


Vor 20 Jahren öffnete die DDR ihre Grenzen. Heute erinnern nur noch wenige Reste an das Symbol der deutschen Teilung.
Berlin. Ob Checkpoint Charlie, Parlament der Bäume oder Denkmal an der Bernauer Straße – der Schrecken des einstigen Todesstreifens ist nicht mehr zu spüren. Stattdessen hat sich an den Orten der Erinnerung eine Mischung aus Kunst und Kommerz etabliert.
Für Touristen gibt es eine Menge zu sehen: farbige Bretterzäune, auf denen mit Hilfe von Fotografien und Erklärungen die Chronologie der Teilung Deutschlands und die Geschichte des Checkpoints Charlie und anderer markanter Grenzabschnitte dargestellt sind. Oder Straßenhändler, die russische Fellmützen anbieten. Oder junge Männer, die sich in der Uniform westlicher Alliierter für Erinnerungsfotos zur Verfügung stellen. Andere Darsteller haben sich in Grenzsoldaten-Grau gehüllt und verteilen fiktive Ausreisestempel.
Begehrtes Fotomotiv
In diesem burlesken Treiben fällt der ältere Herr nicht weiter auf, der gütig und in Farbe durch ein Fenster der Bretterbude schaut, die jener legendären Baracke nachempfunden ist, in der auf westlicher Seite einst der Grenzverkehr kontrolliert wurde und die längst den Weg ins Alliierten-Museum an der Clayallee gefunden hat. Das Porträt steht auf einer Staffelei und ist so gut platziert, dass man auf den ersten Blick tatsächlich glaubt, Rainer Hildebrandt, der 2004 gestorbene Gründer des benachbarten Museums „Haus am Checkpoint Charlie“, schaue einem noch leibhaftig in die Augen. Das Holzhäuschen mit der beinahe gruseligen Innenausstattung ist ein begehrtes Fotomotiv und eine Art Schrein für den von seinen Freunden Hochverehrten. Es ist eine Absonderlichkeit mehr an diesem Platz, an dem sich eine Mischung aus Jahrmarkt und Panoptikum etabliert hat. Was die Besucher zu sehen bekommen, entspricht kaum der Wirklichkeit der Teilung.
Wer die ausgedehnte Topografie des Gedenkens wirklich erkunden möchte, muss weite Wege zurücklegen. Er trifft dabei auf Orte von oft abenteuerlicher Verspieltheit. Etwa gleich neben dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestags. Hierhin, ans Ufer der Spree und auf das Grenzgebiet, hat der Künstler Ben Wagin sein „Parlament der Bäume“ verpflanzt. Ein paar bemalte Mauerelemente, Grabsteine und natürlich Bäume setzen sich zu einem bizarren Sammelsurium zusammen. Mit leuchtend orangefarbenen Blumen ist das Wort „Tote“ aufs Erdreich geschrieben. Sehr wunderlich. Aber Teil der offiziellen Geschichtsmeile Berliner Mauer.
Der traurige Garten sei, heißt es in dem vom Senat in Auftrag gegebenen „Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer“, „ganz von (Wagins) künstlerischen und persönlichen Visionen durchdrungen“. Das trifft die Sache ziemlich genau, nur leider ist es keine Erklärung dafür, warum auch dieses wirre Biotop Teil der offiziellen Rückschau auf die frühere Teilung der Stadt sein muss.
Die ehemalige Grenze, so scheint es, wirkte und wirkt noch immer wie ein Magnet auf Menschen, die eine künstlerische, weltanschauliche oder wie auch immer geartete Mission in sich spüren und diese auf dem alten Mauergebiet zum Ausdruck bringen wollen.
Einsamer Grenzturm
Es gebe, versucht der Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer, Axel Klausmeier, zu erklären, für die Erinnerung „viele Orte mit vielen unterschiedlichen Konnotationen“. So mag es sein, aber was hat ein einsamer Grenzturm auf der glanzlosen, von Publikumsverkehr nahezu hermetisch abgeschotteten Rückseite des Leipziger Platzes zu suchen? Wie wohlfeil sind die Flachbildschirme im neuen U-Bahnhof Pariser Platz, auf denen kalt und clean Filmschnipsel über Teilung und Wiedervereinigung flimmern? Und was hilft für das Verständnis der Mauer am Ende jenes Kunstwerk an der Bernauer Straße weiter, das eine artifizielle Vision der Grenze ist, die aber vom Besucher aus künstlerisch zwingenden Gründen nicht eingesehen werden kann. Um das Kunstwerk zu betrachten, muss er auf einen Turm steigen, von dem herab er endlich das Mauerartefakt überschauen kann. Damit weiß er in etwa, welche (beklemmende) Vorstellung die Künstler von der Mauer hatten, wie und was die Mauer wirklich war, erschließt sich ihm allerdings auch hier oben nicht.
Immerhin wird aber am 9. November an der Bernauer Straße ein Info-Pavillon eröffnet, der die vorhandenen Informationsangebote der Gedenkstätte Berliner Mauer ergänzen wird. Nur einen Steinwurf entfernt aber macht die Grenze noch gehörig Eindruck. Zwischen Nordbahnhof und dem Friedhof der Sophienkirchgemeinde zieht sich auf einem verkarsteten Areal Dutzende Meter weit die sogenannte Hinterlandmauer entlang. Auch wenn sie weniger mächtig war als die Betonsegmente unmittelbar an der Grenze zum Westen, gibt sie gerade in dieser zerklüfteten, längst nicht verheilten Stadtlandschaft ein bedrückendes Zeugnis ab vom ehemaligen Todesstreifen. Hier liegt, schwer zugänglich, abseits der touristischen Trampelpfade und noch weitgehend unbehelligt von Konservatoren, Museumsleuten und Kunstmachern, Berlins authentischste Mauerausstellung. Hier ist der verstörendste, der eigentliche Ort des Erinnerns.
Bald allerdings wird er eingegliedert werden in das Ausstellungskonzept der Gedenkstätte Berliner Mauer. Die Unzugänglichkeit soll allerdings erhalten bleiben, sie sei, so Klausmeier, den Planern „heilig“. Auch bei Klausmeier löst nicht jede Art des Gedenkens helle Freude aus. Doch er wirbt um Verständnis. In jeder Form der Erinnerung an die Mauer in Berlin spiegele sich eben die geschichtliche Situation wider, in der diese Erinnerung entstanden ist. Man hat sich (wie bei der Grenzinstallation an der Bernauer Straße oder bei der East Side Gallery) in Kunst geflüchtet, man hat (wie am Checkpoint Charlie) weitgehend jede Erinnerung weggeräumt. Mit etwas Glück kommt man jetzt in eine Phase, in der (wie am Friedhof der Sophiengemeinde) das Original wieder sprechen darf. So wäre, 20 Jahre nach dem Mauerfall, das Gedenken endlich dort angekommen, wo seine Quelle liegt: an der Mauer.
Kai Ritzmann
| Lange Wege der Erinnerung |
| Wer sich in Berlin aufmacht, um Spuren der Mauer zu finden, muss viele und weite Wege gehen. So sieht es das 2006 vom damaligen Kultursenator Thomas Flierl in Auftrag gegebene und bis heute gültige „Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer“ vor. Das amtliche Konzept räumt ein, dass im Überschwang der über Jahrzehnte angestauten Empörung über die Mauer diese nach 1989 „zu gründlich und zu unbedacht“ aus dem Stadtbild entfernt wurde. Nun setzt man, wohl auch der Not gehorchend, auf Vielfalt. Obwohl die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße als zentraler Erinnerungsort bewertet wird, verzeichnet das Papier 32 Positionen, die gefördert werden, etwa den Berliner Mauerweg, Ergänzungen an der Bernauer Straße, die East Side Gallery, eine Dauerausstellung über „Geisterbahnhöfe“ im Nordbahnhof. |
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