


Tagtäglich müssen sich BVG-Kontrolleure dreiste Lügengeschichten von Schwarzfahrern anhören. Doch sie wollen Konflikte vermeiden.
Berlin. Drei Prozent der Fahrgäste fahren schwarz. Davon gehen BVG und S-Bahn aus. Wer ohne gültiges Ticket angetroffen wird, muss allerdings nicht zwingend Strafe bezahlen. Oft hilft eine überzeugende Erklärung.
„Guten Tag, Fahrscheinkontrolle. Ihre Fahrausweise, bitte!“ Da hinten, gleich neben der seitlichen Tür des U-Bahn-Wagens, hat es offensichtlich jemanden erwischt. Was macht man? Man guckt weg, man duckt sich innerlich, man wäre am liebsten überhaupt nicht da. Man würde es gern den drei Affen nachmachen: nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Die Situation ist auch für die anderen Fahrgäste irgendwie peinlich. Man schämt sich ein bisschen mit. Man versteckt sich hinter der aufgeschlagenen Zeitung oder schaut angestrengt zum Fenster hinaus – und hofft inständig, dass die Angelegenheit möglichst rasch und geräuschlos aus dem Blickfeld verschwinden möge. Tut sie in der Regel auch, spätestens auf dem nächsten Bahnhof oder an der folgenden Haltestelle bitten die Kontrolleure den Fahrgast ohne Fahrschein hinaus. Aufatmen im Waggon.
Dieses Mal war man auf der glücklicheren Seite. Aber hat man wirklich immer einen Fahrschein dabei? Immer abgestempelt? Immer eine gültige Monatskarte? Ist man in einer fremden Stadt nicht schon mal ohne das richtige Ticket in ein öffentliches Verkehrsmittel eingestiegen, weil einen das Tarifsystem schier zur Verzweiflung getrieben hat? Jetzt ist es gut gegangen. Aber beim nächsten Mal? Dem Kontrolleur jedenfalls möchte man so schnell nicht wieder begegnen. Ist doch stets mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Kontrolle, wer mag das schon!
Für Unehrliche mitbezahlt
„Die Leute finden das okay.“ Auf der anderen Seite der Konfliktlinie hat man auf die Situation naturgemäß eine etwas andere Sicht. Ursula H. ist seit 1991 im Kontrolldienst. „Wir stoßen auf große Akzeptanz. Der Ehrliche will doch nicht der Dumme sein und für den Unehrlichen mitbezahlen.“ Jeder Job braucht eine moralische Grundlage und ein schwieriger wie der von Ursula H. erst recht.
Auch Kollege Hans S. hat zu Schichtbeginn stets ein reines Gewissen. Er sei, sagt er, „dazu erzogen worden, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden“. Er ist sich sicher, das Richtige zu tun. Aber er hegt auch keinen Groll gegen die Schwarzfahrer. „Ich verurteile niemanden.“
Ball flachhalten
Die beiden sind bestrebt, die Begegnung mit jenen Fahrgästen, die kein gültiges Ticket vorzuweisen haben, möglichst entspannt zu bewältigen. Sie wollen den Ball flachhalten. Sie sind geschult in Deeskalation und Konfliktvermeidung, und dennoch ist jede Situation anders. „Was zählt, ist die Körpersprache“, sagt Ursula H. Es mache eben den entscheidenden Unterschied aus, ob sich jemand vor ihr aufbaue und eine Drohhaltung einnehme. Gar nicht gut komme in diesem Zusammenhang an, wenn einer, der gerade erwischt wurde, auf seinen Kampfhund verweise – mit der Bemerkung: „Das ist mein Fahrschein!“ Es gibt für extrem erschrockene Kontrolleure auch eine psychologische Betreuung, wenn es sein muss sogar vor Ort.
Die Schaffner im Kontrolldienst werden hautnah mit den Schattenseiten der Großstadt konfrontiert. Der Job ist hart, und das Klima, so BVG-Pressesprecher Klaus Wazlak, „wird immer rauer“.
Angst vor Übergriffen
Notgedrungen leben die Kontrolleure mit der Angst vor Übergriffen. Sie ziehen sich aber, wenn es hart auf hart kommt, zurück. „Wir sind nicht die Polizei oder der Richter“, sagt Hans S., „und erst recht keine Rambos.“ Man habe, sagt er, „nur eine feststellende Aufgabe“. Doch reicht ihre Tätigkeit allemal dazu aus, die „stille Botschaft“ (Wazlak) unter die Fahrgäste zu bringen, dass kein Schwarzfahrer sicher vor Entdeckung ist. Sie hören von den Ertappten manche Geschichte – dramatische, anrührende, komische, tatsächliche und erfundene. Geschichten von frisch Verarzteten, überforderten Vätern, chinesischen Touristen. Man hat im Leben eben manchmal wichtigere Dinge im Kopf als die Sorge um Fahrkarten.
Wer ertappt wurde, findet sich in der Regel im Kassenraum der BVG an der Potsdamer Straße 188 ein. Hier kann das „Erhöhte Beförderungsgeld“ beglichen werden. Aber nicht nur das: Der Gang zum Kassierer ist für viele eine Gelegenheit, noch einmal für ihre persönliche Sicht der Dinge zu werben. Der lichte Anbau ist auch ein Ort der blühenden Fantasie.
Der ältere Mann krempelt ungefragt sein Hosenbein hoch und verweist auf eine Wunde am Unterschenkel. So genau will es eigentlich niemand wissen. Die Wunde hat mit einem Krankenhausbesuch zu tun und der Krankenhausbesuch mit einer U-Bahnfahrt. Mit im Spiel sind noch eine daheim liegen gebliebene Lesebrille, ein Entwertungsautomat, der nur Nullen gedruckt haben soll und verschwundene Akten. Es ist eine verworrene, verwirrende Geschichte, die der 68-Jährige da vorträgt. Eine von Hunderten, die hier tagtäglich das Licht der Welt erblicken oder fortgesponnen werden.
„Ich gebe nichts!“
Ein türkischer Junge verlässt den Zahlraum erhobenen Hauptes. Er musste die 40 Euro zahlen, das aber, sagt er, sei „kein Problem“ für ihn gewesen. Als er erwischt wurde, habe er dem Kontrolleur ein „Ich gebe nichts!“ entgegengehalten. Selbst das Auftauchen der Polizei habe ihn nicht sonderlich beeindruckt. Auch jetzt bleibt der 17-Jährige cool: „Ich fahre immer schwarz.“ Geschmeidig federt er hinunter in die nahe U-Bahnstation.
Ein Student weiß, dass er nichts mehr weiß. Ihn hat einfach das Erinnerungsvermögen verlassen. Das habe er denen von der BVG mitgeteilt. Daraufhin habe man ihn schamlos „wie einen Verbrecher behandelt“. Der 20-Jährige ist aufgebracht. Er will den Rechtsweg beschreiten.
Es ist ein Kommen und Gehen vor den mit dickem Glas armierten Schaltern, ein steter Fluss der Wahrheiten, Halbwahrheiten, Unwahrheiten. Es ist das Leben.
Schwindeln wie gedruckt
Die Kontrolleure in den Bahnen und Bussen haben ein Gespür dafür entwickelt, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Dummdreiste Ausreden mögen sie gar nicht. „Einige schwindeln wie gedruckt“, sagt Hans S. Das macht den Mann mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn richtig ärgerlich. Bei ihrer Arbeit haben die Kontrolleure einen bemerkenswerten Spielraum. „Für unsere Kulanz brauchen wir uns vor niemanden zu verantworten“, sagt Ursula H. Wenn die Geschichte überzeugt, wird der Kunde zum nächsten Fahrkartenautomat begleitet, wo er zum Nachlösen gebeten wird. Bei der nächsten Aufforderung zur Offenbarung der Fahrscheinehrlichkeit also nicht verzagen, sollte der Fahrschein partout nicht auffindbar sein: Eine plausible Erklärung kann die Rettung sein.
Kai Ritzmann
| Wiederholungstätern droht Haft |
| Die genaue Zahl der Schwarzfahrer in Berlin ist nicht bekannt. Festlegen kann und will sich die BVG nur auf die tatsächlich Erwischten. Sie machen rund drei Prozent der jährlich rund 900 Millionen ehrlichen Fahrgäste aus. Diese Quote ist seit Jahren etwa gleich geblieben. Die Zahl verteile sich, so die BVG, relativ gleichmäßig auf Tages-, Wochen- und Jahreszeiten sowie die Strecken. Schwarzgefahren werde „überall und jederzeit“. Auch die Zahl der eingesetzten Kontrolleure, die, wie beteuert wird, keine Kopfprämie erhielten, bleibt Betriebsgeheimnis. Wer erwischt wird, muss mit einem „erhöhten Beförderungsgeld“ von 40 Euro rechnen. Kontrolliert wird laut BVG nur im Zug oder unmittelbar beim Aussteigen auf dem Bahnsteig. Wer seine Wochen-, Monats- oder Jahreskarte zu Hause liegen gelassen hat bzw. nachweisen kann, dass er Inhaber einer gültigen persönlichen Zeitkarte oder einer entsprechenden Fahrtberechtigung ist, muss nur eine Bearbeitungsgebühr von sieben Euro zahlen. Wiederholungstätern droht sogar Haft, zum Beispiel wie jenem notorischen Schwarzfahrer aus Lichtenberg, den ein Richter für drei Monate ins Gefängnis schickte, ohne Bewährung. |