


Artikel vom 14. Dezember 2011
Sorgen, Pläne und Visionen: Wie trotz weniger Geld vom Senat die Hauptstadtzoos attraktiver gemacht werden sollen.
Berlin. Zoo und Tierpark gehörten im geteilten Berlin zu den großen Attraktionen in den jeweiligen Stadthälften. Als Prestigeobjekte genossen sie nicht nur große Popularität, sondern auch großzügige staatliche Subventionierungen. Doch 20 Jahre nach dem Mauerfall und vor dem Hintergrund von notwendigen Einsparungen müssen die bisherigen Konzepte überdacht werden.
Klasse statt Masse
„Wir brauchen Klasse statt Masse“, fordert Claudia Hämmerling, tierschutzpolitische Sprecherin der Grünen. Es reiche nicht aus, Tiere zu sammeln, man müsse sich auch über die Präsentation Gedanken machen. Zu kleine oder schäbig wirkende Gehege oder Käfige mit verhaltensgestörten Tieren wirkten eher abstoßend als attraktiv. „Der Hauptstadtzoo hat einen Bildungsauftrag, soll Tierliebe, Tierschutz und das Verständnis für Tierwelt und Natur fördern“, sagt Claudia Hämmerling. „Dem wird er nicht gerecht“.
Einen großen Bedarf an Umgestaltungen sieht Daniel Buchholz, tierschutzpolitischer Sprecher der SPD, beim Zoologischen Garten kaum, beim Tierpark umso mehr. „Die Präsentation ist heute nicht mehr zeitgemäß, und auch die Gastronomie ist in einem beklagenswerten Zustand“, meint er. Um hier für Verbesserungen zu sorgen, müsse man sehr viel Geld in die Hand nehmen. Für den Sozialdemokraten ist es aber wichtig, dass trotz hoher Investitionen die Eintrittspreise sozial verträglich bleiben.
Frei fliegende Papageien
Neben dem Eisbärengehege im Zoo dreht sich ein hoher Baukran. Durch Lücken im weißen Bauzaun sieht man, wie der Neubau des Vogelhauses wächst. Ende 2012 ist die Eröffnung mit Dschungelhaus, australischer Buschlandschaft und frei fliegenden Papageien geplant. Ein neues Nashornhaus soll 2013/2014 fertig sein, danach ein neues Tapirhaus.
Bauarbeiten auch im Tierpark: Hier wird das Alfred-Brehm-Haus (Raubtierhaus) mit seinem großen Vogelfreiflugbereich energetisch saniert. Das denkmalgeschützte Haus bekommt unter anderem eine neue Dämmung und eine moderne Heizung- und Lüftungsanlage sowie neue Haustechnik und eine Solaranlage.
Erlebniswelt Galapagos
Und weitere ehrgeizige Bauvorhaben sind in Friedrichfelde nach dem Masterplan „2020+“ bis zum Ende des Jahrzehnts geplant – Volumen rund 100 Millionen Euro. Es soll eine „einzigartige Kombination aus Tier-, Bildungs-, Kultur- und Parkerlebnis“ entstehen. In mehreren Neubauten soll die Erlebniswelt Galapagos entstehen und den Zusammenhang von Ökologie und Evolution verdeutlichen. Eine Ausstellung soll die Entwicklung vom Urknall bis zu den neuesten Erkenntnissen in den Naturwissenschaften aufzeigen. Durch die Investition im dreistelligen Millionenbereich sollen die jährlichen Besucherzahlen von rund einer auf 1,6 Millionen gesteigert werden.
Grünen-Expertin Claudia Hämmerling gehen die Visionen nicht weit genug. Sie könnte sich auf dem weitläufigen Gelände beispielsweise Kanäle vorstellen, auf denen man in Booten die Tiere wie auf einer Safari beobachten kann. Durch thematisch passende weitere Angebote könnte ein Erlebnis- und Vergnügungspark entstehen. Andere Zoos machen es vor – wie in Gelsenkirchen, Hannover oder Leipzig. In Hannover beispielsweise wurden 110 Millionen Euro investiert und die Eintrittspreise von zwölf auf 22 Euro pro Tageskarte erhöht. Trotzdem haben sich die Besucherzahlen verdoppelt. Die Elefanten werden dort beispielsweise in einer indischen Landschaft präsentiert, die Eisbären an einem der Yukon Bay nachempfundenen Ort.
Zoo-Stiftung gegründet
Der Zoologische Garten in Berlin hat rund 2,88 Millionen Besucher jährlich und wurde in diesem Jahr noch mit rund 1,3 Millionen Euro vom Senat bezuschusst. Ab nächstem Jahr werden die Zuwendungen gestrichen. Der Tierpark mit rund einer Million Gäste und 1,6 Millionen Euro Schulden bekam 5,3 Millionen Euro – Tendenz fallend. Jetzt soll ein neues Konzept her, um den Tierpark auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen. Um künftig auch ohne staatliche Zuschüsse größere Bauvorhaben oder andere Projekte realisieren zu können, wurde eine Zoo-Stiftung gegründet. Das Startkapital von einer Million Euro kommt aus Rücklagen der Zoo AG.
Berlins früherer Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen ist Vorsitzender des Stiftungsrates. Auch für den Tierpark gibt es eine Stiftung, die langfristig mit der Zoo-Stiftung zusammengelegt werden soll. Für beide Einrichtungen engagiert sich seit einigen Jahren auch ein Förderverein. Der fordert den neu gebildeten Senat auf, sich klar zur Zukunft der beiden Hauptstadtzoos zu bekennen. „Zoo und Tierpark brauchen Investitionszusagen sowie eine dauerhafte finanzielle Verantwortung vom Land Berlin“, sagt Thomas Ziolko, Vorsitzender der Freunde der Hauptstadtzoos.
Tierpate werden
Zu den Financiers ehrgeiziger Zoo-Projekte zählt traditionell die Stiftung Klassenlotterie Berlin. Schon jetzt haben sich Zoo und Tierpark neben Spenden und Erbschaften neue Einnahmequellen erschlossen. So werden Tierpatenschaften angeboten, die je nach Art und Größe 50 Euro bis 10.000 Euro pro Tier und Jahr kosten. Der Pate bekommt eine Urkunde, ein Schild am Gehege und wird seinem Tier „persönlich“ vorgestellt. Außerdem gibt es regelmäßig spezielle Patenführungen.
Bei den Parteien im Abgeordnetenhaus herrscht seltene Einmütigkeit, dass beide Berliner Einrichtungen erhalten werden müssen. Nur wie und mit welchem Konzept ist strittig. Claudia Hämmerling: „Der Tierpark ist bei den Berlinern nur zweite Wahl, bei den Touristen gar keine Option für einen Besuch. Das muss sich ändern. Er muss Strahlkraft entwickeln, auch über die Grenzen Berlins hinaus.“
Matthias Berner

Leser sind trotz hoher Kosten für Erhalt von Tierpark und Zoo.
Berlin. Ein klares Votum: 90 Prozent unserer Leser befürworten den Erhalt von zwei zoologischen Einrichtungen in Berlin.
Sie plädieren dafür, dass sowohl der Zoo als auch der Tierpark erhalten werden, auch wenn dies mit erheblichen Kosten für die Steuerzahler verbunden ist. Auch die Politik bekenne sich zum Erhalt beider Einrichtungen, da herrsche Konsens in der großen Koalition, sagt der tierschutzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Daniel Buchholz, und fordert: „Die Zukunft des auf Subventionen angewiesenen Tierparks muss schnellstmöglich auf die politische Tagesordnung.“
Was ist möglich, was ist finanzierbar, und wie wirkt es sich auf die Preisgestaltung beim Eintritt aus? Dies seien die Fragen, die zeitnah geprüft werden müssten, meint der SPD-Politiker, der sich für sozial ausgewogene Eintrittspreise ausspricht. Auch für Familien mit geringem Einkommen müsse ein Tierpark-Besuch finanzierbar sein. Da der Tierpark wegen nur einer Million Besucher im Jahr (Zoo: 2,88 Millionen) auf öffentliche Subventionierung angewiesen sei, bestehe Handlungsbedarf. mab
| „Hauptstadt Zoo“ |
| Der Zoologische Garten in Tiergarten und der Tierpark Berlin in Friedrichsfelde haben eine ganz unterschiedliche Geschichte. Die Liebe der Berliner zu „ihrem“ Zoo oder „ihrem“ Tierpark ist jedoch eine gemeinsame Konstante. Beide Einrichtungen sind seit der Wiedervereinigung eng verzahnt und firmieren jetzt als „Hauptstadt Zoo“ unter gemeinsamer Geschäftsführung. Der Zoologische Garten Berlin wurde nach einer „Allerhöchsten Kabinettsordre vom 31. Januar 1841“ des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gegründet. Die Eröffnung fand 1844 statt. Der Zoologe Martin Hinrich Lichtenstein hatte den Monarchen zuvor davon überzeugt, einen Teil seiner Fasanerie am Tiergarten zur Verfügung zu stellen und ein Darlehen zu gewähren. Der Berliner Zoo ist damit der älteste in Deutschland. |
| Im geteilten Berlin verfügte die Hauptstadt der DDR über keine dem Zoo vergleichbare Prestige-Einrichtung. Deshalb beschloss der Magistrat am 27. August 1954 die Gründung des Tierparks. Nach der Grundsteinlegung im Frühjahr des Folgejahres wurde der Park vom Nationalen Aufbauwerk hergerichtet und am 2. Juli feierlich eröffnet. Er gilt heute als der größte Landschaftstiergarten Europas. |