Ohne Lotto-Förderung geht hier nichts: Auch das Eltern-Kind-Turnen im TSV Wittenau gibt es, weil die Lotto-Stiftung es mit kleinen Beträgen fördert. Foto: Christian Hahn
Ohne Lotto-Förderung geht hier nichts: Auch das Eltern-Kind-Turnen im TSV Wittenau gibt es, weil die Lotto-Stiftung es mit kleinen Beträgen fördert. Foto: Christian Hahn

Wer Lotto spielt, tut Gutes für Berlin

Das Spiel mit dem Glück ist einträglich, jetzt wollen private Anbieter auch ein Stück von diesem Kuchen abbekommen.

Berlin. Gewinne staatlicher Lotterien werden gemeinnützig verwendet. Davon profitieren viele Projekte in der Stadt. Private Glücksspielanbieter drängen auf den Markt und fordern eine Lockerung der Vorschriften. Ihre Gewinne kämen Berlin allerdings nicht zugute.

Erster Berliner Lotto-Millionen-Gewinner 2010 ist im Januar mit 1,817 Millionen Euro ein Mann aus Lichterfelde geworden. Laut Deutscher Klassenlotterie Berlin (DKLB) spielt der Glückspilz Lotto „6aus49“ im Abo-Auftrag mit zehn Tipps am Sonnabend, Spiel 77 und Super 6. Was er mit dem Gewinn macht, ist unbekannt. Aber mit seinem Spieltrieb tut er auch Gutes für Berlin. Gehen doch von seinem Einsatz 20 Prozent an die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. „Das Geld der Lotto-Stiftung fließt in kulturelle, soziale und sportliche Bereiche, Jugendarbeit und Umweltschutz“, so Lotto-Berlin-Sprecher Thomas Dumke. 2009 waren das 67 Millionen Euro.

300 Euro davon kommen zum Beispiel einer Eltern-Kind-Turngruppe im Sportverein TSV Wittenau zugute. Der dreijährige Alexander übt Rolle vorwärts auf einer Matte, während Lukas (3) unbedingt auf der Bank balancieren will und seinen Papa Norbert Kelm mit sich zieht. Etwa 20 Kinder mit Mutti oder Vati an der Seite haben die Turnhalle der Till-Eulenspiegel-Schule in Reinickendorf in Beschlag genommen. Dort trifft sich die Gruppe immer. Sprossenwand, Balken, Matten, Bälle, Kästen, Kletterstangen, Seile – jedes Kind probiert aus, was es will. „Gäbe es das Angebot nicht“, so Kelm, „hätte ich keine Alternative.“

Übungsleiterin Hella Grundschock: „Wir lassen es fröhlich angehen.“ Neben der Bewegung lernen die Kleinen auch gegenseitige Rücksichtnahme, so Grundschock. Wenn nach einer Stunde aus dem Rekorder das Lied „Wer hat an der Uhr gedreht?“ erklingt, naht schon wieder das Ende. Zu schnell nach Meinung der Kleinen. TSV-Sprecherin Susanne Jurchen betont, dass das Angebot ohne Lotto-Mittel kaum weiterlaufen könnte.

„Mehrere 1000 Projekte“ förderte der Landessportbund (LSB) Berlin laut Pressechef Dietmar Bothe 2009 mit insgesamt acht Millionen Euro der Lotto-Stiftung. „Das Ausbleiben des Geldes wäre ein Desaster für unseren Breitensport in den Vereinen“, weiß Bothe. Da wäre nichts mehr finanzierbar – weder Miniprojekte noch Jugendwettkampfsport und Nachwuchsturniere. Auch das Vereinsinvestitionsförderprogramm des Landes Berlin basiert auf Mitteln der DKLB. Das Geld fließt in die Vereinsinfrastruktur und in die Trainingsanlagen: Dach- und Baureparaturen, neuer Kunstrasen, Heizung, Sanitär, Geräte, Bootsstege – laut LSB sind das 2010 etwa 1,6 Millionen Euro.

Klage gegen Monopol

Sorgen bereiten den staatlichen Lottoanbietern die Forderungen privater Glücksspielanbieter und -vermittler, die im Deutschen Lottoverband (DLV) organisiert sind. Dessen Ruf, das staatliche Vertriebsmonopol zu lockern sowie Internetwettspiele und TV-Werbung wieder zuzulassen, wird zusehends lauter. Denn der Glücksspielstaatsvertrag garantiert seit 2008 das staatliche Glücksspielmonopol und verbietet zum Beispiel Internetlotto sowie TV-Werbung. Im Berliner Ausführungsgesetz zum Staatsvertrag wird die Zahl der Lotto-Annahmestellen auf maximal 1100 begrenzt – zurzeit sind es knapp 1000. Die Lockerung des Monopols könnte zu Einnahmerückgängen bei den staatlichen Lotterien und somit zu weniger Geld für Berliner Projekte führen.

Diese Entwicklung sieht DLV-Sprecher André Jütting nicht und meint, die privaten Spielvermittler würden bei entsprechender Lockerung des Monopols auch zum Umsatz der staatlichen Lottogesellschaften beitragen. Das Online-Lottounternehmen Tipp24 SE hält den Glücksspielstaatsvertrag gar für rechtswidrig und klagt dagegen.

Für Berlin gilt: Lotto „6aus49“, Toto, die Oddset-Sportwette, Keno, plus 5, Spiel 77, Super 6, GlücksSpirale und Rubbellose sind fest in Hand der Lottogesellschaft des Landes, der Deutschen Klassenlotterie Berlin. Und das sei, so Sprecher Dumke, eine Non-Profit-Gesellschaft, bei der der Gewinn zweckgebunden eingesetzt wird. Davon profitiert zum Beispiel auch der Paritätische Wohlfahrtsverband. Geschäftsführer Oswald Menninger konnte 2009 rund 800.000 Euro bei Projekten einsetzen, denen Eigenmittel fehlen und die hauptsächlich von ehrenamtlicher Arbeit leben. Dazu gehören zum Beispiel das Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg und Rollstuhlschiebedienste. Das Nachbarschaftsheim Neukölln an der Schierker Straße bekommt 180.000 Euro Zuschuss zur Sanierung des 1950 erbauten Hauses, und der neu gegründete Träger der Domäne Dahlem erhält – verteilt über drei Jahre – 500.000 Euro Anschubfinanzierung, um den Standort des Freilandmuseums zu sichern. In der Urania werden derzeit rund 100.000 Euro für neue Technik und Türen verbaut. „Ohne Lotto hätten wir das Haus wegen der angegriffenen Bausubstanz längst nicht mehr halten können“, meint Urania-Direktor Ulrich Bleyer.

Neben den Lotto-Annahmestellen gibt es in Berlin rund 300 Sportwettgeschäfte. Aber bei denen fehle, so Dumke, meist die Genehmigung der Lotterieaufsicht, die beim Senat angesiedelt ist. Den bei Kontrollen ohne Konzession Erwischten droht ein Bußgeldverfahren, das aber selten zum Tragen kommt: Der Laden wechselt einfach seinen Besitzer und bietet dann weiter illegal seine Glücksspiele an. An den Nutzern geht das vorbei: Kann doch dort gewettet werden, was das Herz begehrt: Fußball-Bundesliga, Eishockey, Golf oder Schach. Die entsprechenden Wettveranstalter sitzen im europäischen Ausland. Kontakt und Wettabschluss laufen im Wettbüro über Internet.

Schutz vor Spielsucht


Die Berliner Klassenlotterie betont, dass sich in Deutschland der Gesetzgeber dafür entschieden hat, Sport- und Live-Wetten ohne Konzession zu verbieten. Ein Hauptargument dafür ist der Schutz vor Spielsucht. Der Glücksspielstaatsvertrag aber läuft Ende 2011 aus. Dann muss entweder ein neuer Vertrag geschlossen werden oder jedes Bundesland findet seine eigene Regelung für das Glücksspiel. Und schon jetzt ist laut DLV absehbar, dass einige Bundesländer, wie zum Beispiel Schleswig-Holstein, ausscheren werden.

Gabi Zylla


So werden Spieleinsätze verteilt
Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 285,6 Millionen Euro Spieleinsätze von der Deutschen Klassenlotterie Berlin eingenommen. Das sind laut Klassenlotterie 6,2 Prozent mehr als im Vorjahr. 50 Prozent des Einsatzes werden ausgezahlt, 20 Prozent gehen an die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin zur Förderung von Berliner Projekten. Das betrifft Großprojekte wie die Rettung der Gedächtniskirche ebenso wie kleinere Hilfen zum Beispiel für das Künstlerhaus Bethanien. Auch die Lotteriesteuer von fast 17 Prozent geht an das Land Berlin. Die Lotto-Annahmestellen erhalten vom Einsatz insgesamt sieben Prozent Provision und fünf Prozent dienen der Kostendeckung zum Beispiel für Spielscheine und Lotto-Technik in den Annahmestellen. Den Glücksspielstaatsvertrag haben alle 16 Bundesländer unterschrieben. Ein Ziel neben der Prävention zur Spielsucht ist es, „das Glücksspielangebot zu begrenzen und den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken“.


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