


Bis 2010 gibt es in Berlin 13 Polizeiabschnitte weniger: eine Strukturreform, die auf viel Kritik von Bürgern und Gewerkschaft trifft.
Berlin. Bis 2010 sollen die Polizeiabschnitte in Berlin neu geordnet sein. Ziel: sechs Polizeidirektionen mit je sechs Abschnitten. Dafür werden überall Abschnitte zusammengelegt. Das stößt auf Widerstand bei Anwohnern und Kritik bei der Gewerkschaft der Polizei.
„Wo ist denn hier die nächste Polizeistelle?“ Es ist Donnerstag, 17 Uhr, Tischler Mark Tollke (35) und sein sechsjähriges Töchterchen schauen sich suchend um. „Mein Fahrrad ist weg“, sagt die Kleine und kämpft mit den Tränen. Der Vater ist sauer und will Anzeige erstatten. Der Kreuzberger kennt sich in Lichtenberg nicht aus, war nur zu Besuch bei Bekannten an der Balatonstraße. „Da müssen Sie zur Sewanstraße, zu Fuß etwa 15 Minuten von hier“, klärt ihn eine Passantin auf. Die Stimmung von Vater und Tochter sinkt auf den Nullpunkt. Aber trotzdem machen sie sich auf den Weg.
Währenddessen wartet in Zehlendorf ein Ehepaar am Königsweg auf die Kriminalpolizei. Bei den Rentnern wurde eingebrochen, als sie im Zoo unterwegs waren. Auf der Verlustliste stehen Schmuck und Bargeld. „Vor 20 Minuten haben wir die Polizei angerufen und sitzen jetzt natürlich wie auf Kohlen“, sagt der Mann. „Gefühlt warten wir schon viel zu lange.“ Früher sei die Polizei schneller vor Ort gewesen, glaubt der pensionierte Lehrer, und seine Frau nickt.
Mobile Wachen
Am Siemensdamm, auf dem Parkplatz der Domäne, empört sich Charlotte Berger über fehlende Polizeipräsenz auf den Straßen. „Ich bin hier mal ausgeraubt worden, aber ein Polizist war nicht in Sicht“, beschwert sich die 68-Jährige. Ein älterer Mann kommt hinzu: „Viel zu wenig ,Grüne‘ sind im Einsatz“, findet auch er. Dabei steht direkt vor ihrer Nase eine mobile Wache der Polizeidirektion 2. In dem Polizeiauto könnten die beiden Fragen zu Ordnungsämtern und Ansprechpartnern stellen, sich beschweren, informieren, Flyer mitnehmen – und auch Anzeigen aufgeben. Aber das wollen sie nicht. „Ist ja nichts passiert. Die sind nur nie da, wenn man sie braucht“, sagt Frau Berger und macht sich kopfschüttelnd auf zum Wochenmarkt am Schuckertplatz.
Seit 2005 ist die mobile Wache im Herzen von Siemensstadt jeden Donnerstag von 10 bis 12 Uhr präsent. Knapp 200 Vorgänge hat das Team dort 2008 bearbeitet. „Donnerstag ist Markttag, da passt es sehr gut, wenn wir in der Nähe stehen“, meint Polizeihauptkommissar Karl-Heinz Poppmann. „Manchmal warten die Leute schon morgens auf uns, und es werden Fundsachen abgegeben: vom Ausweis über Geld bis zum Regenschirm“, so Poppmann. „Wenn im U-Bahnhof gedealt wird, sagen meist Fahrgäste Bescheid und wir kümmern uns darum.“ Wenn der 56-jährige Familienvater nicht in der mobilen Wache arbeitet, läuft Poppmann als Kontaktbereichsbeamter (Kobb) durch Haselhorst. Die mobile Wache verkörpert für ihn ein großes Stück Bürgernähe, genau wie die Kobbs in den Kiezen. Da wird er angesprochen, hilft und klärt auf.
Aber nur zwei der sechs Berliner Polizeidirektionen haben mobile Wachen, die regelmäßig im Kiez stehen. Neben der Direktion 2 (Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf) bietet auch die Direktion 4 (Tempelhof-Schöneberg, Steglitz-Zehlendorf) diesen Service zum Beispiel sonnabends an der Schloßstraße an. „Das wird gut angenommen. Da kommen Fragen nach dem nächsten Naturkaufhaus, dem Bürgeramt oder zum Kinderschutz“, zählt Michael Bengsch, Sprecher der Direktion 4, begeistert auf. Er kennt das Frage-Antwort-Spiel aus eigener Erfahrung, war er doch selbst anderthalb Jahre bei der mobilen Wache. „Das ist eine gute Sache und ein toller Bürgerservice.“ Die Direktion 1 (Reinickendorf, Pankow) dagegen gab jetzt ihre mobile Wache in Karow auf – keine Nachfrage, kaum Besucher. Die Neuordnung der Polizeiabschnitte bringt mit jeder Zusammenlegung zweier Standorte 20 Mitarbeiter mehr für Dienste am Bürger auf der Straße. Das rechnet Polizeipressesprecherin Heike Nagora vor: „Das Personal kommt nach der Fusion aus dem Innendienst und der Führungsebene, die ja dann automatisch abgespeckt werden.“ Bürgerbeschwerden über die Arbeit der Polizei vor Ort habe es nach den bisher erfolgten Zusammenlegungen ihres Wissens noch nicht gegeben. Jetzt stehen laut Nagora nur noch zwei Fusionen an – zum einen werde überlegt, wie es mit dem Abschnitt 25 am Kurfürstendamm weitergehe, und zum anderen sei der Abschnitt 42 an der Hauptstraße in Schöneberg betroffen. Für die Polizeiführung ist klar: Bis 2010 ist die Umstrukturierung der Abschnitte abgeschlossen.
Daran scheint auch der Aufschrei von Polizeigewerkschaft GdP und Bürgerinitiativen nichts mehr ändern zu können. Scharfe GdP-Kritik kommt zum Beispiel zur Reduzierung der Abschnitte: „Die Auflösung von Abschnitten in den Bezirken läuft auf Kosten der Bürgernähe“, sagt Klaus Eisenreich von der GdP. Das Ziel, sechs Abschnitte pro Direktion ist willkürlich festgelegt und die Standorte entsprechen zum Teil nicht den wirklichen Anforderungen in den Kiezen, betont der Gewerkschafter. Zum Beispiel die Schließung des einzigen Abschnitts an der Flaniermeile Ku’damm bringe verlängerte Anfahrtswege für die Funkwagen, die Präsenz von Kobbs oder Fußstreifen sei geringer und die Ansprechpartner für die Bürger fehlten. Das alles gelte auch besonders in den Randbezirken, wo sich durch die Auflösung von Standorten Wege und Wartezeiten für Bürger und Polizei zwangsläufig verlängern. Die traditionellen Kobbs im Kiez gebe es leider nur noch vereinzelt, zieht Eisenreich Bilanz. So gehe mit jeder Auflösung ein Stück Sicherheit in der Stadt verloren. „Aus Sicht der Gewerkschaft ist das der falsche Weg.“
Auch in Köpenick stehen noch tief greifende Veränderungen an. Dort versuchen Anwohner und GdP, den geplanten Umzug des Abschnitts 66 an die Wassersportallee (Nähe S-Bahnhof Grünau) zu verhindern. Noch gibt es zwei Standorte – an der Karl- und der Bölschestraße. „Die Wassersportallee liegt am äußersten Rand des Bezirks, Bürger brauchen zum Teil eine Stunde mit den Öffentlichen, um den Abschnitt zu erreichen. Und auch die Polizei wird trotz Blaulicht in Notfällen bis zu 20 Minuten länger zum Einsatzort benötigen“, zählt Eisenreich auf. In Bürgerversammlungen wird derzeit immer wieder ein zentraler Standort für Köpenick gefordert.
Gabi Zylla
| 15.000 Polizisten schützen Berlin |
| Die Personalstärke der Berliner Polizei wurde seit der Wiedervereinigung erheblich abgebaut. Das ist mit einer Umstrukturierung der Polizeiverwaltung verbunden. Die Zahl der Polizeidirektionen wurde bereits von sieben auf sechs reduziert. Von den 49 Abschnitten bleiben 2010 nach Abschluss der Neuordnung 36 übrig. Auch die Wache der Wasserschutzpolizei auf Schwanenwerder wurde geschlossen. Laut Polizeisprecherin Heike Nagora wird bei der Fusion einzelner Abschnitte kein Personal abgebaut. Nach Rechnung der Polizeigewerkschaft gab es jedoch im Jahr 2000 noch 19.100 Polizisten, derzeit sind es rund 15.000. Ein Grund dafür war der vierjährige Einstellungsstopp Anfang des neuen Jahrtausends. |
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