

Ob im Supermarkt oder in der Küche: Ein Teil unseres Essens landet im Müll.
Berlin. Es ist ein Skandal, wie Industrie, Gesellschaft und fast jeder einzelne den Wert von Lebensmitteln missachten. Dabei fiele es nicht schwer, etwas dagegen zu tun.
Wer hat das nicht schon mal erlebt: Man huscht noch schnell vor Ladenschluss in den Supermarkt, schlängelt sich zum Brotregal durch, überschaut das Angebot in Windeseile – und schon beginnt der Ärger. Genau das, was wir wollen, fehlt. Wir ärgern uns, weil wir der festen Meinung sind, ein Supermarkt sollte doch wohl in der Lage sein, das Gewünschte vorrätig zu haben. Das Brot, den Joghurt, die Erdbeeren – frisch und makellos natürlich. Was für eine Anmaßung!
Verderblicher Überfluss
Denn welch immense Vorratshaltung ist notwendig, um dem Anspruch gerecht zu werden. Wo viel Vorrat ist, ist auch viel verderblicher Überfluss. Und so landen Lebensmittel palettenweise im Abfall hinter den Märkten. Vor dieser dunklen Seite der schönen Einkaufswelt verschließen wir aber gern die Augen. Doch da gibt es Menschen, die sich mit diesen Verhältnissen nicht abfinden möchten. Sie engagieren sich unter dem Titel „Teller statt Tonne“ etwa bei Brot für die Welt, dem Evangelischen Entwicklungsdienst oder Slow Food gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Es tut sich was im Kampf gegen den haltlosen Umgang mit dem, was auf den Esstisch kommen soll.
Anfang September baten Organisationen in mehreren deutschen Städten, darunter auch auf dem Berliner Dorothea-Schlegel-Platz, zu einer langen Tafel, auf der Leckereien angeboten wurden, zubereitet aus Viktualien, die eigentlich der Kompostierung anheimfallen sollten. Es scheint, als ob sich die Einsicht den Weg bahnt, dass etwas nicht stimmt an der Art und Weise, wie Landwirtschaft, Politik, Industrie, Handel und – vor allem – wir Konsumenten mit unserem Essen umgehen. Gerade weil wir gleich bei jeder braunen Stelle am Apfel, bei jedem Tag über dem sogenannten Verfallsdatum die Nase rümpfen, ist etwas faul an unserem Verhalten.
Gigantische Mengen zu minimalen Kosten
Schuld daran sind global agierende Lebensmittelkonzerne, die aus Gründen der extrem rationellen und damit extrem profitablen Herstellung von Lebensmitteln darauf programmiert sind, gigantische Mengen zu minimalen Kosten zu zeugen. Schuld sind Fehler bei der Ernte, der Lagerung, dem Transport und der Verteilung der Nahrungsmittel, die vom Endverbraucher kaum zu beeinflussen sind. Schuld ist auch der Einzelhandel, der gleich ganze Kisten entsorgt, wenn auch nur eine einzige Packung beschädigt ist oder eine einzelne Frucht schadhaft aussieht. „Verheerend“ nennt diese Zusammenhänge Carolin Callenius, Koordinatorin für Ernährungssicherheit bei Brot für die Welt.
Doch auch der Käufer von Lebensmitteln kann durch sein Verhalten den verschwenderischen Umgang mit dem Essbaren wesentlich verringern. „Wir müssen uns des Werts von Nahrungsmitteln wieder bewusster werden“, fordert Callenius. Eine Ananas für anderthalb Euro zu kaufen, sei einfach „unmoralisch“, weil sie eigentlich für einen so geringen Betrag gar nicht angebaut und gehandelt werden könne und weil dieser Preis auch noch dazu verführe, sie eventuell ohne Bedenken wegzuwerfen. Wie der Ananas geht es Tausenden von Artikeln aus den Supermärkten.
Wir sollten uns fragen, ob nicht Obst und Gemüse mit kleinen Macken noch mundet, ob wir nicht zuviel auf Vorrat kaufen, ob wir nicht Speisereste noch weiterverwerten können. Dafür allerdings müssten wir weniger Vorgefertigtes in den Einkaufswagen legen und mehr selber kochen.
Auf den gesunden Menschenverstand vertrauen
Sollten wir nicht auch mehr darüber wissen, woher die Dinge, die wir essen und trinken, stammen? Des teureren Fleisches vom Bauernhof entledigt man sich bestimmt nicht so rasch wie der anonymen Billigware aus dem Kühlregal. Sollten wir nicht – ein durchaus heikler Punkt – den Mindesthaltbarkeitsaufdrucken eher misstrauen und stattdessen mehr unseren Sinnen und dem gesunden Menschenverstand vertrauen? Warum nehmen wir den abgelaufenen Joghurt nicht zunächst in Augenschein und riechen an ihm und entscheiden dann erst, ob wir uns tatsächlich von ihm trennen?
Dass zu viel produziert, zu viel verkauft, zu viel weggeschmissen wird, zeige die „Krankheit“ des Systems, beklagt Nadja Flohr-Spence von der Berliner Slow-Food-Gruppe. Vielleicht ist es das Leiden an dieser – ein großes Wort – die Schöpfung verachtenden Praxis, vielleicht ist es aber auch einfach schick und ein Großstadtphänomen, wenn junge Menschen sich nächtens kopfüber in die Abfallbehälter der Supermärkte stürzen und sie auf der Suche nach Essbarem durchwühlen. Sie nennen es Containern, Dumpstern (abgeleitet vom englischen dumpster, also Mülltonne) oder Dumpster diving (Tonnentauchen). Im Internet rühmen sich die Aktivisten des „Spaßes“, des Protests gegen den „Wohlstandschauvinismus“ und die Globalisierung oder ihrer „antikapitalistischen Guerillaaktion“.
Cool und unpolitisch
Auch in Berlin verabreden sie sich online, auch die Hauptstadt-Taucher umgeben ihr halblegales Tun mit einem Hauch von Geheimnis und Abenteuer, es ähnelt Partys auf verlassenen Fabriketagen oder verbotenem Graffiti-Sprayen. Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel, ist nicht gut auf sie zu sprechen. „Einfach nur cool und unpolitisch“ sei ihr Verhalten.
Doch richtig ärgerlich, gar ein „Politikum“, sei das Verhalten der Supermarktketten, die offensichtlich nur einen Teil ihres noch genießbaren Lebensmittelüberschusses an die „Tafel“ abgäben, einen nicht unbeträchtlichen Rest jedoch weiterhin in die Container beförderten.
Für Nadja Flohr-Spence von Slow Food ist das Containern aber durchaus eine „politische Bewegung am Rande unserer Konsumgesellschaft“. Die jugendlich-wilden Tonnenerkundungen verwiesen darauf, dass „bei der Nahrungsmittelproduktion etwas schiefläuft“.
Kai Ritzmann

Mehrheit der Leser sieht Mindesthaltbarkeitsdatum kritisch.
Berlin. Mit großer Mehrheit von 87 Prozent gaben unsere Leser zu, Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) noch zu verwenden.
Mit diesem Verhalten setzen sie sich an die Spitze einer Bewegung, die der aufgedruckten Fälligkeit misstrauisch gegenübersteht. Politik und Verbraucherorganisationen hinterfragen immer stärker den Sinn des von der Nahrungsmittelindustrie verwendeten Datums. Die Berliner Verbraucherzentrale etwa erklärt, dass „nach Ablauf des MHD Lebensmittel meist noch nicht verdorben“ seien.
Auch Nadja Flohr-Spence von Slow Food Berlin beteuert, dass das verwendete Fälligkeitsdatum „mit der Qualität der Lebensmittel tatsächlich nichts zu tun“ habe. Wer vermeintlich zu Altes eher wegwirft, verschwendet nicht nur massenweise Lebensmittel, er kauft auch schneller neue. Was also tun? Eine Alternative wäre, angelehnt an die englische Formulierung „Best before“, der Aufdruck „Schmeckt am besten bis“ oder ein Zusatz, der das MHD zumindest relativiert. Die Debatte darüber ist schwierig und fängt gerade erst an. Da bleibe, weiß auch die Slow-Food-Aktivistin, vor allem das Vertrauen in die eigenen Sinne und die eigenen Erfahrung: riechen, beschauen, kosten. Und nicht unbesehen wegwerfen. k.r.
| Das Ausmaß der Verschwendung |
| Der Film „Taste the Waste“ und das Buch von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn „Die Essensvernichter“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, belegen eindrucksvoll den katastrophalen Umgang mit Lebensmitteln. Danach werden weltweit rund 1,3 Milliarden Tonnen Essen im Jahr umsonst hergestellt. Das entspricht fast der gesamten Nahrungsmittelproduktion in Afrika südlich der Sahara. Allein in den Industrieländern, rechnen die Autoren anhand einer UNO-Studie vor, landeten 222 Millionen Tonnen auf dem Müll. In Europa würden bis zu 30 Prozent der Lebensmittel ungenutzt entsorgt, das seien statistisch 300 Kilogramm pro Kopf und Jahr. |