 5000 bis 8000 Exemplare schätzt er den Bestand in Berlin, am Ende des Winters könnten bis zu 3000 Abschüsse auf dem Konto stehen. Damit würde 2008/2009 als „die erfolgreichste Jagdsaison seit 100 Jahren“ in die Annalen eingehen. Es wird derzeit viel geschossen in den Berliner Wäldern, dennoch ist mit der Jagd den Wildschweinen nicht beizukommen. Vor allem Klimawandel und Maisanbau im Umland fördern die Verbreitung zu kräftig.
Gelehrige Tiere
In den Wohngegenden haben die Wildschweine zahlreiche „Nischen“ gefunden – und nahezu ideale Überlebensbedingungen. Offene Kompoststellen oder Müllsäcke vor der Tür ziehen die Tiere magisch an. Sie sind gelehrige Tiere, die ihr Verhalten rasch an neue Bedingungen anpassen. Das oft fahrlässige Benehmen des Menschen prägt sich ihnen leicht ein. Wer morgens ob seiner entstellten Zieranlagen entrüstet die Verwaltung anruft, muss sich fragen lassen, ob er durch sein Handeln nicht vielleicht selbst Teil des Problems geworden ist. Die durch die Häuserzeilen ziehenden Schweine sind auch ein von Menschen hausgemachter Konflikt.
Tatsächlich zu einem Problem sind jene sich selbst wohl als Tierfreunde verstehenden Menschen geworden, die regelmäßig Fütterungen veranstalten. Durch diesen Nahrungsmitteltransfers vom Zwei- zum Vierbeiner (etwa auf der Havelchaussee) werden die Tiere perfekt darauf dressiert, ihren Hunger im Wesentlichen mithilfe des Menschen zu stillen. Franusch packt da eine große Wut auf die Fütterer – und ein nicht weniger großes Mitleid mit den Gefütterten, die „denaturiert“ jede Distanz zu den Menschen einbüßten und auf diese angewiesen blieben. Er spricht von „mangelndem Respekt“ gegenüber den Tieren.
Während sich auf der einen Seite der Stadt Menschen zum Füttern der Wildschweine treffen, kann es geschehen, dass an einem anderen Ort sich Menschen begegnen, die ein Wildschein töten wollen. Es sind Szenen, hier wie dort, die nicht recht in die Stadt passen wollen. Wilde Tiere, die sich um Menschen scharen; und die gleichen wilden Tiere, die zwischen parkenden Autos, adretten Gartenzäunen und leuchtenden Straßenlaternen gejagt und erlegt werden.
Tierschützer versus Jäger
Es sind Lager, die nicht zueinander passen, sich feindlich gegenüberstehen. Besonders die 35 Stadtjäger, die unter Aufsicht und im Auftrag der Forstverwaltung ehrenamtlich ans Werk gehen, rufen oft Unmut und Verachtung hervor, wenn sie in Wohngegenden, alarmiert oft von der Polizei, von Veterinären, Forstmitarbeitern, ihre tödlichen Schüsse abgeben. Es ist ein sehr emotionales Thema. Nicht nur der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (BUND) plädiert daher für Kommunikation und sachliche Information. Gern spricht man von „Jagdmanagement“, auch um den gefühlsmäßigen Überdruck aus der Sache herauszunehmen. BUND-Mann Herbert Lohner jedenfalls fordert, nicht allein die Paarhufer im Blick zu haben, sondern das gesamte labile Ökosystem der Stadt – und in dem randalieren die grunzenden Artgenossen doch beträchtlich. So beklagt der Sachverständigenbeirat für Naturschutz und Landschaftspflege eine Zerstörung von „hochgradig gefährdeten Pflanzen- und Tierarten“ durch die Wildschweine. Das Gremium fordert eine „Intensivierung“ der Jagd und eine bessere Aufklärung über die Allesfresser. Die Fütterung der Tiere, so eine weitere dringliche Bitte, sollte ordnungsrechtlich verfolgt werden. Immerhin drohen Strafen bis zu 5000 Euro.
Der Bestand der Wildschweine darf nicht außer Kontrolle geraten. Doch die Menge der in der Stadt extrem gut etablierten Tiere bleibt beträchtlich. Denn die Wahrheit ist: Erst war das Wildschwein da, dann kam der Mensch. Wir müssen uns mit Sus scrofa scrofa arrangieren.
Kai Ritzmann
| Tipps bei Wildschweinsichtungen |
| Der Kontakt mit einem Wildschwein gilt als ungefährlich für den Menschen, wenn dieser ein paar Regeln beachtet. Das Tier kann meist aus ein paar Metern Entfernung heraus durch Bewegungen, Rufe oder In-die-Hände-klatschen vertrieben werden. Dabei sollte ihm unbedingt eine Fluchtmöglichkeit eröffnet werden. Von selbst verbieten sollte sich das Füttern. Kompost, Gartenabfälle und Mülltüren vor der Tür sind für die Tiere aber Leckerbissen. Einen wirksamen Schutz des Grundstücks bietet nur ein mindestens 1,50 Meter hoher Zaun, der stabil im Boden verankert ist. Infos gibt es über das „Wildtiertelefon“ unter Tel. 64193723. |
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