Furcht vor Lärm, Kerosin und möglichen Havarien: Wo Flugzeuge starten und landen, möchte niemand gerne wohnen. Foto: Augen-Blick
Furcht vor Lärm, Kerosin und möglichen Havarien: Wo Flugzeuge starten und landen, möchte niemand gerne wohnen. Foto: Augen-Blick
Dr. Marela Bone-Winkel kämpft für ein ruhiges Zuhause unweit des Schlachtensees. Foto: Akud
Dr. Marela Bone-Winkel kämpft für ein ruhiges Zuhause unweit des Schlachtensees. Foto: Akud

Widerstand gegen Ruhestörung

Berliner protestieren gegen die Flugrouten des neuen Flughafens BBI. Einige von ihnen verlieren sogar den Glauben an die Demokratie.

Berlin. Es sind nicht junge, aufmüpfige Leute, die da den Aufstand proben, es sind Menschen, die es sich längst in der bürgerlichen Mitte bequem gemacht haben. Aber nun fühlen auch sie eine Bedrohung. Und da ist plötzlich Schluss mit der Bequemlichkeit.

Es hat keine 48 Stunden gedauert, bis der erste Protest organisiert war. Keine Woche, bis die erste Gegenversammlung mit 200 Teilnehmern stattgefunden hat und per E-Mail die ersten 500 Unterschriften gegen das Projekt eingetroffen waren, mittlerweile sind es über 10.000. Und als am 4. Oktober, knapp einen Monat nach dem ersten Aufkeimen des Widerstands, auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz rund 800 Menschen zu einer weiteren Demonstration zusammenkamen, hatten sich brave Bürger schon in Staatsgegner verwandelt.

Sie sprechen an diesem Montagabend von einer Politik, in die sie den Glauben verloren hätten, und vom Recht auf Widerstand dagegen. Die meisten von ihnen wollen sich sogar von der Polizei wegtragen lassen, wenn es sein muss.

Was geschieht da gerade im Südwesten Berlins, aber auch in anderen Gebieten dies- und jenseits der Stadtgrenze, überall dort, wo nach den derzeitigen Planungen die auf dem neuen Großflughafen „Berlin Brandenburg International“ (BBI) startenden Flugzeuge mehr oder minder beträchtlichen Lärm verursachen werden? Woher kommt dieses springflutartige Ansteigen des Protestes, diese Wut, diese plötzliche Verachtung des ganzen politischen Systems?

„Hier gehen Träume kaputt“

Es sei, sagt Thomas Czogalla aus Teltow, als seien er und die anderen von dem bisherigen Planungs- und Genehmigungsverfahren „an den Rand gedrängt“ worden, als sei da eine Grenze überschritten worden, hinter der nun tiefer Verdruss und Verzweiflung warten. „Hier gehen“, sagt er, „Träume kaputt.“ Träume vom stetig steigenden Wert der eigenen Immobilie, aber auch Träume von einem Gemeinwesen, dem man sich bisher zugehörig gefühlt hat. Es geht an der Oberfläche um ein Aufbegehren gegen Fluglärm, gegen Startkorridore, gegen fast unablässig rieselndes Kerosin, gegen die Gefahren, unter startenden und landenden Maschinen zu leben. Aber die Kritik geht tiefer: Bei vielen Betroffenen erodiert das Vertrauen in Staat und Politik.

Es geht um das Verfahren, mit dem das Unternehmen BBI vorangetrieben wird. Zu Beginn stand eine Planung im Raum, der zufolge die Flugzeuge nach dem Abheben geradewegs in Richtung Stadtgrenze fliegen würden und dann Berlin umfliegen sollten. Aber intern hatte man offensichtlich etwas anderes im Sinn. Vielleicht war es ein Trick, eine Täuschung, vielleicht nur die Befolgung von Richtlinien, man weiß es nicht, man wird es vermutlich nie erfahren, selbst wenn jetzt Strafanzeige gegen Aufsichtsrat und Geschäftsführung des BBI gestellt wurde.

Still und leise – und unter wirtschaftlichem Druck – wurden die Strecken neu definiert: Ein gleichzeitiger Start zweier Flugzeuge – und damit die bestmögliche Ausnutzung der Kapazitäten – ist nur erlaubt, wenn beide Maschinen sofort in eine 15-Grad-Kurve einschwenken, um den Sicherheitsabstand zwischen ihnen zu vergrößern. Dann aber geraten sie – nach jetzigem Stand – über das Stadtgebiet, über Wannsee, Nikolassee, Dahlem, über Gemeinden wie Teltow, Stahnsdorf, Kleinmachnow. Wie viel die im Aufsichtsrat des BBI vertretenden Politiker der Länder Berlin und Brandenburg davon wussten, ist ungeklärt. Jedenfalls behaupten sie nun, von den Informationen genauso überrascht worden zu sein wie die Bevölkerung. „Entweder haben sie gepennt“, sagt Marela Bone-Winkel, „oder sie lügen.“

Die 44-Jährige hat als erste die von der Flugbahn-Entscheidung Entgeisterten zusammengetrommelt. Die studierte Politologin und Expertin für Immobilienwirtschaft lebt mit ihrer Familie unweit des Schlachtensees. Über ihr Haus mit Garten, das sie gekauft haben, um dort eine beschützte, ruhige Heimat zu finden, könnten künftig Flugzeuge fliegen, in mutmaßlich 2500 Meter Höhe. Wie viel Lärm davon zu hören sein wird, ist schwer vorauszusagen. Bone-Winkel und den anderen Besorgten aber dröhnt es schon jetzt irgendwie in den Ohren. Denn gewohnt ist man in Schlachtensee nur das Zwitschern der Vögel und vielleicht noch das tiefe Grummeln eines Achtzylinders. Bereits die vage Sorge um ihre Ruhe treibt sie auf die Barrikaden. Es bedarf nicht viel, um halb Zehlendorf in Aufruhr zu versetzen.

Eines weiteren Umstands jedoch bedarf es doch noch: der beklemmenden Furcht, Haus und Hof im Wert gemindert zu sehen. „Um 50 Prozent“ glaubt schon heute eine Frau aus Stahnsdorf ihre Immobilien herabgestuft. „Es geht“, sagt sie, „um die Existenz.“ Auch sie ist zu der Demonstration in Steglitz gekommen.

Es fallen böse Worte. Den „Rechtsstaat auf dem Spiel“ sieht einer, die „Kapitalinteressen“ und die „Profitgier“ von Fluglinien und Flughafenbetreiber geißelt ein anderer. Sie sind Schulleiter, Computerfachleute, höhere Angestellte, ältere Damen mit ondulierten Haaren, Pensionäre. Die meisten waren noch nie auf einer Demonstration, nicht gegen Atomenergie, nicht für den Frieden. Die Demonstranten kommen aus der zumeist schweigenden und zufriedenen Mitte der Gesellschaft, sie sind weiß Gott nicht der schwarze Block. Sie verdanken dem Staat, seinen Institutionen und diesem Wirtschaftssystem viel. Aber jetzt soll Schluss sein mit diesem Grundvertrauen, jetzt gehe es, so Bone-Winkel, „ans Grundsätzliche“. Jetzt hat man, sagt ein anderer Verdrossener, gegenüber der Demokratie und ihren Spielregeln „ein übles Gefühl“.

Politik mischt sich ein


Langsam aber lernen die Behörden dazu. Die Politik mischt sich ein, – wenn auch gelegentlich anbiedernd, wenn auch eher aufgeschreckt vom politischen Wetterleuchten um „Stuttgart 21“ –, die Experten stellen sich dem Gespräch. Jüngst annoncierte der Berliner Vertreter der Deutschen Flugsicherung in Kooperation mit der Fluglärmkommission, alternative Routen zu prüfen. Ein Jahr wird das Ringen um ein verbindliches Konzept für die Starts und Landungen noch dauern. Viel Zeit, um zu versuchen, Einfluss zu nehmen, viel Zeit, um zu versuchen, die Proteste auszubremsen. Gelegenheit aber auch für die Politik, bei den in Rage geratenen Bürgern Vertrauen zurückzugewinnen. Vielleicht die letzte.

Kai Ritzmann



20 Bürgerinitiativen kämpfen gegen Fluglärm
Mehr als 20 Bürgerinitiativen wurden bisher gegründet, um gegen den Fluglärm zu protestieren, der durch die Starts und Landungen auf dem neuen Flughafen „Berlin Brandenburg International“ (BBI) verursacht werden wird. Unter der gemeinsamen Forderung „Keine Flugrouten über Berlin“ will man überparteilich und überregional das Umfliegen des Stadtgebiets erreichen. Mit dabei sind nicht nur Initiativen aus dem am stärksten betroffenen Südwesten Berlins, sondern auch aus Wilmersdorf, Marienfelde, Gropiusstadt, Britz, Heinersdorf, Schenkenhorst oder Spukendorf. Die Internetseite www.kfberlin.de informiert über Demonstrationstermine und andere Aktivitäten der Intiativen.

 

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