Ulrike Hart von den SHBB überreicht den Kindern Geschenke. Foto: Christian Hahn
Ulrike Hart von den SHBB überreicht den Kindern Geschenke. Foto: Christian Hahn
Ein Clown lässt die Kinder für einige Zeit ihre Sorgen vergessen. Foto: Christian Hahn
Ein Clown lässt die Kinder für einige Zeit ihre Sorgen vergessen. Foto: Christian Hahn

Wunder gibt es immer wieder

Artikel vom 21. Dezember 2011

Bescherung und Gänsekeule für Bedürftige: Besonders in der Weihnachtszeit haben Ehrenamtliche viel zu tun.

Berlin. Für viele sind sie einfach gute Geister: Menschen, die sich freiwillig und aus Nächstenliebe um die kümmern, die Hilfe und Zuneigung brauchen. Zu Weihnachten aber werden sie manchmal zu Engeln.

Frau Holle und die Nussknacker haben alles im Blick. Gewöhnlich fristen sie in den dunklen Weiten des Fundus ein eher freudloses Dasein, doch heute stehen sie stolz und wie schützende Patrone zu beiden Seiten der großen, weihnachtlich geschmückten Bühne und geben Acht darauf, dass nichts falsch läuft an diesem Nachmittag. Auch sie haben sich ganz der guten Tat verschrieben.

Wie das Bläsersextett „Atemlos“ der örtlichen Musikschule, das sich mit vereinten Kräften durch den aufwallenden Kunstnebel hindurch dem deutschen Weihnachtsliederkanon widmet. Denn heute sollen in dieser kleinen Welt in diesem großen Saal Furcht und Hässlichkeit keine Chance haben. Die Probleme sollen draußen bleiben. Für zumindest ein paar Stunden. Denn heute ist kein Tag wie jeder andere.

Armut und Hilflosigkeit

Rund 150 Kinder und ihre Eltern warten auf das, was kommen wird. Die Jungen und Mädchen sind ziemlich aufgeregt. Einige von ihnen rennen wie aufgedreht kreuz und quer durch den Raum, in dem lange Reihen von Tischen und Stühlen aufgebaut sind. Es gibt Kaffee und Kuchen, Gebäck und Saft. Es ist Bescherungszeit in der Caligarihalle des Filmparks Babelsberg. Eingeladen hat Susann Prinzessin von Preußen, die diesen Nachmittag – zusammen mit einer Reihe von Sponsoren – den Kindern schenkt. Die Drei- bis Zwölfjährigen kommen aus prekären Familienverhältnissen, aus einem Umfeld, in dem Not, Armut und Hilflosigkeit oft groß sind.

Die gemeinnützige Gesellschaft für Soziale Hilfen in Berlin-Brandenburg (SHBB)betreut ambulant die betroffenen Familien oder bringt die Kinder stationär in speziellen Wohngruppen unter. Ganzjährig ist viel professionelles und ehrenamtliches Engagement erforderlich, um den Kindern eine Perspektive zu geben. Aber heute will an diesen schwierigen Alltag niemand denken.

Schon vor Wochen haben die Kinder ihre Wünsche geäußert, jedes bekommt vom Weihnachtsmann sein Geschenk überreicht. Ihm seien, sagt der fünfjährige Elias nach der Bescherung, Rentiere erschienen, die einen Schlitten gezogen haben. Sie seien unsichtbar gewesen, aber er ist sich dennoch sicher. „Ich habe sie“, sagt er, „nämlich gefühlt.“

Viele kleine Wunder

Es gibt in diesen Wochen vor Weihnachten viele solche Augenblicke, solche kleinen Wunder. Viele Orte in dieser großen Stadt, die glimmen, glühen, strahlen, weil Menschen freiwillig sich um andere kümmern und weil sie nicht wegsehen. Sie leisten diese Arbeit für ihre Mitmenschen Tag für Tag, Monat für Monat, sie leisten sie ohne große öffentliche Aufmerksamkeit. Sie leisten sie für uns. Doch in der Zeit, in der überall die Kerzen brennen und viele, denen es nicht gut geht, auf Nähe und Fürsorge angewiesen sind, ist ihr Einsatz noch wichtiger. Dann schickt sie manchmal fast der Himmel.

Mal ist der Einsatz spektakulär, wie etwa bei den Weihnachtsfeiern mit Gänsekeulen, Klößen und Rotkohl, zu denen Frank Zander und seine Helfer jedes Jahr mehr als 3000 Obdachlose ins Berliner Estrel einladen. Mal fast alltäglich, wie in der Wärmestube der Caritas am Wilmersdorfer Bundesplatz.

Zulauf rund um Weihnachten noch größer

Kurz vor 15 Uhr ist die Tür noch geschlossen, doch gut ein Dutzend Männer und Frauen warten bereits vor dem Eingang. Es sind nicht mehr nur die gewohnten Nichtsesshaften, die hier Einlass suchen, es sind immer häufiger auch Rentner und junge Leute, aber auch Familien und Menschen, die ihr geringes Einkommen mit staatlichen Zuschüssen aufstocken müssen. Sie kommen, um etwas zu essen und zu trinken, aber auch um sich zu treffen, um ein wenig zu reden, um jemanden zu finden, der zuhört. Es werden immer mehr, und noch größer ist der Zulauf rund um Weihnachten.

Diejenigen, die jetzt in der Adventszeit kommen, seien „noch sentimentaler gestimmt als sonst“, sagt Paul Zimmermann, einer der rund 15 Ehrenamtlichen, die regelmäßig in der Wärmestube helfen. „Wir lachen und weinen mit ihnen“, sagt Irmgard Losch. Die Rentnerin hört sich manchmal ganze Lebensgeschichten an.

„Das ist oft hart“

Gerade zur Weihnachtszeit sei das Bedürfnis groß, sich die Seele zu erleichtern. „Das ist oft hart“, sagt die 59-Jährige, während sie ein Paar Wiener nach dem anderen auf die Teller legt, auf die ihr Nebenmann an der Essensausgabe bereits Kartoffelsalat geschaufelt hat.

Manche wollen reden, manche nicht. Sie habe, erklärt eine Frau, die allein an einem der quadratischen Tische sitzt, „so viel im Kopf“, sie könne nun nichts sagen. Ein paar Tische weiter hat ein Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte, seinen Teller schon leer gegessen. In der Hand hält er eine nicht angezündete Zigarette, die Haare sind grau meliert und ordentlich geschnitten. Er sei, sagt der 58-jährige Hartz-IV-Empfänger, ein „Ausgestoßener“. Viele fühlten sich jetzt noch einsamer als sonst und wollen nur ein bisschen „Ablenkung“.

Eine Art Ersatzfamilie

Man sei auch etwas wie eine „Ersatzfamilie“, sagt Dagmar. Zwar ist sie erst vor zwei Tagen zu dem Team der Ehrenamtlichen gestoßen, doch richtet sie sich schon mal darauf ein, „hier und da trösten“ zu müssen, wenn die Feiertage näher rücken. Sie und ihre Kollegen werden sich auch dieser Aufgabe mit Zuneigung und Mitgefühl widmen. „Aber das, was wir dabei zurückbekommen, ist mehr, als sich die Leute vorstellen können“, sagt Joachim Bald. 35 Jahre hat er einen Kran gesteuert, vor zehn Jahren hat er sich bei der Caritas für eine unbezahlte Mitarbeit beworben. Er ist ein Typ, der die Wärmestubenbesucher auch mal in den Arm nimmt.

Der erste Andrang an diesem Nachmittag ist vorüber, die Ehrenamtlichen der Caritas haben mit dem Verteilen der Stolle begonnen. Es ist schließlich Advent. Hier und da ist ein leises „Dankeschön“ zu hören. Zeit, um ein wenig zur Ruhe zu kommen, Zeit, um etwas Großes einfach auszudrücken. Für die Antwort auf die Frage nach dem persönlichen Motiv für seinen Dienst am Nächsten braucht Joachim Bald nur zwei Worte: „Liebe geben.“

Kai Ritzmann

 


Ehrenämter in Berlin
Das offizielle Hauptstadtportal www.berlin.de/buergeraktiv listet 1276 Organisationen auf, in denen Bürger ehrenamtlich tätig sein können. Unter ihnen sind so bekannte Institutionen wie die Malteser, das Deutsche Rote Kreuz, Caritas, die Arbeiterwohlfahrt und die Freiwillige Feuerwehr. Sie decken das ganze Spektrum des sozialen, politischen und kulturellen Lebens ab. Helfer werden in der Familien-, Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit, in den Bereichen Bildung, Obdachlosenhilfe, Natur und Umweltschutz, Sport und Kunst, bei der Unterstützung für Behinderte oder für therapeutische Angebote gesucht.

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