Zusammenhalt wird bei Türkiyemspor großgeschrieben: Die A-Jugend trainiert auf dem Platz an der Blücherstraße. Foto: Brunner
Zusammenhalt wird bei Türkiyemspor großgeschrieben: Die A-Jugend trainiert auf dem Platz an der Blücherstraße. Foto: Brunner

Zusammen gewinnen und verlieren

Sarrazin-Debatte, Problemkieze, ein Jahr Berliner Integrationsgesetz: Wie Multikulti vor Ort funktioniert.

Berlin. Man kann über das gute Miteinander von Migranten und Mehrheitsgesellschaft vortrefflich diskutieren. Man kann aber auch etwas dafür tun. In Berlin gibt es zahlreiche Vereine, Verbände und Projekte, die sich für Integration einsetzen.

„Jetzt“, sagt Zeljko Ristic, „geht’s ans Eingemachte.“ Der 38-Jährige steht am Spielfeldrand, stoppt die Zeit, zählt die Tore – und verweigert sich freundlich lächelnd jeder Schiedsrichterrolle. Es beim Lächeln zu belassen ist durchaus klug bei denen, die er „Schwergewichte“ nennt. 15 junge Männer sind an diesem Abend in die Sporthalle der Justus-von-Liebig-Grundschule in Friedrichshain gekommen, um Fußball zu spielen. Sie sind um die 20 Jahre alt, sie heißen Kemal, Jasin, Amir, Igor. Einige von ihnen haben, sagt Ristic, „schon was auf dem Kerbholz“. Welche Art von Vergehen er damit meint, will er so recht nicht sagen, nur soviel: „Das ganze Spektrum.“

Vor dem Krieg geflohen

Es ist eine bunte Truppe. Die meisten von ihnen kommen aus dem zerfallenen Jugoslawien, aus Bosnien, Kroatien, aber auch aus Albanien oder dem Irak. Ihre Familien sind meist vor dem Krieg geflohen. Auch Ristics Eltern sind aus dem ehemaligen Reich Titos eingewandert, er selbst ist in Berlin geboren. Der ausgebildete Erzieher gehört zum Team Friedrichshain-Kreuzberg des Projekts „Outreach“, das sich in der mobilen Jugendarbeit engagiert. Die Jungs rennen nun schon fast eine Stunde hinter dem Ball her, dreschen ihn unverdrossen Richtung Tor. Sie kommen langsam gehörig ins Schwitzen. Je mehr die Erschöpfung zunimmt, desto ruppiger wird es.

Sich an Regeln halten

Einmal in der Woche öffnet Ristic für sie die Halle. Dann können sie ihre Kräfte messen. Und sie sollen sich an Regeln halten. Dann müssen sie sich untereinander verständigen, was geht und was nicht. Ob man zum Beispiel fair spielt oder nicht. Wie man mit Neulingen umgeht. Hier werden Alphatiere rasch auf Normalmaß gestutzt. Das Geholze ist nichts für Ballästheten. Aber es ist ein Schritt auf dem holprigen Weg der Integration.

Ristic kennt die Mühen und die Hürden. Wer vom Balkan zu uns kommt, bringt seine alte Heimat mit. „Dorf bleibt Dorf“, sagt der Sozialarbeiter, „auch in Berlin.“ Er weiß, dass der Mikrokosmos Familie durchbrochen werden muss, aber er weiß auch, wie schwer das ist. Er kennt einen Fall, in dem eine Mutter dagegen protestierte, dass ihr Sohn zur Polizei geht. Der Sohn fügte sich, mit 21 Jahren. Ristic versucht, die Nachwachsenden aus den Familien heraus und in unterschiedliche Gruppen zu bringen. Dort wachsen die Chancen, einen positiven Einfluss auf sie zu gewinnen.

In Trance geredet

Ristic kann sich an Situationen erinnern, in denen sich Spieler auf der Bank „in Trance“ geredet haben über ihre Probleme in der Familie, in der Schule, bei der Ausbildung. Dann brach es so aus ihnen heraus, dass sie gar nicht mehr aufhörten, sich zu offenbaren. „Dann muss man helfen und zwar ganz schnell, nicht morgen, sondern heute, am besten gestern.“ Outreach will ein Projekt sein, das eingreift, wenn Not am Mann ist, das dort ist, wo die Migranten sind. Es ist eines von jenen vielfältigen Versuchen zur Integration, die in dieser Stadt mit einigem Optimismus jeden Tag neu gestartet werden.

Auf dieses bunte Mosaik setzt auch Günter Piening, Beauftragter des Senats für Integration und Migration. Fast ein Jahr ist vergangen, seit das Gesetz zur Partizipation und Integration in Berlin in Kraft getreten ist. Es gab im Vorfeld viel Kritik und manche Häme für das amtliche Bemühen, „Menschen mit Migrationshintergrund“ eine „gleichberechtigte Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens“ zu ermöglichen. Für Piening ist das Integrationsgesetz ein „Gesetz der Einladung“, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Sarrazin-Debatte, die er – von Amts wegen, aber auch aus ganzem Herzen – als „verheerend“ empfunden hat. Vonseiten des Landes will man diesem Grundsatz speziell durch die Förderung von Einwanderern und ihren Nachkommen im Bereich des öffentlichen Dienstes nachkommen. Von 2006 bis 2010 erhöhte sich der Anteil der Ausbildungsplätze, die an Personen mit diesem Hintergrund vergeben wurden, von acht auf rund 20 Prozent.

105 Organisationen trugen sich ein

Aber allein darauf will sich der Senat nicht verlassen. Aufgerufen werden auch Migrantenorganisationen, sich an dem Prozess der Integration zu beteiligen, vor allem durch die Entsendung von Bürgerdeputierten in die Bezirksverordnetenversammlungen. Die Liste der Organisationen stehe, so Piening, 105 von ihnen hätten sich eintragen lassen. Dies sei bereits „ein großer Fortschritt“.

Piening mahnt, aktuelle Entwicklungen nicht zu verschlafen oder zu verdrängen. Berlin sei auch bei der Integration kein beschaulicher Ort. Die Dinge sind in fast schon dramatischer Bewegung. Es gibt Quartiere, die verändern sich von Monat zu Monat. Wo angestammte Mieter aus preiswertem Innenstadtwohnraum verdrängt werden, sind oft Migranten besonders betroffen. Im Reuterkiez wird es schon ungemütlich für sie, da ziehen sie vielleicht nach Spandau. Dem will Piening mit einer städtischen „Bleibepolitik“ entgegenwirken.

Deutliche Signale

Er – und der Senat – wollen den Migranten das deutliche Signal geben: „Wir brauchen Euch!“ Aber sie möchten auch von den Migranten ein klares Zeichen dafür sehen, dass sie sich „anstrengen“, dass sie ihre Chancen nutzen. Dafür gibt es in Berlin Tausende von Beispielen. Es gibt einen wachsenden türkischen Mittelstand, türkischstämmige Polizisten, Künstler, Politiker.

Man kann auch skeptisch bleiben und wie der CDU-Integrationsexperte Burkard Dregger die vermeintlich dumpf ausländerfeindliche Stimmungslage in Reinickendorfer Kneipen ins Feld führen. Man darf, wie es auch Piening tut, eine „zunehmende Polarisierung“ zwischen den unzähligen Erfolgsgeschichten und den vielen in der Schule „abgehängten“ Migrantenkindern beklagen. Oder man geht zu Türkiyemspor. Der Fußballverein gilt als Aushängeschild, wenn in Berlin über Integration gesprochen wird.

Es ist Tagesschauzeit, und es ist kalt. Das Flutlicht legt sich wie ein eisiger Schimmer über das Spielfeld an der Kreuzberger Blücherstraße. Die Mannschaft der A-Jugend steht auf Platz vier der Regionalliga. Trainer Isvan Demir lobt die „Cleverness“ der 18-, 19-Jährigen, mit der sie ihr Weiterkommen auf dem Platz und überhaupt in Angriff nehmen. Er fordert von ihnen Respekt und Anständigkeit. Sie lernen im Verein etwas, das ihnen hilft, im Sport und im Alltag.

Fast wie Brüder

Die Jungs halten zusammen, sie sind, sagt einer, „wie Brüder“. Es ist das Pathos der Jugend, aber es ist wohl auch die Wirklichkeit, ihre Wirklichkeit. Es spricht viel Stolz auf das Erreichte aus ihnen. Sie haben einen Ehrgeiz, der sie eint, der ihnen Kraft gibt jenseits des Fußballfeldes. Die meisten von ihnen haben einen deutschen Pass. Sie werden das Abitur machen oder stecken in der Ausbildung. Sie gewinnen und verlieren zusammen. Zum Spiel, sagt ein anderer von ihnen recht weise, gehören „Lachen und Tränen“ dazu. Man muss sich um sie keine Sorgen machen.

Kai Ritzmann

 

Berliner bleiben skeptisch

Integrationsbeauftragter sieht trotzdem große Fortschritte.

Berlin. Das Ergebnis ist eindeutig: Unsere Leser bleiben in Hinblick auf die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund äußerst skeptisch.

Auf die Frage, ob die Integrationsbemühungen in Berlin eine Chance auf Erfolg haben, antworteten 87 Prozent mit Nein. Dies ist ein ernüchterndes Ergebnis. Dennoch möchte sich der Senatsbeauftragte für Integration und Migration davon nicht den Blick auf das bereits Erreichte verstellen lassen.

„In dieser Befragung spiegelt sich die große Ungeduld wider, die viele erfasst, wenn es um Integration geht“, sagt Günter Piening. „Dabei wird aber übersehen, wie groß der Nachholbedarf ist. Jahrzehntelang verweigerte man den Einwanderern die gleichen Chancen.“ Vor diesem Hintergrund seien die Fortschritte „atemberaubend“. Über 90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen besuchten heute in Berlin eine Kita, die Schulabbrecherquote sinke. Beim Anteil der Abiturienten mit Migrationshintergrund sei die Hauptstadt bundesweit spitze.

Wer die Wirklichkeit zur Kenntnis nehme, so Pienings Fazit, müsse zu dem Urteil kommen, dass Integration „nicht gescheitert“ sei.


Migranten in Berlin
Nach Statistischem Landesamt haben 872.000 Berliner einen Migrationshintergrund. Den Hauptanteil bilden Türken (170.000), gefolgt von Polen (90.000) und Arabern (60.000). Fast die Hälfte der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sind Deutsche. Von den 170.000 türkischstämmigen Berlinern haben 63.000 (40 Prozent) einen deutschen Pass. Den höchsten Anteil an Personen mit Migrationshintergrund in Berlin hat der Askanische Platz (Kreuzberg) mit 68,9 Prozent, der Mehringplatz (Kreuzberg) mit 66,6 Prozent und die Reinickendorfer Straße (Wedding) mit 66 Prozent.

Reportagen 2011


Weitere Reportagen


 

LESERAKTIONEN



Frage der Woche

 

 

Halten Sie den Reaktor in Wannsee für gefährlich?


ja
nein

Vor Abstimmung bitte Zeichenfolge eingeben.
Captcha-Code



Ergebnis der Vorwoche

Haben Sie Angst, Opfer eines Einbruchs zu werden?
 
ja: 87%
 
nein: 13%
 

100 Stimmen gesamt

1-2-Job