


Der Verein „Berliner Unterwelten“ kümmert sich seit 1997 um die unterirdischen Hinterlassenschaften von Krieg und Industrie.
Berlin. Berlins Untergrund ist voller Schätze, die teilweise schon der Öffentlichkeit zugänglich sind: Schutzräume und Bunker, das Kanalisationssystem, Rohrpost sowie Verkehrstunnel und Geisterbahnhöfe.
Aber die Sicherung und der Erhalt dieser teils historisch bedeutsamen Bauwerke ist nicht gesichert, denn die Denkmalschützer zögern, sie unter Schutz zu stellen. „Es handelt sich hier um ein weltweit einzigartiges historisches Ensemble“, sagt Dietrich Arnold. Der 45-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Berliner Unterwelten“ und beschreibt mit ausladender Geste einen weiten Bogen über den Hanne-Sobek-Platz. Wie man sieht, sieht man nichts – oder kaum etwas. Autos brausen über die Brunnenstraße, Züge rattern im Bahnhof Gesundbrunnen und von der U-Bahn ist überirdisch nur ein dumpfes Grollen zu hören. „Wir haben hier konzentriert vier Typen von Schutzräumen und Bunkern von den Anfängen des Bunkerbaus in den 30er Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges“, sagt der studierte Stadtplaner und Historiker. Nur vom teilweise gesprengten Hoch- und Flak-Bunker unter dem Trümmerberg im Humboldthain ist ein Teil sichtbar, die restlichen drei Bauwerke sind unterirdisch: einmal südlich, einmal nördlich des U-Bahnhofs Gesundbrunnen und der dritte eine Station weiter im und am U-Bahnhof Pankstraße.
Atomsicherer Bunker
„In Gesundbrunnen haben wir einen Hochbunker, einen Schutzraum aus dem Zweiten Weltkrieg, einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der im Kalten Krieg zum Atombunker ausgebaut wurde, und einen atomsicheren Neubau aus den 70er Jahren“, erläutert Arnold. Damit nicht genug: Unter dem ehemaligen AEG-Gelände befindet sich der älteste U-Bahn-Röhrentunnel Kontinentaleuropas von 1911. Die Versuchsanlage ist 400 Meter lang. Berlin entschied sich aber damals gegen diese Röhrenbauweise und setzte auf die offene Berliner Bauweise des Konkurrenten Siemens. Arnold: „Ein industriegeschichtlich bedeutendes Denkmal.“ Außerdem gibt es unterirdische Produktionshallen und Labore des ehemals wichtigen Rüstungsbetriebs AEG, der ein Zentrum der deutschen Radarforschung war – mit einem unterirdischen Gang zum benachbarten Hochbunker. Nicht weit entfernt gibt es ferner einen Mutter-Kind-Bunker – eine weitere Variante aus dem Zweiten Weltkrieg mit kleinen Separees.
Im südlichen Eingangsgebäude zum U-Bahnhof Gesundbrunnen befinden sich die Geschäftsstelle, ein Laden und der Kartenverkauf des Vereins. Gegenüber stehen zwei Ein-Mann-Bunker aus Beton auf dem Gehweg, die einst in Frohnau standen und dem Verein gestiftet wurden. An dem Backsteinbau prangen auf einem schwarzen Schild der Vereinsname und das Klub-Wappen mit einem Berliner Bären mit Taschenlampe, der eine Treppe hinabsteigt. Vor der Tür stehen Besucher, die auf die nächste Führung im Unterwelten-Museum warten. Lehrer sprechen angestrengt gegen den Verkehrslärm an. Die meisten Interessierten haben durch Medienberichte oder Mundpropaganda von dem Museum und den Unterwelten-Touren erfahren. „Berliner Freunde haben davon erzählt“, sagen Klaus Leopold (23) und Ilonka Bachmeier (22) aus Nürnberg. Die beiden Fachhochschüler können sich nicht recht vorstellen, was sie erwartet. „Wir haben von Freunden, die vor zwei Jahren hier waren, den Tipp bekommen“, berichten Zog (28) und Brad Jefferson (32) aus Australien, die ihre Hochzeitsreise mit dem Rucksack durch Europa machen und die auf ihre englischsprachige Führung warten. Führungen und Touren in 15 Sprachen werden angeboten.
In der Eingangshalle zum U-Bahnhof, schräg gegenüber der Geschäftsstelle, gibt es eine unscheinbare grüne Tür. Eine Treppe führt in die Tiefe. „Das war ein Schutzraum. Im Gegensatz zu einem Bunker hält er kaum einem direkten Treffer stand“, sagt Arnold beim Abstieg. Kellerkühle steigt auf. „Viele bezeichnen uns als Bunker-Küsser und Beton-Romantiker.“ Dietrich Arnold lacht. „Wir wollen nicht sämtliche unterirdische Anlagen und jeden Stein im Boden unter Schutz stellen lassen.“ Gerade bei den Denkmalschützern gab es anfangs Ablehnung und gebe es noch immer gewisse Vorbehalte gegen die ehrenamtlichen Unterwelt-Bewahrer. Für die Mitglieder des 1997 gegründeten Vereins gehe es aber darum, Beispiele zeittypischer und aussagekräftiger Bauwerke und Funde zu erhalten. Kultur, Bildung, Geschichtsvermittlung, ferner Denkmalpflege sowie Wissenschaft und Forschung sind die Vereinsziele. Die Arbeit der heute rund 400 Mitglieder und der Ehrenamtlichen wurde 2006 mit der Verleihung der „Silbernen Halbkugel“ honoriert, der höchsten deutschen Auszeichnung für Denkmalschutz. Und auch die Besucherzahlen belegen den Erfolg: Kamen im Jahr 2000 nur 3000 Besucher ins Unterwelten-Museum, so verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr 152.000 Museumsbesucher und Teilnehmer an den Touren, darunter 1500 Schulklassen, sowie 41.000 verkaufte Tickets für die Ausstellung Germania in Mitte. Die Entwicklung der diesjährigen Besucherzahlen lässt eine weitere Steigerung erwarten. Dietrich Arnold nicht ohne Stolz: „Das alles haben wir ohne einen Cent öffentlicher Mittel geschafft.“ Allein die tägliche ehrenamtliche Betreuung der Besuchergruppen bei den Führungen und Touren entspreche der Arbeitsleistung von 33 Vollzeitangestellten.
In den Räumen des Unterwelten-Museums werden die Projekte des Vereins dokumentiert: unter anderem Fluchten von Ost nach West durch Tunnel oder die Kanalisation, Reichsluftschutzschule und Hochbunker auf der Halbinsel Heckeshorn in Wannsee, „tote“ U-Bahn-Tunnel und Geisterbahnhöfe, unterirdische Brauereikeller, der OP-Bunker Teichstraße in Reinickendorf, der sogenannte Gasometer-Bunker in der Kreuzberger Fichtestraße sowie allgemeine Erklärungen und Darstellung zu Bombenkrieg und Luftschutz. Es gebe jetzt von der Bundesregierung ein Programm, bei dem die nicht mehr benötigten Bunker zurückgebaut, ausgeräumt und versiegelt werden sollen, erzählt Arnold. „Dann hätten wir tote Räume in der Erde für teures Geld geschaffen, die niemandem etwas nutzen. Wir wollen die Anlagen übernehmen und an ihnen Geschichte deutlich machen.“ Dazu bedürfe es aber des Denkmalschutzes, die Anträge seien gestellt.
300 Bunker berlinweit
„Das Landesdenkmalamt prüft gegenwärtig die Anträge. Mit einer Entscheidung ist voraussichtlich noch in diesem Jahr zu rechnen“, sagt Marko Rosteck von der zuständigen Berliner Senatsverwaltung. Immerhin gebe es berlinweit rund 300 Bunker. Nicht alle könne man unter Schutz stellen. Künstlerische, historische und Aspekte des Stadtbilds seien bei einer Entscheidung einzubeziehen. Dazu hole man derzeit Gutachten ein. Marko Rosteck: „Wenn man alles Alte in Berlin unter Denkmalschutz stellen würde, dann kann es keine Weiterentwicklung der Stadt geben.“
Matthias Berner
| Dunkle Welten |
| Das Berliner Unterwelten-Museum gibt mit der Ausstellung „Dunkle Welten“ in der Brunnenstraße 105 einen Überblick über die Arbeit des Vereins und die Vielfalt dessen, was sich im Berliner Untergrund befindet. Der Verein bietet ferner 13 Touren in den Untergrund an, ferner Wochen- und Kurzseminare zu „unterirdischen“ Themen. Auf Wunsch werden auch Spezialtouren zusammengestellt. Zirka 90-minütige Führungen im Unterwelten-Museum in deutscher Sprache finden ganzjährig Do/Fr (12/14 Uhr) sowie Sa/So/Mo (12/14/16 Uhr) statt. Eintritt: 9/7 Euro. Achtung: Warme Kleidung empfohlen! Karten werden in der Geschäftsstelle (Mo-Fr 10.30-16 Uhr) in der Brunnenstraße 105 in Gesundbrunnen verkauft. Weitere Infos unter Tel. 49 91 05 18 und www.berliner-unterwelten.de. |
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