Seit Wochen prägen die Konterfeis Berliner Politiker das Stadtbild: Auch an der Wichertstraße in Prenzlauer Berg kommt man an Wahlplakaten nicht vorbei. Foto: Augen-Blick
Seit Wochen prägen die Konterfeis Berliner Politiker das Stadtbild: Auch an der Wichertstraße in Prenzlauer Berg kommt man an Wahlplakaten nicht vorbei. Foto: Augen-Blick

Wahlkampf mit Jazz und Pommes

Nur noch wenige Tage bis zur Abgeordnetenhauswahl am 18. September - Berliner Politiker werben stadtweit um Stimmen.

Berlin. Die einen werfen Stofftiere von der Bühne, die anderen geben dem Populismus Nahrung oder beschäftigen sich mit irrlichternden Theorien ihrer Parteifreunde. Und selbst die Opposition muss zugeben, dass es keine Wechselstimmung gibt.

Der Menschenfischer

Der Regierende weiß, wie man Wahlkampf macht. Er weiß, dass Wahlkämpfer vor allem eines sein müssen: Menschenfischer. Und so schaut er, bevor er auf dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg die Bühne betritt, noch schnell bei Konnopke auf eine Currywurst mit Pommes rot-weiß vorbei. Wowi und Currywurst, das soll sagen: Ich verstehe Berlin. Wenig später läuft Wowereit von der kleinen Plattform herab zu einiger Form auf, um mit seiner typischen Mischung aus Jovialität und Überheblichkeit einen schreilustigen Trunkenbold im Zaum zu halten. Der Sozialdemokrat hakt die großen Themen Bildung und Wirtschaft ab, sagt, man solle beim Protest gegen zu laute Touristen „mal die Kirche im Dorf lassen“, um dann geschmeidig die brennenden Autos anzusprechen. Da werde er „langsam richtig sauer“, wenn die politischen Gegner behaupteten „absolute Sicherheit“ garantieren zu können. Schließlich der berühmte Wowereitsche Kiekser und Wurf der kleinen „Wowi-Bären“ in die (überschaubare) Menge. Dann Jazz.

Die Authentische

Eine mitreißende Volksrednerin ist Renate Künast nicht. Doch gerade das kommt bei den Schülerinnen und Schülern im Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Dienstleistungen in Prenzlauer Berg gut an. Sie wolle, bekennt sie zu Beginn, „was Persönliches sagen“, dass sie nun seit 35 Jahren in Berlin lebe und „viele verschiedene Berlins kennengelernt“ habe. Die Bemerkung ist aber auch sehr politisch. Denn viele Kritiker nehmen Künast ein ernsthaftes Berlin-Engagement nicht ab. Auch vor den jungen Leuten klingen ihre Liebeserklärungen an Berlin ein wenig schmallippig, ihre programmatischen Aussagen etwas oberlehrerhaft. Dennoch läuft es im OSZ nicht schlecht für die grüne Kandidatin. Bis eine Schülerin die Frage stellt, ob man nicht den Eindruck haben könne, dass sie diesen Wahlkampf „nicht mit so viel Herzblut“ führe wie der Amtsinhaber. Es ist ein Augenblick, in dem Renate Künast in eine Scheibe Zitrone zu beißen scheint. Sie gerät bei der Antwort leicht ins Schleudern, kriegt dann aber doch noch die Kurve und erklärt am Ende fast trotzig, Herzblut heiße für sie „Handeln“. Es ist keine Reaktion, die Beifall erheischt, aber eine, die man ihr abnimmt. Künast, die Authentische.

Der Ehrliche

Mit Ehrlichkeit will auch CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel punkten. Noch ehrlicher als in dem kroatischen Restaurant in einem schmucklosen 60-Jahre-Neubau in Moabit geht es kaum. Henkel nimmt sich Zeit für eine Wahlkreissprechstunde. Sie schätzen ihn hier wegen seiner Geradlinigkeit, seines Gerechtigkeitssinns. Einer sagt über ihn, er habe sich durch Politik „nicht verbiegen“ lassen, ein anderer, er mache, was er sagt. Er selbst sagt: In Berlin sei „die Normalität verloren gegangen“, Sinnbild dafür seien die Ausfälle und Verspätungen bei der S-Bahn und der Unterrichtsausfall in den Schulen. Wowereit, sagt er, verhalte sich derweil wie ein „Stadtpräsident“, der über der Tagespolitik schwebt. „Er lässt die Stadt im Stich.“ Doch dabei gerät Henkel nicht in Rage. Er ist der kernige, seriöse Advokat der Menschen im Kiez, der Mann im weißen Hemd. Und der Verlierer. „Ehrlicherweise“, räumt er ein, „muss man sagen: Es gibt keine Wechselstimmung.“ Manchmal ist Ehrlichkeit in der Politik doch ziemlich deprimierend.

Die Dadaisten

Sommerfest der FDP in der Domäne Dahlem. Der Bundesvorsitzende fährt auf die Minute pünktlich vor, man hält bei den Liberalen offensichtlich noch auf bürgerliche Etikette. Martin Lindner, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, nennt die hohe Arbeitslosigkeit unter den Berliner Jugendlichen „den größten Skandal“, die Bildungspolitik des Senats „pure Ideologie“ und Straftickets für Falschparker eine „scharfe Maßnahme gegen redliche Bürger“.

So köchelt der Populismus auf kleinster Flamme, bis auch die FDP im sanften Zehlendorfer Abendlicht so recht kein originäres Berliner Wahlkampfthema zu finden vermag. Immerhin aber kann sie sich den Verdienst zuschreiben, den in Vergessenheit geratenen Dadaismus für den Wahlkampf wiederentdeckt zu haben. Es ist eine anrührende Referenz an feinsinnige Sinnlosigkeit, wenn die Liberalen auf riesigen Aufstellern fragen: „Warum teilt die FDP nicht den Traum von einer autofreien Stadt?“ Und zur Antwort geben: „Weil keine Frau der Welt mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte.“ Solch verspielte Logik hätte die Dadaisten amüsiert. Respekt!

Die Bemühten

Ach ja, die Linken. Der Steglitzer Hermann-Ehlers-Platz ist für sie nicht gerade ein Wohlfühlort. Nur wenige bleiben vor der Bühne stehen, um dem Landesvorsitzenden Klaus Lederer und der Sozialsenatorin Carola Bluhm zuzuhören. Lederer zählt die politischen Erfolge seiner Partei auf: Gemeinschaftsschule, öffentlich geförderte Beschäftigungsprogramme, den Versuch, einst privatisierte Versorgungsunternehmen wieder zurückzukaufen. Darüber solle man reden, nicht über die „Innereien“ der eigenen Partei. Leider müssen sich die Berliner Linken derzeit statt mit den politischen Konkurrenten mit den irrlichternden Gedanken ihrer Bundesvorderen zu Mauer, Fidel Castro und der Menschenfreundlichkeit des Kommunismus auseinandersetzen. Vielleicht auch deshalb wollen die Vertreter der Linken das Häuflein ihrer Zuhörer nicht mehr als ein paar Minuten mit Politik behelligen. Dann doch lieber – Jazz.

Fazit

Jazz tut gut, vielleicht ist er deshalb im Wahlkampf so oft zu hören. Jazz macht locker, und entspannt zeigen müssen sich auch die Berliner Politiker. Schließlich dürfen sie jetzt nicht zu hart miteinander ins Gericht gehen, wissen sie doch nicht, wen sie nach dem Wahlsonntag vielleicht noch als Koalitionspartner umwerben müssen. Sie lassen es also grooven. Gewinnen wird eh der Mann mit dem Kiekser.

Kai Ritzmann

Eine Anregung zum Nachdenken

Parteien sollten Bürger ernster nehmen.

Berlin. In Zeiten des Wahlkampfes gibt es kein Thema, das alle Berliner gleichermaßen bewegt. Dies spiegelt sich auch in der Meinung der Leser der Berliner Woche wider.

Unsere Frage „Fühlen Sie sich von den Parteien als Wähler ernst genommen?“ beantworteten 93 Prozent mit Nein und nur sieben Prozent mit Ja. „Um dieses weit verbreitete Gefühl abzubauen, helfen Möglichkeiten des Mitmachens, wie etwa die internet- und dialogorientierte Erstellung des CDU-Wahlprogramms“, sagt der Generalsekretär der Berliner CDU, Bernd Krömer, dazu. „Wir kämpfen jeden Tag um das Vertrauen der Bürger und um ihre Mitwirkung in demokratischen Parteien. Denn nur durch ihre Ideen und Anregungen kann eine Partei Interessenvertretung sein“, versichert eine Sprecherin der SPD, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Diese Antwort Ihrer Leser sollte alle politischen Parteien zum Nachdenken anregen“, sagt indes Tobias Berten, Sprecher der Landes-FDP. Arbeitslosigkeit, marode Schulen, Mietsteigerungen und das Trauerspiel S-Bahn seien Themen, denen man nicht ausweichen darf, so ein Grünen-Sprecher, der ebenfalls seinen Namen nicht preisgeben will. rit


Zahlen, Daten und Fakten zur Wahl
2,48 Millionen Berliner sind am 18. September aufgerufen, die Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses neu zu bestimmen. Sie können ihre Kreuze auf 15 landesweit und sieben in nur einigen Bezirken antretende Parteien verteilen. Zusätzlich werden am Wahltag auch die Bezirksparlamente und damit indirekt die zwölf Bezirksbürgermeister neu gewählt. Die Stadt ist in 78 Wahlkreise aufgeteilt, in denen rund 17.000 Wahlhelfer für einen ordentlichen Ablauf der Wahl sorgen sollen. Die Wahllokale sind von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

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