

Berlin wandelt sich zur Fahrradmetropole. Senat investiert in den Ausbau und Unterhalt separater Radspuren.
Berlin. Der ganz normale Wahnsinn beginnt jeden Tag gegen 8 Uhr. Dann erobern die Radfahrer Berlins Straßen. Angestellte und Studenten, Schüler und Fahrradkuriere, Touristen und „Kampfradler“ treten in die Pedale.
Die Hauptstadt wandelt sich zur Fahrradmetropole. Und nicht jeden freut das. Der Anteil der Radler am Berliner Gesamtverkehr liegt, so hat es die Senatsverwaltung für Verkehr ermittelt, mittlerweile bei 13 Prozent. Bis zum Jahr 2025 soll er auf 18 Prozent steigen. Ein Wert, der in Prenzlauer Berg bereits überboten ist. 21 Prozent Fahrradfahrer gibt es dort unter den Verkehrsteilnehmern.
Kürzer als sechs Kilometer
Mehr als die Hälfte der städtischen Autofahrten – auch das ein statistisch ermittelter Wert – ist kürzer als sechs Kilometer. Eine ideale Distanz also für Fahrradfahrer. Egal ob man zur Arbeit, zum Einkauf oder nur aus purem Vergnügen radelt. So wie in der Kastanienallee, zwischen den U-Bahnhöfen Rosenthaler Platz und Eberswalder Straße. Die Straße ist ein Nadelöhr, durch das sich in Spitzenzeiten Autos, Straßenbahnen, Motorroller und Fahrräder quälen.
„Kampf den Kampfradlern“
„Kampf den Kampfradlern“ heißt es auf knallgelben Plakaten, die illegal und ohne Absender vor Wochen aufgehängt wurden. Der Kopf des darauf abgebildeten Bikers ist eine Handgranate. Der Streit eskalierte, weil ein Radweg angelegt wird. Auf Kosten des Autoverkehrs, meinen die einen. Um die Stadt umweltfreundlicher zu machen, sagen die anderen.
Auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) verurteilte die anonyme Plakataktion als völlig unangemessen. Dessen Landesgeschäftsführer Julian Fischer sagt: „Zielsetzung sollte es für die nächsten Jahre sein, dass Radspuren auf allen Hauptverkehrsstraßen ausgewiesen sind.“ Drei Millionen Euro will Berlin in diesem Jahr für den Neubau und weitere zwei Millionen für die Sanierung von Radwegen und -spuren ausgeben. So viel, wie auch schon im vergangenen Jahr.
Tödliche Unfälle
Radfahren, das hat ohne Zweifel Zukunft. Doch es gibt auch Kehrseiten: Kein Verkehrsmittel hat so viele technische Mängel wie Fahrräder, keines wird häufiger gestohlen – und keines ist so folgenschwer in Unfälle verwickelt. 6200 Rad-Unfälle wurden im vergangenen Jahr in Berlin registriert. Das sind zwar rund zwölf Prozent weniger als 2009, doch unter den 44 Verkehrstoten waren mehr Radfahrer als Autoinsassen. Sechs Radler kamen im Vorjahr ums Leben, allein drei von ihnen in Mitte. Und auch in diesem Jahr sind bereits vier Radfahrer auf Berlins Straßen zu Tode gekommen.
Radfahren, sagen viele Skeptiker angesichts solcher Zahlen, müsse man nicht unbedingt im Großstadtverkehr. Der nämlich sei viel zu gefährlich. Hauptunfallursache in Berlin sind Fehler beim Abbiegen. Häufig zum Schaden der Radfahrer, auch dann, wenn sie auf separaten Fahrspuren unterwegs sind. Tangenten wie die Danziger Straße (Prenzlauer Berg), Karl-Marx-Straße (Neukölln) und Müllerstraße (Wedding) sollen wie die Kastanienallee ebenfalls separate Radfahrstreifen erhalten.
Verkehrschaos in Spitzenzeiten
Welche Folgen das für den motorisierten Verkehr haben kann, lässt sich an der Steglitzer Schloßstraße beobachten. Zwischen Rathaus und Walther-Schreiber-Platz wurde in beiden Richtungen die rechte Fahrspur zum Radweg. Seitdem herrscht in Spitzenzeiten Chaos. Solche Maßnahmen, klagt das motorisierte Lager, verengen den Auto- und Busverkehr weiter und sorgen für zusätzliche Staus im Berufsverkehr.
Die Rad-Lobbyisten kontern, dass Radwege und Radspuren von Autofahrern häufig als Parkplatz gesehen werden. Das vor allem behindere den Verkehr. ADFC-Geschäftsführer Julian Fischer: „Dies erfordert auch ein stärkeres Durchgreifen der Ordnungskräfte gegenüber Autofahrern.“
Autofahrer fühlen sich in ihrer Freiheit eingeengt
Die aber fühlen sich in ihrer Freiheit zunehmend eingeengt. Radwege, Busspuren, Parkraumbewirtschaftung, Umweltzone oder Tempo-30-Strecken haben dem individuellen Autoverkehr in den vergangenen Jahren viel abverlangt. Die Fronten, so scheint es, sind messerscharf gezogen. In Innenstadtbezirken wie Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Schöneberg nimmt die Fahrraddichte seit Jahren rasant zu. „Das ist der tägliche Wahnsinn“, sagt Jürgen Z. aus Friedrichshain, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Mit dem Dienstwagen ist der Ingenieur viel in der Stadt unterwegs.
Und nachdem er sich unlängst mit einem Radfahrer beim Einparken angelegt hatte, war am nächsten Morgen ein Reifen zerstochen. Natürlich könne er nicht behaupten, das sei ein Revancheakt gewesen, sagt der Mittvierziger. „Klar ist aber, dass gerade junge Radfahrer immer aggressiver werden.“ Laut Statistik gibt es in Berlin 731 Fahrräder pro 1000 Einwohner. Das ist zwar deutlich mehr als vor Jahren, doch insgesamt wenig im Vergleich zu Städten wie Kiel, Bremen, Münster oder Freiburg, die zu Deutschlands Fahrrad-Metropolen zählen. Berlin hat also durchaus Nachholbedarf. Darauf müssen sich alle einstellen – Autofahrer, Verkehrsbetriebe (weil immer häufiger das Rad auch mit in S- oder U-Bahn genommen wird), Polizei und Stadtplaner.
Entwicklung geht weiter
Denn die Zweirad-Entwicklung geht weiter. Mit den E-Bikes erobert gerade eine Fahrrad-Mutation die Straßen. Für den Zwitter aus Fahrrad und Moped benötigt man einen Mofa-Schein, es sei denn, der Fahrer ist vor dem 1. April 1965 geboren.
Die sogenannten Pedelecs dagegen gelten als Fahrräder, denn deren Elektromotoren geben nur Unterstützung beim Treten. Benutzen darf sie jedes Kind. Mühelos und geräuscharm fährt man mit ihnen 25 Stundenkilometer. Das ist auch Wasser auf die Mühlen derer, die bereits für normale Fahrräder eine Kennzeichenpflicht und regelmäßige TÜV-Abnahmen fordern. Diskutiert wird auch, Helme, Warnwesten und einen Radführerschein zur Pflicht zu machen.
Sinn würde das durchaus haben. Denn, was die meisten nicht wissen, bei krassen Fehlverhalten auf dem Fahrrad droht heute schon der Führerscheinentzug.
Frank Käßner

Radfahrer verhalten sich nicht schlimmer als Autofahrer.
Berlin. 81 Prozent unserer Leser sprechen sich dafür aus, dass ein Führerschein für Fahrradfahrer Pflicht werden sollte.
Nur 19 Prozent sind dagegen. Der Meinung dieser Minderheit schließt sich aber auch der Fahrradbeauftragte des Senats, Arvid Krenz, an. Seine Argumente: zu teuer, zu hoher Verwaltungsaufwand. Außerdem stelle die Führerscheinpflicht eher eine Hemmschwelle für viele dar, sich in der Stadt mit dem Rad fortzubewegen. Sinnvoller erscheinen Krenz Radfahrschulen oder Sicherheitskurse, wie sie beispielsweise vom ADFC angeboten werden.
Denn: „Die Regelkenntnis ist bei der Mehrheit der Radfahrer gut, oftmals wissen sie aber nicht, wie gefährlich ihr Verhalten wirklich ist“, so Krenz. Insofern plädiert der Fahrradbeauftragte auch dafür, Fehlverhalten streng zu ahnden. Das Abstimmungsergebnis erklärt sich Krenz damit, dass negative Erfahrungen eher in Erinnerung bleiben als positive: Schwarze Schafe fallen eben auf, die sich an die Regeln haltende Mehrheit nicht. Schließlich verhalten sich Radfahrer generell nicht schlimmer oder regelwidriger als Autofahrer oder Fußgänger.
| Bußgeld für Radler |
| 5 Euro: Freihändig fahren; Beförderung einer über siebenjährigen Person auf einem einsitzigen Fahrrad. |
| 10 Euro: Bremsen, Klingel oder Reflektoren sind mangelhaft; keine Beleuchtung; Befahren einer nicht freigegebenen Fußgängerzone; Fahren mit Ohrhörern; Abbiegen nicht anzeigen. |
| 15 Euro: Benutzung eines Radweges oder einer Einbahnstraße in nicht vorgeschriebener Richtung; Verkehrsbehinderung durch Nebeneinanderfahren. |
| 25 Euro: Benutzung eines Mobiltelefons ohne Freisprecheinrichtung. |
| 40 Euro: Fehlverhalten an Zebrastreifen. |
| 45 Euro: Überfahren einer auf Rot schaltenden Ampel (62,50 Euro, wenn es bereits länger als eine Sekunde Rot war). |
| 350 Euro: Geschlossenen Bahnübergang queren. |
| Bei Strafen ab 40 Euro gibt es auch einen Punkt im Verkehrszentralregister des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg. Alle Strafen fallen höher aus, wenn andere behindert oder gefährdet wurden. Nochmals spürbar teurer wird es, wenn Unfälle oder Sachbeschädigungen die Folge sind. |