Hauptkommissar Uwe Behrens an seinem Schreibtisch bei der 5. Mordkommission in der Keithstraße: Sein Arbeitstag kann schon mal 36 Stunden dauern. Foto: Eckert
Hauptkommissar Uwe Behrens an seinem Schreibtisch bei der 5. Mordkommission in der Keithstraße: Sein Arbeitstag kann schon mal 36 Stunden dauern. Foto: Eckert
Abgesperrter Tatort: Die Leiche des Schuhmachermeisters Franz Quenstedt wurde in der Wohnung hinter seinem Geschäft an der Emser Straße gefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. Foto: Schroeder
Abgesperrter Tatort: Die Leiche des Schuhmachermeisters Franz Quenstedt wurde in der Wohnung hinter seinem Geschäft an der Emser Straße gefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. Foto: Schroeder

„Wir lassen nicht locker“

Berliner Kriminalpolizei konnte im Jahr 2007 nahezu alle Morde aufklären. Einige Fälle bleiben aber weiterhin ungelöst.

Berlin. Hauptkommissar Uwe Behrens (39) sitzt in seinem Büro an der Keithstraße in Schöneberg und zeigt auf die dicke Akte auf seinem Schreibtisch. „Ich hätte ein besseres Gefühl, wenn dieser Fall gelöst wäre“, sagt der Kriminalbeamte von der 5. Mordkommission beim Landeskriminalamt.

Am 2. Januar 2007 war auf einem Trampelpfad am S-Bahnhof Ahrensfelde eine 17-Jährige, zwei Tage später an der Wuhletalbrücke in Marzahn eine 14-Jährige Opfer eines Gewalttäters geworden. Der Unbekannte hatte die Mädchen gewürgt und das eine mit einem Messer schwer verletzt. Zum Glück überlebten beide den Angriff. Obwohl die Polizei ein Phantombild anfertigen und veröffentlichen ließ, fehlt bisher jede Spur von ihm. „Wir lassen nicht locker“, verspricht Behrens. Inzwischen sind für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, 5000 Euro ausgesetzt. Manchmal, sagt Behrens, helfe auch „Kommissar Zufall“, oder der Leidensdruck des Täters werde so groß, dass er sich freiwillig stelle.

Die 73 Ermittler der sieben Mordkommissionen unter Leitung von Jörg Dessin haben sich nichts vorzuwerfen: Ihre Jahresbilanz kann sich sehen lassen. Nahezu alle Fälle von vollendetem Mord- und Totschlag konnten laut Dessin aufgeklärt werden. Konkrete Zahlen wollen die Beamten allerdings erst 2008 veröffentlichen.

2006 musste die Polizei 228 Tötungsdelikte bearbeiten, 167 davon waren Mordfälle. Diese Delikte hätten 2007 im Vergleich zu den beiden Vorjahren leicht zugenommen, sagt Dessin. Er führt das aber „auf ganz normale“ Schwankungen innerhalb der Kriminalstatistik zurück. Oberstaatsanwalt Ralph Knispel ist stolz auf die seit Jahren hohe Aufklärungsquote, die auf den „großen persönlichen Einsatz“ von Mitarbeitern der Strafverfolgungsbehörden zurückzuführen sei.

Einsatz rund um die Uhr

Davon kann Hauptkommissar Uwe Behrens ein Lied singen. „Wenn wir Bereitschaft haben, sind wir rund um die Uhr einsetzbar“, sagt der Beamte, der seit 14 Jahren bei der Mordkommission ist. Er habe schon zwölf, 16, ja sogar 36 Stunden an einem Stück gearbeitet. Dazu können Verhöre gehören, die sich über zehn Stunden und länger hinzögen. Aktuelle Fälle ließen einem manchmal keine andere Wahl, sagt Behrens. Bereut hat er seine Berufswahl aber bis heute nicht. Seine Arbeit sei weniger spektakulär, als in Fernsehkrimis oft dargestellt: „Die Schreibtischarbeit steht im Vordergrund, und schicke Villen sehen wir auch nicht.“

Ein halbes Jahr lang hatte der Fall Christina Hani die Beamten in Atem gehalten. Die Leiche der 14-Jährigen war am 16. April 2007 in einem Rollkoffer in der Grünanlage Thomashöhe in Neukölln verbrannt worden. Inzwischen konnte ein Tatverdächtiger wegen „versuchten Mordes durch Unterlassen“ inhaftiert werden. Der 17-Jährige soll dem Mädchen eine hohe Dosis Heroin gegeben und keine Hilfe geholt haben, als sie zusammenbrach. Er habe den Tod der Schülerin leichtfertig in Kauf genommen, lautet der Vorwurf. Das bestreitet Ali K. jedoch. Gesucht werden immer noch Zeugen, die den Dealer kennen und Angaben über ihn machen können.
Als Erfolg wertet die Kripo auch die Aufklärung des Mordes an der achtjährigen Amani im Park an der Forckenbeckstraße in Wilmersdorf. Das Mädchen war im Mai auf einer Bank mit durchschnittener Kehle aufgefunden worden. Wenig später wurde ihre Mutter festgenommen. Die Tatwaffe konnte bis heute nicht gefunden werden. Über das Motiv der mutmaßlichen Mörderin wird noch gerätselt. Die 32-Jährige muss sich im Mai 2008 vor Gericht verantworten.

DNA-Spuren am Tatort


Noch nicht ganz abgeschlossen werden konnte der Überfall auf einen Geldtransporter in Reinickendorf vom Oktober, bei dem ein 53-jähriger Geldbote erschossen wurde. Die Fahndung der Kripo nach dem dritten mutmaßlichen Täter, Bernd Mersiowsky (54), läuft weiter auf Hochtouren. Er war angeschossen worden und hatte DNA-Spuren am Tatort hinterlassen.

In die Schlagzeilen geriet auch der Fall eines Schülers, der in einem Charlottenburger Lokal bei einem Wetttrinken 40 Tequila kippte und ins Koma fiel, aus dem er nicht mehr erwachte. Gegen den 26-jährigen Wirt wurde Haftbefehl erlassen. Er soll wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt werden.

Ungesühnt blieb bisher der Tod eines Babys, das – in ein rosafarbenes Handtuch gewickelt – im Februar 2005 auf einer Müllkippe der Firma Alba in Mahlsdorf gefunden worden war. Die Durchsuchung des Mülls erbrachte keine Erkenntnisse, die zur Aufklärung des Falls führten.

Immer noch ungeklärt ist auch das rätselhafte Verschwinden der damals 14-jährigen Georgine Krüger aus Moabit. Die Kripo gibt die Hoffnung nicht auf, dass auch 15 Monate danach neue Informationen aus dem Freundeskreis und dem schulischen Umfeld der Vermissten Aufschluss über den Verbleib der Jugendlichen geben könnten. Hinweise dazu nimmt die Polizei unter t 46 64 91 16 00 entgegen.

Ein Fall, der ebenfalls noch Rätsel aufgibt, ist der des 68-jährigen Schuhmachers Franz Quenstedt, der am 17. Februar 2006 ermordet in seiner Wohnung an der Emser Straße 34 in Neukölln gefunden worden war. Kommissar Behrens ist froh, dass nicht alle der genannten Fälle in seine Zuständigkeit fallen. „Es gibt auch so genug für die 5. Mordkommission zu tun“, sagt er und zeigt auf den vollen Aktenschrank.

Ela Dobrinkat


Fahndungserfolge dank DNA-Analysen
Die in den vergangenen Jahren erheblich verbesserte Kriminaltechnik verhilft der Kriminalpolizei häufiger zu Fahndungserfolgen als früher. Dabei spielt die „klassische“ Spurensicherung anhand der am Tatort gefundenen Fingerabdrücke immer noch eine bedeutende Rolle. Als wirksames Instrument der Ermittler hat sich die DNA-Analyse herausgestellt. Über diesen Erbgut-Abgleich können immer mehr Täter identifiziert werden. Zum ersten Mal in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik konnte mit diesem „genetischen Fingerabdruck“ – dem Ergebnis der DNA-Analyse – der Mörder der 19-jährigen Claudia Mrosek überführt werden. Die Berlinerin war 1988 vergewaltigt und ermordet in einer Neuköllner Laube gefunden worden. Seit 1998 existiert eine DNA-Analyse-Datei beim Bundeskriminalamt (BKA). In Berlin spielt die DNA-Analyse bei der Aufklärung des Überfalls auf einen Geldtransporter vom Oktober eine Schlüsselrolle. Seit Bestehen der DNA-Datei beim BKA wurden insgesamt 55 000 Treffer erzielt. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es 6133. 2007 sind mit Hilfe der Analyse schon 130 Sexualdelikte aufgeklärt worden. Auch bereits Jahrzehnte zurückliegende Tötungsdelikte wurden so aufgeklärt. Während ein Mord nicht verjährt, konnten bei manchen Totschlagsdelikten die Täter nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden.

 

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