


Verkehrslärm, Handyklingeln, laute Musik: Der Großstadtmensch ist einer Vielzahl von Geräuschen wehrlos ausgeliefert.
Berlin. Schon ein Spaziergang durch die Innenstadt setzt den Passanten einem Bombardement der Geräusche aus. Man sucht Ruhezonen fürs Ohr – vergeblich. Stille ist eben der neue Luxus. Unterwegs auf Berlins Straßen mit dem Klangphilosophen Sam Auinger.
Irgendwie ist Sam Auinger der Frühling abhanden gekommen, akustisch gesehen zumindest. Die Vogelstimmen, fragt er, wo sind die Vogelstimmen nur geblieben? Auinger ist Musiker, Klangpraktiker und Klangtheoretiker. Er macht Installationen und Performances, arbeitet für Oper, Theater, Radio und ist Gastprofessor für „Experimentelle Klanggestaltung“ an der Berliner UdK. Er ist radikal in seinem Widerstand gegen den allgegenwärtigen Geräuschnebel, der durch die Großstädte wabert, aber er ist dabei nicht blindwütig. Er weiß, dass Stadtgeräusche auch sehr sinnliche Eindrücke sein können. Eindrücke, die einem sogar Geborgenheit vermitteln können, die das urbane Leben begleiten, ohne dabei als störend empfunden zu werden.
Geräusche der Großstadt
Eine Dampframme etwa auf dem Alex, das wusste schon Döblin, ist wahre Musik in den Ohren des Großstädters. Und das Klacken hoher Absätze auf dem Trottoir kann in den Ohren des Flaneurs geradezu erotische Reflexe auslösen. Aber wo viele junge Frauen lieber Sneakers tragen, bleibt diese urbane Tonspur oftmals stumm. In derartigen Fällen muss man sagen: leider. Durchaus würde Auinger solche Stadtklänge gerne hören. Aber an diesem Mittag an der Lietzenburger Straße hört er keine Dampframme und keine Absätze. Er hört auch keine Vogelstimmen. Stattdessen hört er Straßenlärm, ein einziges, diffuses, indifferentes Rauschen. Die Geräusche der Großstadt sind überall. Sie sind kaum noch zu lokalisieren. Sie machen keinen Sinn mehr. Sie sind keine kleinen akustischen Sensationen mehr, sie sind fürchterlich banal geworden.
Früher hatte ein Geräusch noch eine Quelle, einen Ort, einen Grund. Ein Schmied hat Lärm gemacht, wenn er auf seinen Amboss schlug, ein Pferdefuhrwerk, wenn es über das Kopfsteinpflaster rumpelte. Leise war die Welt auch früher nicht. Aber das einzelne Geräuschereignis war bestimmten Ursachen zuzuweisen. Es herrschte sozusagen eine Lärmordnung. Wenn Auinger heute durch Berlin geht, kann er davon nichts mehr vernehmen. Heute fluten die Stadtgeräusche wie wild durcheinander. Uns überrollt, sagt er, „eine akustische Walze“. Der Lärm in der Stadt gerät zur Qual. Man kann sich gegen ihn kaum noch wehren. Er nimmt uns in Geiselhaft. Es ist, als werde Dreck über die Bewohner ausgeschüttet, akustischer Dreck. Es ist eine gigantische akustische Umweltverschmutzung.
Wer zum Beispiel den Kurfürstendamm entlanggeht, dem schlägt aus fast allen Ladenlokalen laute Musik entgegen. In einem Schnellrestaurant gesellt sich zu dieser musikalischen Überwältigung noch eine Kakofonie aus fiependen Arbeitsgeräuschen, die von diversen Maschinen in mehreren Tonlagen generiert werden. Ein offensichtlich erwünschter Soundtrack. Ein Pelzgeschäft überfällt die Kundschaft per Außenlautsprecher schon auf der Straße mit privatrechtlichem Dudelfunk. Eine Kaffeerösterei übertüncht das an und für sich charmante Geräusch des Kaffeeröstens mit knalliger Popmusik. Zum Konsum gehört heute offenbar der künstlich erzeugte Lärm mit dazu. Es ist zum Davonlaufen, zum Ohrenzuhalten, zum Irrewerden. Wir seien, sagt Auinger, „besinnungslos geworden“ im Umgang mit Geräuschen.
Der Lärm zerstört auch soziale Beziehungen. Wenn eine Mutter ihr Kind auf der Straße anschreien muss, um in dem allgemeinen Verkehrslärm überhaupt noch zu ihm durchzudringen, ist dies für die Mutter-Kind-Beziehung nicht förderlich. Da hat eben Pech, wer an einer verkehrsreichen Straße zu wohnen gezwungen ist. Er kann sich wohl keine ruhigere Gegend leisten. Im Grunewald muss eine Mutter ihr Kind nicht anschreien. Lärmbelästigung ist also ungleich verteilt – nicht selten entlang sozialer Grenzen. „Ruhe“, sagt Klangforscher Auinger, „ist der neue Luxus.“ Den allerdings kann sich nicht jeder leisten. Nicht allein die Stadtplanung, die laute Verkehrsschneisen nicht eben durch die vornehmen Stadtviertel schlägt, auch die Architektur trägt dazu bei, Geräuschbelästigungen zu einem sozialen Problem werden zu lassen. Noble Altbaufassaden schlucken mehr Lärm als trostlose Glas- und Betonhüllen. Ihnen gibt Klangphilosoph Auinger eine nicht geringe Mitschuld an dem Lärmdesaster unserer Tage.
Mehr Sachverstand
Mit etwas mehr akustischem Sachverstand könnten Architekten, davon ist Auinger überzeugt, viel Lärmunheil vermeiden. Durch mehr Bedachtsamkeit ließe sich zwar manch unnötige Lärmverschmutzung reduzieren, doch auch Auinger weiß, dass der Stadtbewohner gegen diese Art der Zumutungen weitgehend machtlos bleibt. „Es passiert einfach“, gibt er zu. Dennoch möchte er nicht resignieren. Der Streiter für eine bessere Klangumwelt fordert ein „akustisches Mitspracherecht“ für alle. Es müssten auch in der Stadt wieder akustisch selbstverwaltete Orte geschaffen werden, traditionelle Marktplätze etwa mit ihren überschaubaren Geräuschkulissen. So kann es mit der Lärmdiktatur nicht weitergehen. Nach einer Gegenbewegung, die sich der Belastung der Umwelt durch Chemikalien, Feinstaub und Müll kritisch angenommen hat, scheint nun auch der Lärm in den Blick einer zunehmend genervten Öffentlichkeit zu geraten. In einem öffentlichen Aufruf wandte sich beispielsweise eine Gruppe von Künstlern gegen den alltäglichen Lärmverdruss in Großstädten. Bis sich etwas ändert, ist es aber wohl noch ein weiter Weg. Bei einem Telefon-Laden am Kurfürstendamm produziert die Lüftungsanlage eine permanente Lärmbarriere, bei einem Elektronik-Fachhandel tobt nachgerade ein Klangkrieg sich zu übertrumpfen suchender Soundinseln. Der Konsument muss in einen Klangteppich eingewickelt werden, um zu konsumieren? Vielleicht. Der Mensch an sich jedoch braucht mehr Ruhe, um zu überleben.
Kai Ritzmann
| Akustisches Manifest |
| Mit einem flammenden, polemischen Appell haben sich österreichische Kulturorganisationen, Politiker und Künstler gegen die allgegenwärtige Lärmbelästigung gewehrt. Mit ihrem „Akustischen Manifest“ machen sie Front gegen einen neuen, vom Schall ausgehenden „Strahlenmilitarismus“. Ob in Supermärkten, Geschäften, Restaurants, Warteräumen, Telefonwarteschleifen, ja sogar öffentlichen Toiletten – überall sehen sich die Unterzeichner Lärmattacken ausgesetzt. Auch diese Speerspitze des Protests wendet sich gegen eine Architektur, die den Schall quälend „bündelt, fokussiert, verstärkt“. Gegen eine Verkehrsplanung, die „Lärmcanyons“ wie Schneisen durch unsere Städte schlage. Gegen „Kunststoffmusik“, die in Bussen, Bahnen, Straßen, Parks und aus Handys „plärrt“. Ihre Forderung: „Schluss damit!“ |
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