


Viele Kinder bekommen zu Hause nicht genug zu essen. Deshalb bieten Schulen und Vereine warme Mahlzeiten zu kleinen Preisen an.
Berlin. Die Kinderarmut steigt stetig – derzeit leben rund 175 580 Kinder bis zu 17 Jahren in Berlin in Hartz-IV-Familien, die Hälfte von ihnen ist unter acht Jahren. Immer mehr Kinderrestaurants öffnen, in denen es gratis oder sehr preiswert Essen gibt. Politiker versuchen, mit Zuschüssen zum Beispiel jedem Schüler täglich ein warmes Essen zu ermöglichen. Der Ruf nach kostenlosem Schulessen wird lauter.
Fisch, Suppen, Putenfleisch, Obst und Gemüse – abwechslungsreiches, selbst gekochtes Essen täglich zwischen 13 und 15 Uhr für Kinder, die noch keine warme Mahlzeit im Magen haben: Das gibt’s seit Juli in der Kinderküche an der Oldenburger Straße in Moabit. „Wir haben uns hier niedergelassen, weil einfach der Bedarf da ist“, sagt Phil Schneider vom Verein Familienschutzwerk. „Hier geht es aber nicht einfach um ein Abfüttern der Kinder, sondern um gesunde Ernährung, Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe und Freizeitgestaltung.“ Der energiegeladene 29-Jährige kam vor einem Jahr aus seiner Heimatstadt Hamburg nach Berlin; die Idee, Kindern zu helfen, schon im Kopf. Phil Schneider sieht sich als Sozialarbeiter, auch wenn er das nie studiert hat. „Erst war ich Pfadfinder, später Leiter von Kindergruppen und bei der freiwilligen Feuerwehr.“ Inzwischen hat er seine soziale Ader zum Beruf gemacht.
Kinder kochen mit
Den Kindern kann das nur recht sein. Sie helfen bei der Zubereitung des warmen Essens, schnippeln Paprika und Möhren oder waschen das Geschirr ab. „Sie lernen, sich selbst Ziele zu setzen und auf einen freundlicheren Umgangston umzusteigen.“ Das mit den Zielen klappt schon ganz gut, hat doch jedes Kind in der Moabiter Kinderküche mit Unterschrift einen kleinen Vertrag über mehrere Punkte mit den Betreuern geschlossen. „Ich muss in Mathe besser werden“ steht unter anderem auf einem der Blätter. Ein Elfjähriger mit Essstörungen will Polizist werden und hat sich vorgenommen: „Ich muss mehr essen und üben.“ Die meisten wollen sich in der Schule verbessern und wissen inzwischen, dass ein rauer Umgangston nur Stress bringt.
An der Teichstraße in Reinickendorf sorgt der Verein „Von Kindern für Kinder“ schon seit 2004 für kostenlose Mahlzeiten. Vereinschefin Gertrud Meyer: „In der Schule habe ich immer öfter ,Mir ist schlecht vor Hunger‘ zu hören bekommen. Die Kinder haben dort einfach nichts gegessen.“ Die 67-jährige Religionslehrerin weiß, dass in Berlin viele Kinder bedürftig sind. Aber auch gut verdienende Eltern nehmen sich laut Meyer kaum noch Zeit, um ihren Nachwuchs zu bekochen und gemeinsam zu essen.
„Daher ist bei uns das Essen zwar kostenlos, aber nicht umsonst. Die Kinder sind verpflichtet, einige Regeln einzuhalten.“ Dazu gehört Essen mit Messer und Gabel und Sauberkeit. Das sei schon alles, falle aber vielen Kindern schwer. Gegessen werde in der richtigen Reihenfolge: Salat, Hauptgericht, Obst oder Kuchen. So haben schon einige Erstklässer ungeliebten Salat und Obst schätzen gelernt. Nun plant die rührige Dame, eine weitere Kinderküche im Haus am Schäfersee einzurichten – das Haus ist eine multikulturelle Begegnungsstätte des Reinickendorfer Jugendamts.
Ebenfalls kostenlos verteilt das Team vom christlichen Kinder- und Jugendwerk „Arche“ in Hellersdorf täglich Essen an Hunderte Kinder. Betreuung und Förderung der Kleinen gibt es auch im Spandauer Kinderrestaurant „eff-eff“ mit Schularbeitshilfe und Basteln. Fürs Essen wird dort aber kassiert – bei Hauptgerichten 1,50 Euro, für Spaghetti ein Euro, Frühstück ein Euro, Eltern zahlen bis zu 3,80 Euro. Betreiber ist der gemeinnützige Verein „eff-eff Kinder im Restaurant Spandau“, der sozial Schwache in der Großsiedlung Falkenhagener Feld unterstützen will.
Verrohte Esskultur
Auch in den drei Kinderrestaurants der Berliner Tafel ist ein kleiner Obolus fällig – ein Euro für das Drei-Gänge-Menü im „Fünf Jahreszeiten“ in der Gelben Villa in Kreuzberg, ebenso im Reinickendorfer „Talmarant“ und im neu eröffneten „Kireli“ Lichterfelde-Süd. „Unsere Kinderrestaurants sind für alle da, egal in welchen Verhältnissen die Eltern leben“, betont die Vorstandsvorsitzende der Berliner Tafel, Sabine Werth. Auch sie hat festgestellt, dass den Kindern die Esskultur abhanden gekommen ist. „Meist wird aus der Hand gegessen; Fischstäbchen, Burger, fast alles“, sagt sie kopfschüttelnd. Sie will daher in den Kinderrestaurants auch die Tischkultur fördern.
Und Sabine Werth erzählt von einer anderen Aktion in der Gelben Villa: „Die Idee, vor Beginn der Schule Frühstücksbeutel zu verteilen, ist in der Milchbar entstanden.“ Grund: Viele Kinder verlassen ohne Pausenbrote das Haus. Ein Käse- oder Wurstbrot, Obst und ein Getränk gibt’s für 20 Cent. An insgesamt sechs Grundschulen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Tempelhof-Schöneberg sind die Beutel auch zu haben. „Früher waren es mehr Schulen, aber inzwischen hat ja fast jede eine Cafeteria“, sagt Werth.
Phil Schneider von der Kinderküche in Moabit vermutet auch für die Zukunft einen steigenden Anteil von armen Kindern. „Ich glaube, dass selbst günstiges Mittagessen an den Schulen für einige Eltern nicht bezahlbar ist.“ Diese werden zum Beispiel seit Schuljahresbeginn verbilligt mit 23 Euro pro Kind und Monat an Ganztagsschulen zur Kasse gebeten. In der Schule Kinder mit leerem Tablett von der Essensausgabe wieder wegschicken – das soll nicht vorkommen, auch wenn die Eltern nicht gezahlt haben.
Davon geht jedenfalls die Neuköllner Jugendstadträtin Gabriele Vonnekold (Bündnis 90/Die Grünen) aus. Sie verweist auf den vom Berliner Senat eingerichteten Härtefallfonds. „Daraus können die Schulen über eine begrenzte Zeit den Betrag für das Kind auslegen.“ Hat ein Schüler zum Beispiel keine Essenbons und geht deshalb erst gar nicht zum Essen, würde das der Schulleitung auffallen – davon ist Neuköllns Schulamtsleiter Manfred Richert fest überzeugt. In solchen Fällen müsse mit den Eltern geredet werden. Ob das funktioniert, werde sich zeigen. In erster Linie sollten aber nach Vonnekolds Vorstellung den Kindern Chancen vermittelt werden, um später aus der Armut herauszukommen: „Das bedeutet bessere Bildung, mehr Förderung in Kindergärten und Ganztagsschulen, im Sport und in der Freizeit."
Gabi Zylla
| Senat subventioniert Schulessen |
| Für ein Mittagessen in der Schule werden pro Kind und Monat rund 40 Euro angesetzt – für ärmere und kinderreiche Eltern oft zu viel. Laut Senatsbeschluss vom Juni dieses Jahres wird daher das Essen an Ganztagsschulen seit Schuljahresbeginn subventioniert. Dafür stehen im Berliner Doppelhaushalt 2008/ 2009 insgesamt 3,8 Millionen Euro bereit. So zahlt das Land Berlin pro Essen 17 Euro, 23 Euro zahlen die Eltern. Weitere 413 000 Euro umfasst der Härtefallfonds für die Schulen. |
| Ganz umsonst oder für einen Euro läuft die Versorgung in den zirka sieben Kinderküchen und -restaurants, zum Beispiel: Kinderküche Oldenburger Straße 23, Tel. 81 61 78 55; Kinder- und Jugendwerk Arche, Tangermünder Straße 7, Tel. 993 59 73; Kinderrestaurant „Fünf Jahreszeiten“ der Berliner Tafel, Wilhelmshöhe 10, Tel. 767 65 00; Kinderrestaurant „Von Kindern für Kinder“, Teichstraße 65, Tel. 46 60 12 07; Kinderrestaurant „Eff eff“, Westerwaldstraße 13, Tel. 30 83 72 10. |
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