Auf der Arnulfstraße in Tempelhof reiht sich Schlagloch an Schlagloch. Die Krater sind teilweise zehn Zentimeter tief. Ab Herbst 2010 soll die Strecke saniert werden. Foto: de Weert
Auf der Arnulfstraße in Tempelhof reiht sich Schlagloch an Schlagloch. Die Krater sind teilweise zehn Zentimeter tief. Ab Herbst 2010 soll die Strecke saniert werden. Foto: de Weert

Vorsicht, Schlagloch!

Krater, Furchen, Risse: Wer auf Berlins Straßen unterwegs ist, muss ständig auf der Hut sein.

Es sind nur ein paar hundert Meter, und dennoch ist es wie eine Reise in eine andere Zeit, in eine andere Welt. Wird der Wagenlenker gerade von einer magischen Macht in die Berliner Nachkriegszeit zurückversetzt? Hat es ihn unvermittelt nach Kasachstan oder zumindest auf den Balkan verschlagen? Oder ist am Ende die DDR doch nicht so ganz untergegangen? Jedenfalls vermittelt eine Fahrt auf der Tempelhofer Arnulfstraße dem Autofahrer das Gefühl, nicht mehr recht in dieser Welt unterwegs zu sein. Ein beinahe bizarres Erlebnis. Und ein ärgerliches. Denn zwischen Alboin- und Röblingstraße reiht sich ein Schlagloch ans nächste – und das bereits seit Jahren. Bis zu zehn Zentimeter tief sind die Krater, manche sind ausladend, andere von eher geringem Durchmesser, dafür aber nicht weniger tückisch. Es könnte auch eine Art Testroute sein für Geländewagen.

Die Behörden reagieren mit einem dicht gestaffelten Schilderwald. Statt die Ursache zu beheben, werden die Fahrer zu angemessen langsamer Fahrweise angehalten. Fünf Tempo-30-Schilder in der einen, vier davon plus einer Spurrillen-Warnung in der anderen Richtung säumen den Straßenrand.

Riskante Bremsmanöver

Auch die Autofahrer reagieren – gesetzestreu, vor allem aber wohl von der Einsicht gelenkt, dass bei einem höheren Tempo ihr Fahrzeug tatsächlich Schaden nehmen könnte. Dennoch kommt es zu teilweise riskanten Brems- und Ausweichmanövern. Oder zu Wutausbrüchen. Fahrer Jens Adolph aus Schöneberg nennt den Zustand der Straße schlicht eine „Sauerei“. Da mag ihm der zuständige Stadtrat nicht widersprechen. Oliver Schworcks Befund ist eindeutig: Der Zustand dieses Straßenabschnitts sei „dramatisch“. Nur leider hätten zur Linderung von Autofahrers Not in den vergangenen Jahren keine Mittel bereitgestanden.

Das soll sich ändern. Der Bezirk will ordentlich Geld in die Hand nehmen, rund zwei Millionen Euro, um die Strecke zu sanieren. Noch 2009 soll das Projekt geplant, im Herbst 2010 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Für 2011/2012 ist die Fertigstellung avisiert. Dann hat das Martyrium ein Ende.

Die Arnulfstraße ist zwar ein extremes Beispiel, doch die Fahrt über die Straßen der Stadt gerät auch andernorts rasch zur Belastungsprobe für Federung und Stoßdämpfer. Auf vielen Wegen rumpelt es gewaltig. Ob Budapester Straße (Tiergarten) oder Rhinstraße (Hohenschönhausen/Marzahn/Friedrichsfelde), ob Lützow- und Schöneberger Ufer (Tiergarten) oder Tempelhofer Damm (Tempelhof), die Risse, Spalten, offenen Wunden sind wahrlich keine Freude. Böse dran ist auch, wer etwa auf der Leipziger Straße in Höhe der Fischerinsel (Mitte), auf der Kreuzung Müller-/Schulstraße (Wedding) oder auf der Bundesallee bei der zweiten Unterführung stadteinwärts (Wilmersdorf) das massive Schlagloch übersieht: Dann werden die Stoßdämpfer bis zum Anschlag beansprucht.

Die Kälte der vergangenen Wochen hat die Lage nicht gerade verbessert. Stadtrat Schworck stuft die im Winter 2008/2009 entstandenen Schäden als „exorbitant“ ein. Tiefsttemperaturen von fast 20 Grad minus haben ihre Spuren hinterlassen.

„Der Frost selbst“, erklärt Rembert Pischnick, Tiefbauamtsleiter in Charlottenburg-Wilmersdorf, „ist nicht eigentlich das Problem.“ Das Problem sei das anschließende Tauwetter. Dann dehne sich die in den Asphalt eingedrungene und gefrorene Feuchtigkeit wieder aus und entfalte ihre fatale Sprengkraft. Ist dies geschehen und der Schaden eklatant, treten die schnellen Eingreiftruppen in Aktion.

Nach der Verkehrssicherungspflicht sind die Bezirke dazu angehalten, gefährliche Schlaglöcher sofort zu beseitigen. Dazu genügt ein Hinweis der eigenen Straßenstreifen, ein Anruf der Polizei, eine Meldung von Verkehrsteilnehmern oder Anwohnern. Dann rücken Männer der Vertragsunternehmen, ausgerüstet mit Kaltasphalt und Schaufeln, aus und glätten die Vertiefungen. Morgens entdeckt, abends entschärft – so jedenfalls verspricht es Amtsleiter Pischnick. Bis zu zehn solcher Einsätze können während der Tauphase allein in Charlottenburg-Wilmersdorf zusammenkommen. Eine gründlichere Reparatur mit heißem Material und Spezialgerät folgt im Frühjahr.

Wie Flickenteppiche

Viele, zu viele Berliner Straßenbeläge gleichen wegen solcher Ausbesserungen mittlerweile einem Flickenteppich. Die Bezirke, klagt etwa der ADAC, betrieben „keine nachhaltige Sanierung“. Michael Pfalzgraf, Sprecher des Landesverbands Berlin-Brandenburg, spricht von einem „desolaten Straßennetz“, dessen Instandsetzung rund 400 Millionen Euro verschlingen würde. So viel Geld ist der Senat aber nicht bereit auszugeben.

Zu den Leidtragenden der hauptstädtischen Straßenverhältnisse zählen auch die Droschkenfahrer. Kaum überraschend nennt daher Bernd Dörendahl, erster Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes, die Lage „katastrophal“, und sie werde „immer schlimmer“. Neue Löcher würden nur „zugeklebt“, umfassende Sanierungen zu lange hinausgezögert. Mit diesem Verdacht dürfte der Fuhrwerker nicht ganz falsch liegen. Hinter vorgehaltener Hand wird von den zuständigen Fachleuten eingeräumt, dass manche Strecke vorsätzlich dem Verfall preisgegeben wird, um nach einigen Jahren dann gute Argumente für eine Kompletterneuerung zu haben. Eine Argumentation, die vielleicht die Verwaltungslogik, kaum aber die genervten Autofahrer auf ihrer Seite haben dürfte

Stadtrat Oliver Schworck will die Situation „gar nicht beschönigen“. Er gesteht ein, dass sich „nun rächt, was in den vergangenen Jahren versäumt wurde“. Für die berüchtigte Arnulfstraße trifft dies geradezu exemplarisch zu. In Anbetracht der Witterungsbedingungen der vergangenen Wochen schließt der Lokalpolitiker einen weiteren amtlichen Schritt nicht aus. Sollten die Schlaglöcher tiefer geworden sein, würden die Tempo-30-Schilder abgeschraubt und durch neue ersetzt. Auf denen prange dann, bestimmt zur Freude der Autofahrer, die Zahl 20. Von fließendem Verkehr wird man dann kaum noch sprechen können.

Kai Ritzmann



200 Millionen Euro für Straßen
Obwohl ADAC und Bauindustrie mehr Investitionen in das Berliner Straßennetz fordern, will es der Senat bei den angekündigten 200 Millionen Euro im Jahr für Instandhaltung und Neubau belassen. Auch das Konjunkturpaket II der Bundesregierung soll daran nichts ändern. 35 Millionen gehen an die Bezirke, die aber bis 2011 zusätzlich jährlich sechs Millionen für die Beseitigung akuter Straßenschäden erhalten. Der Bezirk Mitte bekommt dieses Jahr darüber hinaus zwei Millionen, 2011 1,1 Millionen Euro. Für Lärmschutzmaßnahmen spendiert der Bund Berlin noch einmal 14 Millionen Euro.


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