Sparen will gelernt sein: Energieberater Ulrich Kleemann montiert ein Energiemessgerät. Foto: Labenski
Sparen will gelernt sein: Energieberater Ulrich Kleemann montiert ein Energiemessgerät. Foto: Labenski

Wasser, Strom und Gas – Tarife ziehen kräftig an

Explodierende Energiepreise treffen Geringverdiener besonders hart. Berater ermitteln, wie Haushalte noch mehr sparen können.

Berlin. Gerade erst hat die Gasag das Entgelt für Gas um bis zu 14 Prozent erhöht und damit möglicherweise eine neue Preisrunde eingeläutet. Ob der Staat die dramatischen Mehrkosten bei der Grundversorgung seiner Bürger ausgleichen soll, ist zum politischen Streitfall geworden.

Seinen geübten Blick lässt Ulrich Kleemann über die silberglänzende Brille hinweg durch die bescheiden eingerichtete Ein-Zimmer-Wohnung schweifen. Dem geschulten Auge des 61-Jährigen entgeht nichts. „Energiesparlampen haben Sie nicht“, stellt er fest, „aber immerhin Halogen. Das ist ja auch schon was.“ Kleemann ist Diplomingenieur für Energie und seit 20 Jahren freiberuflicher Energieberater. Im Auftrag von Vattenfall und der Energieagentur Berlin besucht er auch Lutz Hartleib in seiner Lichtenberger Wohnung. Für das Modellprojekt „Goodbye CO2“ konnten sich alle Berliner Vattenfall-Kunden anmelden, die vom Energiekonzern sowohl Strom als auch Fernwärme beziehen. Musterhaft will der Energieriese so ermitteln, wie viel Kohlendioxid ein umweltbewusster Haushalt einsparen kann. „Wenn ich da was sparen kann, mache ich mit“, erklärt Single Hartleib sein Interesse an der Energieberatung. Das elektronische Energie-Messgerät und der Informationsordner, den ihm Berater Kleemann mitgebracht hat, liegen noch unberührt auf dem Couchtisch in Fliesenoptik. Ein Jahr lang kann sich der Lichtenberger nun in allen Energiefragen an Ulrich Kleemann wenden.

1000 Euro mehr im Jahr


29 Euro im Monat bezahlt der 46-jährige Zeitarbeiter für seinen Haushaltsstrom – beinahe ein Drittel mehr als noch vor zwei Jahren. Dabei versichert der drahtige Berliner: „Ich lebe schon sehr sparsam.“ Innerhalb der zurückliegenden fünf Jahre haben sich die Kosten der privaten Haushalte für Strom und Gas um etwa 50 Prozent erhöht, die Heizölpreise sogar verdoppelt. Die Wasserpreise in Berlin sind seit 2003 um knapp 30 Prozent gestiegen. Nach Berechnungen der Verbraucherzentrale Berlin gibt ein Vier-Personen-Haushalt dieses Jahr 1000 Euro mehr für Energie aus als noch im Vorjahr.

Zum 1. September hat die Gasag die Preise je nach Tarif und Jahresverbrauch um bis zu 14 Prozent erhöht – nach einer Anhebung per 1. Januar schon die zweite Preisrunde in diesem Jahr. Gasag-Sprecher Klaus Haschker begründet den jüngsten Aufschlag mit den gestiegenen Beschaffungskosten auf den internationalen Energiemärkten. „Der Gaspreis ist an den Ölpreis gebunden, und wir vollziehen mit einem halben Jahr Verzögerung den immensen Preisanstieg am Rohölmarkt nach“, so Haschker. Mitbewerber Nuon will ebenfalls die Entgelte erhöhen. Der Berliner Hauptstromversorger Vattenfall hatte Anfang 2008 die Stromtarife leicht gesenkt – nach einem kräftigen Preissprung im Jahr 2007, der tausende Kunden zur Konkurrenz getrieben haben soll. „Wir haben für 2008 eine Preisgarantie abgegeben, und dazu stehen wir auch“, sagt Vattenfall-Sprecher Olaf Weidner. „Eine Aussage über 2008 hinaus werden wir aber nicht treffen.“

Obwohl die explodierenden Energie- und Wasserpreise Normal- und Kleinverdienern inzwischen die Konten leerfegen, haben sich nur 210 Haushalte für den Modellversuch zur Energieberatung gemeldet. Auf dem Velourssofa in Lutz Hartleibs 36-Quadratmeter-Wohnung – eine auf der Rückenlehne aufgereihte Armada von Plüschtieren im Nacken – geht der Fachmann mit dem Mieter am Laptop die Fragen durch, mit denen Energieverschwendung aufgespürt werden soll. „Ist Ihr Fernseher älter als fünf Jahre? Schalten Sie das Licht aus, wenn Sie den Raum verlassen?“, sind die Routinefragen, an denen Fachleute das Sparpotenzial festmachen. Besonders die kleinen, unbemerkten Stromfresser sind dem Kämpfer wider die Energieverschwendung ein Dorn im Auge. Radiowecker oder die Uhr am Küchenherd können allein für 15 Euro Strom im Jahr verbrauchen, betont Kleemann – „das läppert sich“. Im Gegenzug können große Haushaltsgeräte sparen helfen. Ein Geschirrspüler ist effizienter als der Abwasch unter dem laufenden Wasserhahn, betont der Fachberater – nicht nur in der Wasser-, sondern auch in der Energiebilanz. Lutz Hartleib zuckt die Achseln: In der winziger Küche wäre für eine Spülmaschine gar kein Platz.

Die Berliner Wasserbetriebe (BWB), die allein seit 2004 den Frischwasserpreis trotz sinkender Nachfrage um 25 Prozent angehoben haben, haben für das kommende Jahr bereits weitere Preiserhöhungen angekündigt. BWB-Vorstandschef Jörg Simon spricht von Zuschlägen, „die nicht über die Inflationsrate hinausgehen“ sollen. Bürgerproteste gegen den exorbitanten Preisanstieg seit der Teilprivatisierung waren bisher vergeblich. Voraussichtlich zum Jahresende wird das Berliner Verfassungsgericht darüber entscheiden, ob ein Volksbegehren über die Wasserpreise rechtens ist. Innensenator Erhart Körting (SPD) hatte die Unterschriftensammlung der Bürgerinitiative „Berliner Wassertisch“ für unzulässig erklärt. Begründung: Es würden Rechte privater Anteilseigner der BWB verletzt. Unternehmerverbände kritisieren ebenfalls den selbst gemachten Teufelskreis zwischen sinkendem Wasserverbrauch und steigenden Frischwasserpreisen als erhebliche Belastung für die Berliner Wirtschaft. Die Verbraucherzentrale fordert ein Kontrollgremium, das Transparenz bei der Preisgestaltung der Wasserbetriebe schaffen soll.

Streit um Sozialtarife


Aber nicht nur um die Wasserbetriebe, sondern auch um bezahlbare Energie ist inzwischen ein politischer Streit entbrannt. Politiker verlangen von den Versorgungsunternehmen Sozialtarife – also einen günstigen Basispreis für Arme. Die Firmen winken ab. „Das ist ein Thema für die Politik, und keines, das die Privatwirtschaft lösen kann“, sagt Gasag-Sprecher Haschker. Die rot-rote Koalition in Berlin kabbelt sich darüber, ob der Staat sozial Schwachen einen Ausgleich für die dramatisch gestiegenen Energiekosten geben soll. Die Forderung von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Die Linke) nach einem Energiezuschlag auf Sozialhilfe und Hartz-IV-Leistungen hatte Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) vom Tisch gewischt: Wer friere, möge sich einen Pullover anziehen.

Auch Energieberater Ulrich Kleemann steht Forderungen nach Ausgleichszahlungen skeptisch gegenüber. Einerseits motiviere ein Zuschlag für sozial Schwache nicht zum sparsamen Umgang mit den immer knapperen Ressourcen. Anderseits blieben dabei Geringverdiener wie Lutz Hartleib, die keine staatlichen Leistungen erhalten, auf der Strecke, argumentiert der Energieexperte.

286 Euro jährlich könnte Lutz Hartleib sparen, wenn er alle Ratschläge des Energieberaters umsetzt – theoretisch. Denn für die Neuanschaffung eines effizienteren Kühlschranks oder einer sparsameren Waschmaschine hat der Staplerfahrer bei einem Nettoeinkommen von rund 860 Euro im Monat derzeit nicht die Mittel. Doch aufgeschoben, ist nicht nicht aufgehoben. Hartleib: „Wenn ich das Geld dafür habe, mache ich das“.

Helga Labenski


Tipps zum Energiesparen
- Bei Neuanschaffung von Haushaltsgeräten auf die Energie-Effizienz-Klassen achten. Achtung: Nicht mehr die Klasse A, sondern die Klasse A++ entspricht beim Energieverbrauch modernster Technik. Über den Wasserverbrauch der Geräte sagt diese Klasseneinteilung allerdings nichts aus.
- Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzen. Auch Halogenlampen verbrauchen weniger Strom als herkömmliche Glühlampen.
- Elektronische Geräte wie Fernseher, Stereoanlagen, PC über eine schaltbare Steckerleiste vom Netz trennen. Viele dieser Geräte verbrauchen sonst auch im abgeschalteten Zustand Strom.
- Beim Lüften im Winter über die Heizkörperthermostate einem kleinen Karton stülpen. Damit wird verhindert, dass die Heizung wegen der Kaltluft sofort anspringt. Kurzes Stoßlüften ist effektiver als die Luftzufuhr durch angekippte Fenster.
- Einhebel-Mischbatterien immer auf Position „kalt“ stellen, damit Warmwassergeräte nicht immer angehen. Zum Erhitzen kleiner Mengen Wasser einen Elektrokocher benutzen.
- Kurzauskünfte und Hinweise auf Stützpunkte zur Energieberatung bieten die Verbraucherzentrale und die Gesellschaft für Rationelle Energieverwendung dienstags und donnerstags 11 bis 14 Uhr am „Berliner Energietelefon“ unter Tel. 306 60 90.


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