

Artikel vom 8. Februar 2012
Auf einem Teil der Bergmannstraße in Kreuzberg ist eine Begegnungszone geplant.
Berlin. Bad Wörishofen, Rottweil, Wasserburg und Eiringhausen haben bereits eine, auch die Schweizer haben inzwischen gute Erfahrungen damit gemacht. Nun soll Berlin auch eine Tempo-20-Zone bekommen – und zwar in Kreuzberg.
Begegnungszone nennt sich dieses Mittelding aus Spielstraße und Fußgängerzone, worin sich Autos, Radfahrer und Fußgänger friedlich begegnen sollen. Deshalb soll dort gelten: Wer zu Fuß unterwegs ist, dem ist Vorrang zu gewähren. Nach Schweizer Vorbild will Friedrichshain-Kreuzberg die Bergmannstraße zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz in solch eine Zone umwandeln. „In diesem Jahr soll die Planung angegangen werden“, sagt Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Hans Panhoff (B’90/Grüne).
Voraussetzungen fehlen noch
Das Ergebnis werde dann öffentlich diskutiert. Voraussetzung sei aber eine entsprechende Änderung der Straßenverkehrsordnung. „Es fehlen noch die entsprechenden Vorschriften und Schilder für die Begegnungszone.“ Bei den eingangs erwähnten Gemeinden handelt es sich um „verkehrsberuhigte Geschäftsbereiche“. Da nicht viel Geld zur Verfügung stehe, so Panhoff, komme ein kompletter Umbau der Straße nicht in Frage. Gehwege und Fahrbahnen blieben also so, wie sie jetzt sind. Allerdings sollen weitere Radständer hinzukommen.
Nach der Straßenverkehrsordnung gilt innerhalb geschlossener Ortschaften eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde. Doch es gibt Ausnahmen: In Spielstraßen gilt Tempo 10. Fußgängerzonen sind für Autos tabu. In Wohngebieten sowie vor Schulen und Kitas sind meist Tempo-30-Zonen eingerichtet. In Fahrradstraßen gelten 30 Kilometer pro Stunde als Höchstgeschwindigkeit. „Ich kann mir so etwas gut vorstellen“, sagt Mona Achterberg aus Hannover. Bei dem starken Verkehr auf der Bergmannstraße sei es schwierig, die Seiten zu wechseln. „Wir haben eine Fußgängerzone in der Limmerstraße in Hannover. Dort fährt nur die Straßenbahn durch, und es lässt sich gut einkaufen.“ Zusammen mit ihrer Freundin kommt sie ein- bis zweimal im Jahr nach Berlin und geht in der Bergmannstraße shoppen.
Zu wenige Parkplätze
Derweil schlängeln sich zwischen Mehringdamm und Zossener Straße Autos und Lieferwagen durch die stark frequentierte Einkaufsmeile. Viele Wagen halten in zweiter Spur, weil es rund um die Bergmannstraße nur wenige Parkplätze gibt. Daran ändert auch die Tiefgarage des Ärztehauses mit zwei großen Lebensmittelläden in der Hausnummer 5 wenig. „Durch das Ärztehaus kommen wesentlich mehr Menschen mit dem Auto in die Bergmannstraße als vor der Eröffnung des Komplexes“, sagt Jürgen Hess, Geschäftsführer vom Weingeschäft Bernhard & Hess. Hinzukämen große Lkw, die den Platz vor dem Gebäude verstellen, wenn sie Ware für die beiden Supermärkte liefern.
„Dann ist die halbe Straße blockiert. Wenn durch Tempo 20 der Verkehr beruhigt werden würde, wäre das ein großer Gewinn.“ Denn trotz der unübersichtlichen Situation führen viele Autos zu schnell durch die Straße. In den Begegnungszonen haben Fußgänger beim Überqueren der Straße Vorrang. Autos und Radfahrer müssen sich nach den Fußgängern richten. Mit dem Pilotprojekt will der Senat testen, ob sich die Zahl der Unfälle mit Fußgänger verringern lässt. „Demnächst werden wir weitere Vorschläge für Begegnungszonen bei den Bezirken abfragen“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Senatsstadtentwicklungsverwaltung.
Jens-Erik Boldt, Geschäftsführer des Einrichtungsgeschäfts „bella casa“, will keine verkehrsberuhigte Zone, sondern mehr Kontrollen. „Die Behörden sollten lieber erst einmal dafür sorgen, dass Tempo 30 eingehalten wird.“ Zebrastreifen und Schwellen auf der Fahrbahn, die Autos zum Langsamfahren zwingen, hält er als erste Maßnahme für sinnvoll. Für seine Kunden seien vor allem Parkplätze wichtig. Fielen weitere wegen der Tempo-20-Zone weg, wirke sich das negativ auf die Einzelhandelsgeschäfte aus. Gundula Hoburg vom Laden „Herrlich“ sieht der geplanten Begegnungszone ebenfalls skeptisch entgegen. „Es hält sich kaum jemand an Tempo 30“, sagt die Geschäftsführerin und bezweifelt, dass die Autofahrer den Fuß vom Gaspedal nehmen, wenn nur noch Tempo 20 erlaubt ist. „Das möchte ich erst einmal erleben.“
"Begegnungszonen sind gefährlich"
Der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) stuft solche Begegnungszonen als gefährlich ein. „Das ist bisher zu wenig durchdacht“, sagt ADAC-Verkehrsexperte Jörg Becker. Er bezweifelt, ob damit Unfälle vermieden werden können. „Es kann auch dazu führen, dass es zu mehr Unfällen kommt, weil Fußgänger sich in falscher Sicherheit wiegen.“
Becker setzt auf die Arbeitsgruppe beim Senator für Stadtentwicklung. Sie soll alle Fragen zum Thema Begegnungszonen abklopfen. Derzeit halten sich die Bezirkspolitiker in Charlottenburg-Wilmersdorf noch zurück. Dort war der nördliche Teil der Wilmersdorfer Straße als mögliche Tempo-20-Zone im Gespräch.
In der Schweiz, Frankreich und Belgien funktioniert es
Die Interessenvertretung der Fußgänger bewertet solche verkehrsberuhigten Bereiche dagegen positiv. „In der Schweiz, Frankreich und Belgien funktionieren die Begegnungszonen sehr gut“, sagt Stefan Lieb, Sprecher von Verein Fuss. Gerade die Bergmannstraße sei sehr unübersichtlich: Fußgänger hätten Schwierigkeiten, zwischen den vielen Falschparkern und dem starken Verkehr die Straßenseite zu wechseln. Eine solche Zone, in der Fußgänger Vorrang beim Überqueren der Straßen haben, sei zu begrüßen.
Marianne Rittner

Lesermehrheit lehnt Begegnungszonen ab.
Berlin. Von Tempo-20-Zonen halten unsere Leser wenig. 75 Prozent sprachen sich gegen die Einrichtung sogenannter Begegnungszonen aus.
Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Hans Panhoff (B’90/Grüne) ist vom Ergebnis nicht überrascht. „Viele Bürger wissen nicht, wie so eine Tempo-20-Zone funktioniert.“ Bei Unbekanntem reagierten sie erst einmal ablehnend. Der Bezirk will an der Bergmannstraße eine solche Tempo-20-Zone einrichten. Es soll die erste in Berlin werden. „Es gibt den Wunsch der Anrainer, den Verkehr in der Bergmannstraße zu beruhigen“, weiß Panhoff aus ersten Gesprächsrunden. Eine Tempo-20-Zone bietet die besten Möglichkeiten. „Wenn die Zone erst einmal da ist, wird die Zustimmung höher ausfallen“, ist sich Panhoff sicher.
„Eine Begegnungszone muss sich erst bewähren“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung. „Die Bergmannstraße ist eine Flaniermeile, in der Touristen und Berliner die Einzelhandelsgeschäfte aufsuchen. Das machen sie zu Fuß, nicht mit dem Auto. Deshalb halten wir die Straße für geeignet, um so eine Begegnungszone einzurichten.“
| Vorbild Schweiz |
| In allen größeren Schweizer Städten und in vielen kleinen Ortschaften gibt es inzwischen etwa 600 Begegnungszonen. Solche verkehrsberuhigten Tempo-20-Bereiche schaffen Raum für Aktivitäten wie Spielen, Flanieren oder Einkaufen, ohne dabei den Fahrzeugen das Durchfahren zu verbieten. Der Touring Club Schweiz (TCS) hat dazu in einer Studie festgestellt: „Am richtigen Ort und in korrekter Ausführung stellen diese Zonen mit Tempolimit eine positive Maßnahme dar. Sie erlauben es, die Lebensqualität zu verbessern, und vermitteln den Anwohnern der betreffenden Quartiere das Gefühl einer höheren Sicherheit.“ Als Voraussetzung für das Funktionieren solcher verkehrsberuhigter Zonen nennt der TCS unter anderem: kleines Gebiet und optische Hervorhebung, damit Autofahrer den besonderen Bereich erkennen. Dazu sei es nötig, die Ein- und Ausfahrten besonders zu kennzeichnen. Ohne die notwendigen gestalterischen Maßnahmen, die das Fahren mit hohem Tempo verhindere, vergesse der Autofahrer, dass er sich in einer speziellen Zone befinde. Der TCS weist auch auf Gefahren hin: „In solchen Zonen kann die Aufmerksamkeit der verletzlichsten Verkehrsteilnehmer verringert sein: Bei Fußgängern, die über beschränkte Kenntnisse oder Fähigkeiten verfügen, wie Kinder, Behinderte und Kranke besteht das Risiko, dass sich ihr Aufmerksamkeitsniveau verringert.“ Dies könne dann zu Unfällen führen. |