Der Berliner Geher André Höhne beim Training im Sportforum Hohenschönhausen: Er freut sich darauf, in seiner Heimatstadt an den Start gehen zu können. Foto: Augen-Blick
Der Berliner Geher André Höhne beim Training im Sportforum Hohenschönhausen: Er freut sich darauf, in seiner Heimatstadt an den Start gehen zu können. Foto: Augen-Blick

Von WM-Fieber noch nichts zu spüren

Am 15. August beginnt die Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Doch der Funke der Begeisterung muss erst noch auf die Berliner überspringen.

Berlin. Mit der 12. Leichtathletik-Weltmeisterschaft kommt im August das sportliche Großereignis des Jahres in die Stadt – und keiner merkt es. Das wichtigste Ereignis nach Olympischen Sommer- und Winterspielen gastiert an der Spree und ist bislang weder im Stadtbild noch im Bewusstsein der Berliner präsent.

Sieben Milliarden TV-Zuschauer weltweit erwarten die Organisatoren zu den Übertragungen vom 15. bis 23. August. „Die Größe und Bedeutung des Ereignisses ist noch nicht im Bewusstsein der Berliner angekommen“, räumt auch Cem Herder, Sprecher des Berlin Organising Committee (BOC), ein. Kritik an der schleppenden Vermarktung kommt aus der Leichtathletik-Szene und vom Berliner Sportlehrerverband. „Vom 1. August an werden wir verstärkt in der Stadt und bundesweit für das Ereignis werben. Dann wird die WM 2009 einen größeren Bekanntheitsgrad bekommen“, ist sich Herder sicher. Im Endspurt würden die Sponsoren großflächig werben, beispielsweise mit Großplakaten an Baugerüsten. Der BOC-Sprecher verweist auf die Fußball-WM 2006, bei der erst kurz vor Anpfiff der Funke der Begeisterung übersprang.

Schon seit Anfang März sind die Organisatoren in der heißen Phase der Werbung – offensichtlich mit wenig Erfolg. Damals wurden die Gesichter der WM für Berlin im Roten Rathaus vorgestellt. Die deutschen Topathleten Robert Harting (Diskus), Christina Obergföll (Speer) und Sina Schiele (Sprint) posierten mit Klaus Wowereit, Deutschlands Leichtathletik-Präsidenten Clemens Prokop und Maskottchen Berlino vor Fotografen. Seither sah man selten Leistungsträger der deutschen Leichtathletik auf WM-Werbetour. „WM-Gesicht“ und Weitspringer Sebastian Bayer beklagte Anfang Juli die fehlende Werbung für das Großereignis und beschwerte sich öffentlich: „Bislang ist es eine Farce. Fast alle Topathleten würden gerne für die WM werben, aber es kommt niemand auf einen zu.“ Man fühle sich als Karteileiche.

Dabei gab es durchaus Bemühungen. „Wir wollen die Leichtathletik in die Stadt bringen.“ Die Frau im Sportdress steht am Vormittag des 10. Juni an einem kleinen Zelt mitten auf dem Spandauer Marktplatz. Auf einem Tisch liegen Flyer zum Kartenverkauf, kleine Anstecker und Traubenzuckerbonbons. Auf dem Platz stand ein Sportparcours. Spandauer Grundschüler waren eingeladen, Disziplinen der Leichtathletik zu erproben und sich zu messen. „Wir wollten mit Sport zum Ausprobieren für die WM werben“, beschrieb Herder das Konzept der öffentlichen Schulveranstaltung. Zwei Wochen zuvor hatte sich der Grundschüler-Parcours an der Gedächtniskirche präsentiert, Ende Juni vor dem Roten Rathaus. Doch richtige WM-Stimmung sieht anders aus.

Chance vertan


„Wir hätten uns gewünscht, dass die Organisatoren mehr für und mit Schulen unternommen hätten“, sagt Elke Wittkowski vom Berliner Sportlehrerverband. Es sei die Chance vertan worden, an der Basis für die Leichtathletik zu werben. Auch die Berliner Leichtathletik-Szene ist frustriert. „An der Basis gärt es“, sagt ein Insider, der nicht genannt werden will. Der frühere Leichtathlet ist ehrenamtlich tätig. Man hätte die Erfahrungen in den Vereinen für Werbung nutzen können. „Aber die Herren vom internationalen Leichtathletikverband und vom Organisationskomitee sind wohl was Besseres. Denen sind wir wohl zu popelig“, regt sich der Mann auf.

Dies weist Peter Hanisch energisch zurück. Der Ehrenpräsident des Berliner Landessportbundes sitzt im Lokalen Organisationskomitee: „Wir haben besondere Angebote an die Vereine und auch an die Schulen gemacht. Wenn das nicht angenommen wird, dafür können wir auch nichts.“ Auch, dass es an der bisherigen Werbung und Vermarktung mangele, will der Sportfunktionär nicht gelten lassen. Hanisch: „Wir haben bisher rund die Hälfte der etwa 500000 Eintrittskarten verkauft. Das ist sehr gut! Bei den letzten Weltmeisterschaften in Helsinki und Osaka waren zum gleichen Zeitpunkt vor den Veranstaltungen wesentlich weniger Karten verkauft.“ Hanisch erwartet, dass in den kommenden Wochen das Interesse an der WM „plötzlich gewaltig anzieht“. „Wir sind im Endspurt. Radio- und TV-Spots werden jetzt gebucht, Plakat- und Werbekampagnen beginnen. Der Run auf die letzten Karten wird bald beginnen“, meint Hanisch.

4000 Ehrenamtliche

„Wir werden die Stadt im WM-Look anziehen“, kündigt BOC-Sprecher Herder an. Und: „Es wird ein Trommelfeuer in der Öffentlichkeit geben.“ Schon jetzt toure ein Info-Truck durchs Bundesgebiet und werbe für Berlin. Rund 4000 Ehrenamtliche werden unentgeltlich rund um das Großereignis eingesetzt. Ihre Aufgaben: Akkreditierung, Besucherservice, Fahrdienste und mehr. Biljana Kojcic hat sich extra zwei Wochen Urlaub genommen. Die 33-Jährige freut sich auf ihre Arbeit bei der Medienbetreuung: „Wann hat man schon mal Gelegenheit, die großen Sportstars so dicht zu erleben?“

Auch André Höhne (31) hofft auf eine gelungene Veranstaltung: „Wenn ich kein Verletzungspech habe, hoffe ich auf eine gute Platzierung.“ Der Geher aus Hohenschönhausen hat sich mit zwei Trainingseinheiten pro Tag gut vorbereitet. Für den Sportsoldaten und Studenten an der Beuth-Hochschule ist eine WM in seiner Heimatstadt etwas Besonderes: „Vor heimischem Publikum zu starten ist immer eine besondere Motivation.“

„Wir wollen ein guter Gastgeber sein und wollen auch guten, hochklassigen Sport bieten“, sagt Hanisch. Die Organisatoren wollen auch Berlin ins rechte Licht rücken. So werden Marathon- und Geher-Wettbewerbe nicht im Olympiastadion enden, sondern durch die Innenstadt zum Brandenburger Tor geführt. Noch ein Novum: Auf der WM-Marathonstrecke können sich Sportbegeisterte für einen „Champions Run“ anmelden. Maximal 10000 Läufer können mitmachen.

Auch die Geher tragen ihre Wettbewerbe in Berlins historischer Mitte aus. Ein fünf Kilometer langer Rundkurs führt über die Straße Unter den Linden. Start und Ziel sind am Brandenburger Tor. Wenn die Welt auf die Stars im Olympiastadion und auf diese Stadt blickt, werden auch die Berliner als gute Gastgeber glänzen. Dessen sind sich die WM-Organisatoren und alle Beteiligten sicher.

Matthias Berner




WM-Karten schon ab13 Euro
Zur Leichtathletik-WM werden knapp 2000 Sportler aus mehr als 200 Staaten erwartet. Hinzu kommen mehrere Tausend Medienvertreter aus aller Welt sowie eine nicht zu beziffernde Zahl von Besuchern. Insgesamt werden rund 20.000 Akkreditierungen ausgestellt – für Sportler und Helfer, Offizielle und Kampfrichter, Trainer und Physiotherapeuten. Public Viewing wie bei der Fußball-WM mit Fan-Meile auf der Straße des 17. Juni wird es nicht geben. Dafür wird auf dem Pariser Platz ein Kulturstadion aufgebaut. Unter anderen sollen der britische Geiger Nigel Kennedy und das Berliner Staatsballett auftreten. Schon vor der WM wird Unter den Linden eine Fotoausstellung mit einem Streifzug durch 125 Jahre Leichtathletik eröffnet. Die günstigsten Eintrittskarten zur WM sind für 13 Euro (am 18. August vormittags) zu haben. Die teuersten Karten kosten 135 Euro. Infos und Karten unter www.berlin2009.org oder Tel. 01805 12 00 91 (0,14 Euro/min).


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