


Auch zur Geisterstunden gibt es in Berlin an ausgewählten Orten noch etwas zu essen.
Berlin. Ob Wurst, Käse und Milch, eine komplette Mahlzeit oder nur eine belegte Schrippe – wer sich während der Woche nachts noch verpflegen möchte, kann dies zwar tun, muss mitunter aber weite Wege in Kauf nehmen. Die Berliner Woche war an Orten, an denen weit nach Mitternacht Kochtöpfe dampfen und Kassen klingeln.
Geisterstunde in Berlin, doch bei Reichelt in Wilmersdorf herrscht alles andere als gespenstische Leere. Seit dem Spätsommer hat der Supermarkt an der Berliner Straße von montags 8 Uhr bis sonnabends 23 Uhr durchgehend geöffnet. Unter den gestrengen Blicken eines Wachmanns im schwarzen Anzug schieben Kunden ihre Einkaufswagen durch die Regalreihen. Da ist der Mitarbeiter einer Baumpflegefirma, der im Nachteinsatz Bäume beschneiden muss und in Warnweste schnell die Verpflegung für die Pause besorgt („Ist viel billiger als an der Tanke“), und der Kellner, der nach Dienstschluss Milch und eine Fertigmischung Pfannkuchenteig fürs Frühstück aufs Band legt („Hatte ich heute morgen vergessen“).
Auch Nathan Gerhardt (24) und sein Kumpel Sebastian (23) bahnen sich zwischen Paletten mit Nachschubware und einem Trupp junger Leute, die die Regale auffüllen, ihren Weg entlang der Auslagen. Brot, Milch, Käse, Wurst, Waschpulver – ein Einkauf für mehrere Tage wandert in den Wagen. Die beiden Studenten sind bekennende Langschläfer. Ein „gestörter Tag-Nacht-Rhythmus“, gesteht Sebastian, mache den 24-Stunden-Markt für die beiden jungen Wilmersdorfer zur festen Einkaufsadresse. Das Geschäft läuft so gut, dass neuerdings ein weiterer Reicheltmarkt in Lankwitz rund um die Uhr geöffnet hat.
Frühstück Tag und Nacht
Jan Brand lässt sich seine Mahlzeiten lieber fertig servieren. Um drei Uhr morgens sitzt der Versicherungsagent im Schwarzen Café an der Kantstraße in Charlottenburg – den Laptop vor, ein französisches Frühstück neben sich. Die kleine Kneipe ist Anlaufstelle für Leute, die die Nacht zum Tag und den Abend zum Morgen machen. Frühstück gibt es rund um die Uhr, ebenso wie einen Snack und ein deftiges Mittagessen. Brand muss um 7.30 Uhr bei einem Meeting in Hamburg sein: „Bevor ich ins Auto steige, brauche ich unbedingt mein Frühstück.“
Schampus bis 5 Uhr
Bei „Biers Kurfürstendamm 195“ sind Fotografen unerwünscht. Das Personal in Berlins wohl berühmtester Currywurstbude möchte diskret sein, um prominente Kunden nicht zu verschrecken. Die stehen heute Nacht zwar nicht eben am Ausgabetresen Schlange, aber eine Autogrammtafel neben der Theke weist nach, dass an den überdachten Stehtischen schon Lokalprominenz und einige Berühmtheiten einen Snack verzehrt haben. Auch Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat hier seinen nächtlichen Appetit gestillt, als er noch die Geschicke der Republik lenkte. Richtig in ist erst, wer zur superscharfen Curry ein Gläschen Schampus trinkt. Gelegenheit dazu ist täglich mindestens bis 5 Uhr morgens.
Snobs sind selten unter den Kunden, die Waren des nächtlichen Bedarfs an einer der Dutzenden Berliner Tankstellen erstehen. Längst haben sich die Pächter auf Last-Minute-Käufer eingestellt und bieten nahezu alles, was Vergessliche oder Bequeme zum Leben brauchen. Wenn sich um Mitternacht die Tür zum Verkaufsraum einer Tankstelle an der Heerstraße verriegelt und der Kunde nur noch durch die Sprechanlage des gesicherten Nachtschalters seine Wünsche anmelden kann, dann wird Matthias Krummiel (Name geändert) vom Kassierer zum Verkaufsberater. Durch das Mikrofon seines Headsets mit den ausgesperrten Kaufwilligen verbunden, erklärt er Unentschlossenen das Sortiment. Dass durch die Schublade unter der schusssicheren Scheibe Großeinkäufe die Seite wechseln, sei „sehr, sehr selten“, sagt der Mittzwanziger. Der typische Nachtkunde verlange eher ein Sechserpack Bier oder Zigaretten, murmelt Krummiel, während er einem Opel-Fahrer im Parker mit der Tankquittung noch ein Päckchen Marlboro entgegenschiebt. Der Opel rollt davon in die Dunkelheit. Auf der Heerstraße rührt sich nichts. Jetzt ist sie doch da – die gespenstische Stille.
Helga Labenski

Die Weddingerin Inge Schulze ist aus dem Berliner Nachtleben nicht wegzudenken. Als Schrippenmutti verkauft sie Snacks zugunsten Obdachloser. Ihr Alter gibt sie mit 69 an, doch ihr junger Fahrer Phillipp zwinkert vielsagend. Er weiß: Allem burschikosen Auftreten zum Trotz ist Inge Schulze eitel. Seit 14 Jahren tourt die Weddingerin mit der sprichwörtlichen Berliner Schnauze nachts durch Lokale und Rotlicht-Etablissements. Ihre Mission: Nachtschwärmern die Bäuche zu füllen und dabei Geld für Wohnungslose zu sammeln.
In Schöneberger, Charlottenburger, Tiergartener und Weddinger Kneipen oder Bordellen kennt beinahe jeder die Schrippenmutti. Auch im „Rauschgold“ am Kreuzberger Mehringdamm geht ein Hallo durch die Tischreihen, als Inge Schulze hinter ihrem tablettbewehrten Fahrer den in rotes Licht getauchten Gastraum betritt. Wirt Sally hält den obligatorischen Sahnelikör schon bereit. Er freut sich auf die Kohlroulade, die die Frau mit dem fliegenden Imbiss eigens für ihn gebrutzelt hat. „Die Schrippenmutti ist super. Wenn sie kommt, ist das jedes Mal ein Spektakel“, sagt der Szenewirt, der in seiner Schwulenkneipe keine eigene Küche hat.
„Ein Euro für die Obdachlosen“ steht an den Schälchen mit Gewürzgurken, Bouletten und frisch belegten Brötchen, die die Ur-Berlinerin auf einem Silbertablett herumreicht. „Komm Junge, gib dir einen Ruck. Ist ja für eine gute Sache“, ermuntert Schrippen-Inge einen unschlüssigen Gast. Der ist schnell überredet.
Vor 16 Jahren hatte die gelernte Kaltmamsell bei einem Caterer angeheuert, der Berliner Klubs und Bordelle mit kalten Platten belieferte. Bald übernahm sie das Geschäft selbst. Lebensmittel, die übrig blieben, brachte sie in eine Pankower Suppenküche. Bald war die Idee geboren, aus Einnahmen ihrer nächtlichen Touren Obdachlosen öfter eine deftige Mahlzeit zu spendieren. „Die sind alle ja so dankbar“, sagt Frau Schulze über ihre „Lieblinge“.
Eines macht der resoluten Frau allerdings Kummer: Ihre Gesundheit lässt tägliche Verkaufsfahrten nicht mehr zu, und sie muss einen Fahrer bezahlen: „Da bleibt für die Obdachlosen kaum noch etwas übrig.“ Inge Schulzes Herzenswunsch ist deshalb ein kleines Elektroauto, das sie selbst steuern dürfte: „Dann könnte ich losfahren, wenn mir danach ist.“ In der Szene wird bereits für das 5000 Euro teure Vehikel gesammelt, das der guten Seele im nächtlichen Berliner Kiez die ersehnte Mobilität sichern würde. „Schrippenmutti ist für alle da. Wenn sie einen mal braucht“, so Fahrer Phillipp, „dann sagt man nicht nein.“ hel