

Einige kümmern sich mit Kleidersammlungen um Bedürftige, andere machen mit den Altkleidercontainern ein Geschäft.
Berlin. Wohin mit dem einstigen Lieblingsshirt? Es ist nicht mehr neu, aber für den Mülleimer zu schade. Etwa 36.000 Tonnen Altkleider kommen jährlich in der Hauptstadt zusammen. Während karikative Vereine damit Bedürftige unterstützen, ist Kleiderrecycling auch ein Wirtschaftszweig. Viele Jeans oder T-Shirts landen in Afrika oder Osteuropa.
Silvia Schneider greift in den blauen Plastiksack und zieht eine Kinderhose heraus. „Das ist fein, Kinder- und Babykleidung sind immer Mangelware“, sagt die 54-Jährige. Seit 15 Jahren arbeitet sie beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Dreimal in der Woche macht sie sich über den Berg aus Plastiksäcken her und sortiert die gespendete Kleidung. Je nach Zustand kommen Jacken, Hosen, Pullis oder Hemden auf unterschiedliche Stapel.
Dicke Pullover und Jacken für Herren landen im Regal neben dem Eingang des Lagerraums an der Bachestraße. „Dort bedienen sich täglich die Mitarbeiter vom Kältebus, nehmen Sachen für Obdachlose mit“, sagt Rüdiger Kunz, Sprecher des DRK. Ein Teil der alten Kleidung ist für die Kleiderkammern reserviert, der andere für die beiden Secondhandshops
Das Sortieren kostet Geld und Zeit
„Es gibt inzwischen viele Senioren, die kommen extra vorbei, um mir die Sachen persönlich zu übergeben“, so Schneider. Geärgert hat sie sich neulich, als sie ein gut gekleidetes Paar beobachtete, dass zwei große Tüten mit Kleidung gleich in den Müllwagen der Berliner Stadtreinigung warf. „Leider verwechseln zu viele Berliner die Kleiderspendencontainer mit einer Recyclingtonne“, verweist Kunz auf ein anderes Problem. Das Aussortieren von Hemden, Socken, Schuhen und Jacken koste Zeit und Geld.
„In die Container gehört nur Kleidung, die in Ordnung ist und die andere Menschen noch tragen können.“ Dazu betreibt das DRK zwei Secondhandshops in Friedenau und Wedding. Kunz: „Es gibt viele ärmere Berliner, die sich schämen, in eine Kleiderkammer zu gehen. In den sogenannten Kilo-Shops haben sie die Möglichkeit, gebrauchte Kleidung zu einem günstigen Preis zu erstehen.“ So gibt es alltagstaugliche T-Shirts, Röcke und Hosen für derzeit 13 Euro das Kilo. Mit dem Erlös aus der Kleidersammlung finanziert das DRK unter anderem die beiden Kinder- und Jugendeinrichtungen in Wedding und Prenzlauer Berg.
Qualität lässt immer mehr nach
Dabei haben karitative und gemeinnützige Verbände wie Kirchen oder DRK zunehmend Schwierigkeiten mit den gespendeten Altkleidern. „Teilweise ist mehr als die Hälfte der Ware aus den Sammelcontainern nicht mehr zu gebrauchen“, so Kunz. Gerade in den vergangenen Jahren habe sich die Qualität verschlechtert. Denn wenn die Hauptstädter mehr preiswerte Kleidung schlechter Machart kaufen, sind sie nach dem Tragen kaum noch zu gebrauchen und landen immer öfter im Reißwolf. Die Entsorgung müssen dann die Einrichtungen bezahlen.
Deshalb gehen immer mehr Hilfsorganisationen dazu über, Gebrauchtes nur noch direkt in den Kleiderkammern oder Secondhandläden anzunehmen, darunter der Verein Oxfam und die Berliner Stadtmission „Wir veranstalten generell keine Kleidersammlungen, sondern rufen nun gezielt zu Spenden auf“, so Ortrud Wohlwend von der Berliner Stadtmission. „Im Winter sind immer warme Jacken, Mäntel, Pullover und Hosen für die Notübernachtung der Obdachlosen gefragt.“ An guter, tragbarer Herrenbekleidung herrsche Mangel.
Einer der Läden für Sachen aus zweiter Hand befindet sich an der Lehrter Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Am Eingang zum Gästehaus und zur Kapelle gibt es auf zwei Kleiderständern warme Winterjacken und Mäntel sowie Schals und Mützen für Damen. Im Laden mit angeschlossenem Café bietet die Mission dagegen eher Accessoires, Hausrat, Schmuck und Kunsthandwerk an. Die Einnahmen aus dem Verkauf fließen dann in die Hilfsprojekte wie die Notunterkunft für Obdachlose.
Andere Organisationen wie Maltester- oder Johanniter-Hilfsdienst überlassen das Sortieren gewerblichen Firmen. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Kleidung zu sortieren“, sagt Sprecherin Kristin Erven-Hoppe vom Malteser-Hilfsdienst in Berlin. „Deshalb haben wir schon vor Jahren diese Aufgabe an eine Firma vergeben.“ Aus dem Erlös erhalten die Maltester dann ihren Anteil. Diese Art des Sammelns ist jedoch in die Kritik geraten, weil einige Vereine zwar ihren guten Namen für solche Sammlungen vermarkten, die Kleiderspenden aber nicht Bedürftigen zugutekommen.
Faire Verwertung
1994 gründeten etwa 100 gemeinnützige Organisationen den Verband Fairwertung. Sie einigten sich auf bestimmte Standards bei der Altkleidersammlung. So ist es verboten, den Vereinsnamen an gewerbliche Sammler zu verkaufen, um Menschen nicht in die Irre zu führen. „Die Leute sollen ehrliche Informationen darüber erhalten, was mit ihren Kleidern passiert“, sagt Geschäftsführer Andreas Voget. „Viele Menschen möchten, dass ihre abgelegte Kleidung Menschen zugutekommt, die es nötig haben.“ Jedoch gebe es einen erheblichen Überhang, der gar nicht an Bedürftige weitergegeben werden könne. Aber in Afrika sind etwa T-Shirts aus den europäischen Ländern durchaus begehrt, weil sie nicht ausfärben oder ausleiern.
Lange Zeit war das Sammeln von gebrauchter Kleidung so lukrativ, dass auch private Firmen vom dem Recyclinggeschäft profitieren wollten. Es gibt sogar Firmen, die ohne Genehmigung Container aufstellen.
In Steglitz-Zehlendorf hat das Tiefbauamt 2010 zwölf illegal aufgestellte Altkleiderboxen entfernt. Die Bezirksverordneten wollen nun ein Konzept erarbeiten, wo Container im Bezirk stehen sollen und wo nicht. Derzeit sind es 32 Stück. Charlottenburg-Wilmersdorf hat sich auf 15 Standorte festgelegt, die per Ausschreibung vergeben werden.
Marianne Rittner

Mehrheit der Leser spricht sich für Altkleidercontainer aus.
Berlin. Auf Altkleidercontainer wollen die Berliner nicht verzichten. 59 Prozent sprachen sich beim Leserbarometer dagegen aus, diese Sammelboxen zu entfernen.
Das Ergebnis erstaunt Marc Schulte (SPD), Wirtschaftsstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, nicht. „Jeder hat ein Interesse daran, seine abgelegten Sachen noch einem guten Zweck zuzuführen.“ Der Bezirk will, wie berichtet, 15 Standorte für Altkleidercontainer per Ausschreibung vergeben. „Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass mit den Altkleidern Schindluder getrieben wird“, so Schulte. „Gleichzeitig gehen die gesammelten Altkleider so an eine anerkannte soziale Einrichtung.“
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sieht sich durch die Zustimmung der Leser für die Altleidersammelboxen bestätigt. „Es zeigt, dass unsere Arbeit anerkannt wird“, sagt DRK-Sprecher Rüdiger Kunz. „Viele Bürger wollen sie nicht missen.“ Gerade deshalb sei nicht zu verstehen, warum einige Bezirke die Standorte reduzieren wollen.
Obwohl in Steglitz-Zehlendorf immer wieder illegale Container am Straßenrand auftauchen, will Baustadtrat Uwe Stäglin (SPD) am liebsten bei der bisherigen Vergabepraxis bleiben. Die Nachfrage bei den Bürgern sei groß. Sein Amt wolle daher lieber über einzelne Anträge entscheiden. „Die Container sollten dort stehen, wo viele Leute vorbeikommen“, so Stäglin. „Aber sie sollen das Stadtbild nicht stören.“ Diese Aspekte könnten bei Einzelentscheidungen besser berücksichtigt werden.
Marianne Rittner
| Das Altkleidergeschäft in Afrika |
| Viele Jeans und T-Shirts aus Europa landen auf den Märkten in Afrika oder Osteuropa. Mitte der 90er-Jahre gab es Kritik an der Verschiffung der Altkleider nach Afrika. Unter der Vermarktung gebrauchter Kleidung würde die dortige Textilindustrie leiden. Inzwischen gibt es beispielsweise in Tansania oder Sambia kaum noch heimische Textilherstellung. Doch von dem Verkauf der Secondhandjeans und T-Shirts leben mehrere Tausend Menschen. Der Dachverband Fairwertung, in dem rund 150 gemeinnützige Kleidersammler zusammengeschlossen sind, kommt nach intensiven Beobachtungen und Gesprächen zu der Einschätzung, dass der Handel mit gebrauchten Kleidern für viele Menschen in Afrika eine Einkommensmöglichkeit bietet. Dennoch sei zu bedenken, dass Millionen von Menschen ihr Grundbedürfnis nach guter, modischer Kleidung nur mit den abgelegten Resten des europäischen Wohlstandskonsums decken können. Um das zu verändern, seien andere weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen notwendig. Der faire Handel sei eine Möglichkeit für Verbraucher, dazu beizutragen. Sie sollten beim Kleiderkauf zudem auf die Produktionsbedingungen (keine Kinderarbeit) achten. |