


Zahl der Organspenden dramatisch gesunken – In keiner anderen deutschen Stadt werden so viele Herzen transplantiert wie in Berlin.
Berlin. 500 Hauptstädter brauchen dringend eine neue Niere, eine neue Leber, eine neue Bauchspeicheldrüse oder ein neues Herz. Obwohl die Hauptstädter im Bundesvergleich fleißige Organspender sind, wird die Warteliste des Lebens auch hier immer länger.
Denn die Zahl der Spenden im Land sinkt dramatisch. 40 Herzen wurden zum Beispiel 2009 im Deutschen Herzzentrum Berlin transplantiert, soviel wie in keiner anderen deutschen Stadt. Doch vor zehn Jahren waren es noch 120. Simone Hartmann hat ein großes Herz. Es wiegt gut drei Kilo, und es liegt Tag und Nacht in einer Umhängetasche, 40 mal 20 Zentimeter groß. Jedenfalls ist da ein sehr wichtiger Teil des Herzens drin, die Steuerung und die Akkus und das weiße Kabel, das in Frau Hartmanns Bauch führt, wo die implantierte Pumpe für die linke Kammer arbeitet. Tack, tack macht sie, jede Lebenssekunde ungefähr ein Mal.
Lebenswichtige Tasche
Die Tasche ist schwarz, aber bald kämen die hellen, meint sie. Es ist schließlich der erste warme Frühlingstag des Jahres. Auch Kunstherzen gehen wohl ein wenig mit der Mode.
Hannelore Jeffery (62), eine ehemalige Chefsekretärin aus Berlin, hat gleich doppelt zu tragen an ihrem Herzen, weswegen für unterwegs ein kleiner Rollwagen an ihrem Bett parkt. Die Maschine muss beide Herzkammern unterstützen, zwei Kammern, zwei Taschen. Bald sind die Akkus von Frau Jeffery leer, Zeit aufzuladen, dann kommt ihr Leben auf der Station H 2 des Deutschen Herzzentrums in Wedding wieder aus der Steckdose. „Meine Kleinen haben jetzt Hunger“, sagt sie immer.
Frau Hartmann (45), ihre Bettnachbarin aus Halle an der Saale, streicht derweil über ihr umgehängtes, stromgefüttertes Herz, ohne das sie längst tot wäre. „Man muss es annehmen und nach vorn schauen“, sagt sie. Und erzählt vom Garten in Halle, dem Hund und dass der Mann den Haushalt doch nicht allein machen muss, denn sie will ja bald wieder nach Hause. Aber im Moment muss sie noch eine Naseninfektion überstehen, Kunstherzen-Körper sind nämlich hochsensibel. Von jenem Herbsttag 2008 will die Erzieherin gar nicht groß reden, es ging ja auch alles so sagenhaft schnell. Sie wollte eines Abends zum Volleyball, saß fast schon im Auto, als sie plötzlich noch in der Kindertagesstätte zusammenbrach.
Zwar wird die Kunstherzen-Technik ständig optimiert, aber langfristig kann sie nur ein Spenderherz retten. Natürlich weiß sie das. Doch Frau Hartmann wartet nicht mehr unaufhörlich, Tag für Tag, Stunde um Stunde darauf. Warten hilft nicht, nur leben. Es können noch zwei Wochen sein oder auch vier Jahre. Jeder dritte Gelistete stirbt vor der Transplantation. Auch für Frau Hartmanns Leben muss jemand Passendes sterben, das ist eigentlich zum Verrücktwerden.
Marathon nach OP
„Es gibt schlicht zu wenig Spenderorgane“, sagt Dr. Reinhard Pregla (42). Der Herzchirurg hat gerade operiert, Verengung an der Hauptschlagader eines Fünfjährigen, es war höchste Eisenbahn. Aber das ist es eigentlich immer. Denn nicht nur Herzen und Lungen im Herzzentrum, auch Nieren, Lebern und Bauchspeicheldrüsen, in Berlin hauptsächlich an der Charité verpflanzt, werden immer knapper. Also dürfen die Ärzte nicht mehr wählerisch sein, was die Qualität des Transplantats und den Zustand des Empfängers angeht. Zum Wettlauf um Leben und Tod hat sich längst erhöhtes Risiko gesellt. „Organe, die wir vor zehn Jahren noch abgelehnt haben, ziehen wir nun in Betracht, transplantieren immer Kränkere“, sagt Dr. Pregla. Eingeschränkte Herzfunktionen, schlecht durchblutete Organe: „Manchmal ist es gleich eine ganze Kaskade von Komplikationen.“
Bei Hartwig Gauder (55) ist damals alles gut gegangen. 1995 Herzmuskelentzündung, 14 Monate trug der Erfurter das Kunstherz, Anfang 1997 dann die erlösende Transplantation durch das Team von Prof. Roland Hetzer, den Chef des Herzzentrums. 1998, kaum zu glauben, lief der prominente Patient bereits den New York Marathon, bestieg fünf Jahre darauf den Fujisan, Japans höchsten Berg. Fünf Jahre nach der Transplantation leben noch 72 Prozent, sagt die Statistik. Doch was heißt das schon. Gauder hat sein drittes Herz nun schon 13 Jahre, er ist topfit. Vielleicht hat es ein bisschen damit zu tun, dass Gauder Olympiasieger und Weltmeister war, Geher des Jahrhunderts. Er sagt, er lebe noch heute von der Zeit mit dem Kunstherzen in Berlin, weil er da Pläne gemacht habe und sein erstes Buch anfing. Heute sagt er: „Wer in einen Teich springt und den Ertrinkenden rettet, ist sofort ein Held. Und was ist ein Organspender?“
Hartwig Gauder engagiert sich schon lange im Verein „Sportler für Organspende“, wirbt für den Organspende-Ausweis, dafür, den Willen zu Lebzeiten zu äußern. „Man kann da ja auch nein sagen. Denn was bewirkt bloß ein Herz von jemanden, der es dir nicht geben will?“ Prof. Hetzer und Dr. Pregla haben die Aktion „proorganspende“ initiiert, sie soll die Kräfte von Medien und Unternehmensführungen bündeln. Kampagnen gibt es auch von der Deutschen Stiftung für Organspende und der Gesundheitssenatorin, und Kampagnen gab es auch schon im vorigen Jahr, und trotzdem ist die Zahl der gespendeten Organe rückläufig. Die Politik hat versucht, in Deutschland die Widerspruchslösung einzuführen, das heißt, wenn der potenzielle Spender nicht ausdrücklich widerspricht, ist die Entnahme zulässig. Bislang vergeblich.
Rabatte für Spender
Die Wirklichkeit indes sieht so aus, dass fast alle Deutschen nicht spenden wollen, aber fast alle ein Organ nehmen – wenn sie eines brauchen. Der Tod wird verdrängt, wie das Dicksein verdrängt wird. Die Entscheidung wird auf Angehörige übertragen, die dann ohnehin überfordert sind. Es kursieren Gruselgeschichten von geklauten Organen, von Nieren und Herzen nur für Reiche.
Man kann das Ganze auch als Problem einer Gesellschaft sehen, voll von Gleichgültigkeit. „Organspenden sind eine Leistung, die nicht anerkannt wird“, sagt Dr. Pregla. „Blutspenden wird ja auch bezahlt“, wirft Hartwig Gauder ein. Also geldwerte Vorteile schaffen für den Spender? Warum nicht. „Ein Ansatz wäre“, sagt Pregla, „dass Firmen den Spenderausweis-Inhabern Rabatte beim Tanken gewähren oder ihnen der Staat das Begräbnis bezahlt.“
Oder die Bonuslösung, die in Israel und den USA in Sicht ist: Je länger man Spender ist, desto höher die Position auf der Warteliste im Bedarfsfall. Das wären dann gewissermaßen Pluspunkte im Rennen gegen die Zeit, den egoistischen Zeitgeist und die Dummheit. Simone Hartmann hat einen Organspende-Ausweis. Darin sind alle möglichen Organe angegeben. Bis auf eines.
Torsten Wendlandt
| Einverständnis und Ausweise |
| Voraussetzung für die Organspende ist laut Transplantationsgesetz der Hirntod (außer Lebendspenden, z.B. Niere). Seine Ablehnung oder Zustimmung zur Organentnahme kann man schriftlich äußern oder seinen Angehörigen mündlich mitteilen. Liegt gar keine Stellungnahme vor, kann die Einwilligung von den nächsten Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen gegeben werden (erweiterte Zustimmungslösung). Nur rund 15 Prozent der Deutschen haben einen Organspende-Ausweis (Spanien: 34 Prozent). Darin kann jeder (ab 16 Jahren) dokumentieren, ob er nach dem Tod Organe/Gewebe spenden möchte, welche und wer darüber entscheiden soll. Wie alt oder fit ein Spender ist, spielt keine Rolle. Den Ausweis sollte man bei sich tragen. Er kann bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beantragt werden, es gibt ihn aber auch bei den Kassen oder in Apotheken. |
|
Weitere Online-Angebote der Axel Springer AG: AUDIO VIDEO FOTO BILD | BERLINER MORGENPOST | BILD | BILD am SONNTAG | BILD der FRAU | B.Z. | COMPUTER BILD | COMPUTER BILD SPIELE | DIE WELT | WELT am SONNTAG | €URO | EURO am SONNTAG | FAMILIE & CO | HAMBURGER ABENDBLATT | HAMBURGER WOCHENBLATT | HÖRZU | JOLIE | MÄDCHEN | METAL HAMMER | MUSIKEXPRESS | POPCORN | ROLLING STONE | SPORT BILD | STARFLASH | TV DIGITAL | YAM! | www.autobild.de | www.immonet.de | www.stepstone.de | www.arbeiten.de | www.idealo.de | www.dvd-idealo.de | www.spiele-idealo.de | buch-idealo.de | www.axel-springer-akademie.de www.axelspringer.de |
© 2004-2012 Berliner Wochenblatt Verlag GmbH - Alle Rechte vorbehalten. Impressum Datenschutz
Berliner, wochenblatt, woche, redaktion, anzeigen, kleinanzeigen, download, beilagen, zeitung, anzeigenblatt, wochenzeitung, kostenlos, gratis, Marktführer, Nr. 1, lokalzeitung, lokal, Berlin, Hallo, Spandau, Spandauer, Volksblatt, Reichweite, Leserreisen, Leser, Reportage, Motorradtouren, Stellenmarkt, Ausgaben, Werben, Themenplan, Leseranalyse, Referenzen, Werbeprospekte, Direktverteilung, Centerzeitungen, Prospektanzeigen, Autorenwettbewerb, Durchblick, Berliner Helfen, Leseraktionen, Ostpool, Zustellqualität, Halfcover, Flying Page, Jobs, Vertriebsqualität, Einkaufscenter