Der Reuterplatz in Neukölln: Die vierjährige Mariella Knop hat auf dem Spielplatz die Rutsche für sich entdeckt. Foto: Augen-Blick
Der Reuterplatz in Neukölln: Die vierjährige Mariella Knop hat auf dem Spielplatz die Rutsche für sich entdeckt. Foto: Augen-Blick

Welche Stadt wollen wir?

Ein Quartier steigt auf und wird schick, ein anderes steigt ab und verödet: eine Geschichte über Gewinner und Verlierer.

Berlin. Im Neuköllner Reuterkiez drängen sich Galerien, Klubs, Kreative und Mittelstandsfamilien. In der Hellersdorfer Promenade kann man davon nur träumen. Zwei Beispiele für dramatische Veränderungen in Berlin.
Es gibt Zeichen in den Straßen, auf den Plätzen einer Stadt, an denen sich schlagartig ablesen lässt, dass sich gerade etwas ändert, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. „Endlich da! Frisches Bärlauch eingetroffen“ ist ein solches Zeichen. Wenn gleich nebenan noch für mit Fenchel-Salami belegte Brötchen, für Bio-Kaffee und fränkisches Steinofenbrot geworben wird, wenn der Frisiersalon plötzlich in fein abgestimmter Mischung aus 70er-Jahre-Chrom und Kommode der Adenauer-Ära mit einer Prise Bauhaus daherkommt, wenn in Galerien sich Bierkästen türmen und man nicht weiß, ob man die Flaschen nach einer rauschenden Vernissage einfach vergessen hat oder ob das gepflegte Delirium noch bevorsteht, dann weiß man: Ein Kiez steigt auf.

So war es in den östlichen Innenstadtbezirken nach dem Fall der Mauer. Aus Sanierungsgebieten wurden Inseln der Bürgerlichkeit, aus Gegenkultur lupenreine Latte-Macchiato-Biotope, aus Abbruchhäusern Lofts. Dort hat es allerdings ein paar Jahre gedauert. Im Neuköllner Reuterkiez, gelegen zwischen Maybachufer, Kottbusser Damm und Sonnenallee, verläuft der Wandel momentan quasi im Monatstakt.

Es ist beinahe atemberaubend, wie sich das Straßenbild verändert, wie neue Geschäfte aufmachen, neue Gesichter auftauchen – und alte Läden, vertraute Nachbarn verschwinden. Es muss viel Energie dahinter stecken, viel Interesse, viel Kapital.

Nach dem aktuellen Erscheinungsbild des Reuterkiezes gefragt, sagt Luzia Weber: „Hip und toll!“ Die 48-Jährige ist seit 2003 Quartiersmanagerin und kennt das Viertel wie nur wenige. Früher war es im Grunde eine No-go-Area. Heute ist es fast ein Muss für Trendsetter. Manches hat sich in den vergangenen zwei Jahren kaum geändert. Die Lage in Kitas und Schulen ist noch immer besorgniserregend. „Rund ein Drittel der Bewohner bezieht Hartz IV“, sagt Weber, der Dreh „ist nach wie vor ein armer Kiez“. Arm, aber sexy.

Positive Dynamik

Die „positive Dynamik“, sagt Buchhändlerin Nina Wehner, sei derzeit aber „nicht zu stoppen“. Sie fühlt sich „als Teil der Veränderung“. Ihr Publikum ist bunt gemischt, viele „haben aus Kreuzberg herübergemacht“, nicht selten auf der Flucht vor den steigenden Mieten dort. Nun kommt auch die Partymeute in den Reuterkiez. Mit den Feiersüchtigen, ständig auf der Suche nach „coolen Locations“, ist schnell jede Menge Geld zu machen. Für die Übernahme von Lokalen werden sechsstellige Summen gezahlt. Halbe Häuserblocks sollen schon in Investorenhände übergegangen sein. Dafür verschwinden Alten- und Nachbarschaftstreffs, Trödelläden und Antiquariate. Es tauchen aber auch bereits Zettel auf, die vor den neuen „Kiezkillern“ (Kennzeichen: Wollmütze, verspiegelte Sonnenbrille, i-Phone) warnen.

„Was soll man dagegen machen?“ fragt Marie Jacobi, die zusammen mit einer Partnerin Arbeitsplätze und Seminarräume an Kreative vermietet. Wenn sie durch ihr Viertel geht, in dem sie seit 13 Jahren lebt, frage sie sich oft: „Sehe ich dieses Gesicht in einigen Monaten noch? Existiert dieser Laden dann noch?“ Im Reuterkiez sind viele Wohnungen und Ladenlokale noch preiswert, allerdings steigen in vielen Fällen die Mieten und damit der finanzielle Druck. Fast jeder weiß von Bekannten zu berichten, die in den vergangenen Monaten ausziehen mussten. Neudeutsch spricht man von Gentrifikation und meint den schleichenden Austausch der Einwohnerschaft eines Quartiers. Die Ärmeren und das Charmante gehen, die Wohlhabenden und das Uniforme kommen. Siehe Mitte. Wer auf der Welle eines Kiezaufschwungs erfolgreich surft und wer dabei untergeht, wird ständig neu entschieden. Es ist ein immerwährendes Metropolen-Roulette. „So funktioniert Stadt nun einmal“, sagt Kiezfachfrau Weber. Das sei auch gut so. Nur sollten diese Prozesse „von der Politik begleitet“ werden, etwa durch eine eigene Wohnungsbaupolitik, Schul- und Kulturpolitik, durch ein nachhaltiges Quartiersmanagement, durch Stadtteilprojekte, in denen die Zukunft des Kiezes mitentschieden werden kann.

Wie soll Berlin aussehen? Wollen wir die jahrzehntelang erhaltene soziale Durchlässigkeit behalten, die Wechsel innerhalb der Stadt vergleichsweise leicht ermöglichten? Oder akzeptieren wir, dass die Armut an den Stadtrand zieht und die City zu einem Reservat der Reichen wird? Erregen wir uns, wenn der Nachbar nach der Mieterhöhung die Umzugskartons packt, oder stimmen wir in den zynischen Spruch ein, es gebe nun mal kein Menschenrecht auf Wohnen im Stadtzentrum? Es sind Fragen, die jeden Berliner etwas angehen, Fragen nach der Zukunft der Stadt.

Die Zukunft hinter sich scheint die Hellersdorfer Promenade zu haben. Zu Zeiten der DDR eine gut florierende Einkaufsstraße. Nun herrscht dort Totentanz. Das Einkaufszentrum Helle Mitte und andere Shoppingcenter in der Nähe haben Kaufkraft abgezogen, übrig geblieben sind Billigläden, fast ohne Publikum. Der Kneipenwirt klagt über die vielen Arbeitslosen, die Frau vom Backladen trauert den Tagen nach, als es noch „nette Geschäfte“ gab. Elke Herden vom örtlichen Quartiersmanagement macht noch andere Merkmale für den Wandel aus. „Die Leute hier werden im Durchschnitt immer älter.“ Viele der jungen Mittelstandsfamilien, die einst hier lebten, sind ins Umland oder dem Arbeitsplatz hinterhergezogen, Kitas und Grundschulen mussten schließen, auch die öffentliche Bibliothek hat dichtgemacht, Leerstand und Abriss haben zugenommen, viele Plätze seien „tot“.

Unendlich viel Leere

30 Prozent der ursprünglichen Bewohner hätten dem Viertel seit der Wende den Rücken gekehrt. Ein regelrechter Aderlass. Nun rücken andere in die preisgünstigen Wohnungen nach: Familien mit geringerem Einkommen, auch viele alleinstehende Mütter. Vereinsamung und Perspektivlosigkeit machen sich breit, das Kiezgefühl zerfällt, die Bereitschaft, sich für das Quartier zu engagieren, geht gegen Null.

Um die Plattenbauten pfeift ein kühler Wind. Mütter schieben Kinderwagen über die Gehwege. Dazwischen unendlich viel Leere. Auf einem unbebauten Grundstück inmitten der Wohnsblocks wurde vor Kurzem der Boden zur Gartennutzung freigegeben.

Obst- und Gemüsebeete reihen sich aneinander, auf einigen Parzellen stehen einfache Holzhütten. Ein Schrebergartenprojekt, vielleicht doch ein Gemeinschaftsunternehmen. Ein angeketteter Hund jault. Ein aufstrebender Stadtteil sieht anders aus.

Kai Ritzman

 


Soziale Stadtentwicklung
Einen flächendeckenden Überblick über die „Soziale Stadtentwicklung“ gibt seit drei Jahren das vom Senat in Auftrag gegebene Monitoring. In ihm wird Berlin in 447 Zonen eingeteilt; diese Bereiche werden auf Veränderungen hinsichtlich der Arbeitslosigkeit und Transferleistungen sowie Zu- und Abwanderungen untersucht. Das Ergebnis ist ein Atlas, der zuverlässige Hinweise auf Quartiere liefert, die entweder weitgehend stagnieren – oder in denen sich eine Dynamik zum Besseren oder Schlechteren entwickelt. Als eines der Hauptergebnisse im aktuellen Monitoring wird der westlichen Innenstadt generell ein Anwachsen bei den sozialen Problemen, der östlichen Innenstadt hingegen eine günstige soziale Entwicklung bescheinigt. Eine besonders hohe Problemdichte finde sich in den östlichen Außenbereichen.

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