

Berlin ist ein Magnet für Kreative. Viele Jungunternehmer haben in ehemaligen Gewerbehöfen Quartier bezogen.
Berlin. Sie haben erst einmal nicht mehr als das eine einzigartige, originelle Projekt, und sie brennen dafür. Junge IT-Bastler, Designer, Künstler, Unternehmer starten in Berlin ins Geschäftsleben. Nirgends sind die Bedingungen dafür besser, nirgends wohnt dem Anfang ein größerer Zauber inne.
Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben
Da steht es, stumm – und wartet: das Symbol. Vier Tischbeine, ein Spielfeld, acht Stangen, 22 kleine Männlein, die sich um die eigene Achse drehen, zwei Tore. Geräte wie dieses, so geht die Legende, standen in so ziemlich jeder Tüftlergarage von Silicon Valley. Bestimmt haben in ihren frühen Jahren auch Steve Jobs, Bill Gates und die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page gekickt. Bei Ebay gehört das Tischfußballgerät noch immer zur Grundausstattung. Ein Kickertisch im Büro sagt: Wir sind ein cooles Unternehmen. Wir haben die Trennung zwischen Privatleben und Arbeitsleben aufgehoben, wir leben für die Arbeit, und wir arbeiten an Projekten, die für unser Leben wichtig sind. Vor allem aber: Für uns ist Arbeit ein Spiel, ein Spiel mit Ideen. Die Botschaft ist: Bei uns fegt die Kreativität über jeden Designer-Schreibtisch.
Also steht ein solches Spielgerät auch hier: erster Hinterhof, dritter Stock, ein typischer Kreuzberger Gewerbehofs. Auf der ehemaligen Fabriketage bietet Impakt Berlin Hilfestellungen für Kleinstunternehmen, die auf sozialem und dem Gemeinwohl verpflichteten Gebiet tätig sein wollen. Dafür stellt man in der Startphase innovativen Projekten für eine bestimmte Zeit Büroraum und Sachverstand zur Verfügung. Und einen Kickertisch.
Signal eindeutig
Auch an diesem Ort ist das Signal eindeutig: Hier wird die Welt verändert, ein bisschen wenigstens und auf jeden Fall zum Besseren. Braucht es mehr? Kein Wort zu viel und zu laut ist zu hören. Die Räume sind hoch und weiß getüncht, die Fenster hoch, das Licht flutet durch sie nur so herein. Vor den Bildschirmen sitzen junge Menschen, die wunderbare, sensationelle Ideen haben und sich nach deren Realisierung verzehren. Leonie Theresa Groß und Stefan Detschew sind zwei von ihnen.
Sie sind aus Salzburg und einem Städtchen nahe Erfurt nach Berlin gekommen. Wohin sonst? Wenn man zwischen 20 und 30 Jahre alt ist, ein Projekt im Kopf hat und dafür brennt, muss man nach Berlin. Schon deshalb, weil hier so viele Menschen sind, die genauso ticken, die miteinander kommunizieren, Spaß haben, Experimente nicht scheuen, Netzwerke knüpfen. Rund ein Drittel der 50.000 Menschen, die jedes Jahr nach Berlin ziehen, seien laut Schätzungen der „Creativ Class“ zuzurechnen. Aktuell werden im Kreativbereich 160.000 Erwerbstätige und 23.000 Unternehmen gezählt, die 17,5 Milliarden Euro Umsatz machen.
Einzigartig in der Welt
Ein Senatsbericht schwärmt von den „Verflüssigungen“ zwischen den einzelnen kreativen Bereichen und von der einzigartigen Stellung, die Berlin damit einnehme. Berlin ist heute das, was New York vor 30, 40 Jahren war: Welthauptstadt der Kreativen.
„Die Berliner Szene ist international“, beobachtet auch Leonie Theresa Groß. „Ständig stößt man auf interessante Leute.“ Ein wenig müsse sie mittlerweile schon darauf achten, sich in den Netzwerken nicht zu verheddern. „Ich musste lernen, die Kontakte zu sortieren und auszuwählen.“ Man twittert, ist auch auf Facebook präsent und beinahe ohne Unterlass mit den anderen Möglichkeiten-Entdeckern und ihren zukunftsweisenden Denkansätzen konfrontiert. „Abends trifft man sich“, sagt sie. „Am nächsten Morgen hat man eine neue Idee.“ Vielleicht muss man zum Frühstück auch eine neue Idee haben, denn der Kosmos der Kreativen ist extrem beschleunigt.
Arbeit statt Urlaub
Rund 20.000 Euro haben die Betriebswirtin, der Wirtschaftsinformatiker und ein dritter Partner seit Juni 2010 in ihre Pläne gesteckt. Sie wollen eine Internetplattform gründen, auf der Anbieter von sozialen Tätigkeiten (etwa Experten im Bereich des Umweltschutzes, der Kultur oder der Friedenssicherung) mit Sponsoren, die an der Finanzierung solcher Leistungen interessiert sind, zusammenkommen. Sie nennen es „Better World Network“. Sie sind jetzt Unternehmer, sie haben Visitenkarten, ihre Sprache pendelt sympathisch zwischen Managerdeutsch, Fachchinesisch und einer Begeisterung, die sie sich manchmal gegenseitig ins Wort fallen lässt. Sie wissen auf den Punkt genau, was sie wollen. Sie strotzen vor Selbstbewusstsein. Sie haben seit Monaten auf Urlaub und unzählige Male auf freie Abende verzichtet. Sie sind 26 und 29 Jahre alt.
Anstrengende Stadt
In etwa einem Vierteljahr will „Better World Network“ an jenem Wendepunkt angelangt sein, an dem sich entscheidet, ob ein Erfolg tatsächlich in Aussicht steht. In einem Jahr soll die Plattform dann ins raue Wirtschaftsleben entlassen werden. Bis dahin, sagt Groß, werde der Arbeitsaufwand für die drei Beteiligten noch einmal zusätzlich steigen. Es klingt nicht klagend. Es klingt fast fröhlich. Das kreative Berlin ist eine anstrengende Stadt.
Das kreative Berlin ist auch eine offene Stadt. Nicht die Konkurrenz, wird von vielen Seiten versichert, stehe im Vordergrund, sondern das professionelle Miteinander. Co-working-Büros wie Impact Berlin bilden für diesen Austausch eine Art Kristallisationspunkt. Auch das ebenfalls in einem alten Gewerbehof untergebrachte Betahaus unweit des Moritzplatzes in Kreuzberg ist eine von rund zwei Dutzend solcher Gelegenheiten in Berlin zum Mieten eines Arbeitsplatzes. Mit im Preis inbegriffen und fast ebenso wichtig ist die Kommunikation zwischen den Start-up-Betreibern.
Offen für Lösungen
Manche kreative Kernschmelze hat bei einem Kaffeepausengespräch in einer Co-working-Etage ihren Anfang genommen. Es liegt, wo die kreative Klasse zusammenkommt, eine Menge Energie in der Luft. So wird auch das Betahaus zu einem Ort der Möglichkeiten, etwa für André Fehrmann. Der Bachelor of Arts hat sich auf Virtual Design spezialisiert und bastelt im Betahaus mit vier Kollegen an einer neuen Software. Für ihn ist Berlin ein Platz, an dem man „Leute auch von den verrücktesten Ideen überzeugen kann“.
Im Betahaus hat er schon Auftraggeber gefunden. Ein Kollege hat einen IT-Entwickler im Fahrstuhl getroffen – und eingestellt. Das gelinge, sagt Fehrmann, weil jeder offen sei für Fragen, Lösungen, Ansätze der anderen. Fast alles geht, aber, sagt der 34-Jährige, „Berlin fordert auch viel Toleranz“. Das kreative Berlin ist riesiger Coffee-Shop, Spielwiese, Labor und Irrenhaus in einem. Wer das nicht aushält, der verpasst viel, vielleicht sogar die Zukunft.
Kai Ritzmann

Berlin ist die deutsche Gründungshauptstadt.
Berlin. Rund um den Globus gilt Berlin bei jungen Existenzgründern als starker Magnet. Von überall her strömen die Kreativen in die deutsche Metropole, um hier zu arbeiten oder ein eigenes Start-up zu gründen.
Nur in der eigenen Stadt scheint das Bewusstsein für diese Anziehungskraft noch unterentwickelt zu sein. Von unseren Lesern jedenfalls stimmten 60 Prozent dafür, kreative Unternehmen in Berlin zu unterstützen.
Rund 220.000 Menschen sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, mit 22 Milliarden Euro erwirtschaften sie etwa ein Sechstel der Wirtschaftsleistung. Da darf der Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) mit einigem Grund jubeln: „Berlin ist die Gründungshauptstadt Deutschlands. Die internationale Atmosphäre und die günstigen Arbeitsbedingungen sind derzeit konkurrenzlos.“ Um dieser Attraktivität eine solide Basis zu geben, bietet das Land eine Vielzahl von Hilfen an. „Das Spektrum“, so Wolf, „reicht vom Mikrokredit über wenige Tausend Euro bis zu Beteiligungen in Millionenhöhe.“ Anlaufstelle dafür sei die Investitionsbank Berlin.
| Hilfe für Start-up-Unternehmen |
| Unternehmen wie Impakt Berlin oder Betahaus werden neudeutsch als „Co-working spaces“ bezeichnet. Sie stellen Start-up-Unternehmen und Kreativen, die sich kein eigenes Büro leisten können oder wollen, Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören Schreibtische und Internetanschlüsse oder kleine Büroeinheiten, aber oft auch Fachberatungen zur Unternehmensgründung. Die Tarife und Konditionen sind unterschiedlich. Impakt Berlin hat sich beispielsweise auf soziales Unternehmertum spezialisiert und hält seine Arbeitsplätze kostenlos bereit. Bei Betahaus kostet die Basismitgliedschaft zehn Euro, ein eigener Schreibtisch schlägt mit 229 Euro im Monat zu Buche. In der Regel sind zudem Konferenzräume eingerichtet und eine Kaffeeküche. |