Einsatz in Friedrichshain: Markus Wiesenthal (36) und Ralf Jeche (46, mit Mütze) putzen die Simon-Dach-Straße. „Ohne die Hilfe der Anwohner schaffen wir von der BSR es nicht, die Stadt sauber zu halten“, sagen die beiden Straßenkehrer. Foto: Augen-Blick
Einsatz in Friedrichshain: Markus Wiesenthal (36) und Ralf Jeche (46, mit Mütze) putzen die Simon-Dach-Straße. „Ohne die Hilfe der Anwohner schaffen wir von der BSR es nicht, die Stadt sauber zu halten“, sagen die beiden Straßenkehrer. Foto: Augen-Blick

Zwischen Winterdienst und Frühjahrsputz

Ärger um Splitt und Schmutz: Doch wie sauber Berlins Straßen sind, liegt auch an den Berlinern, meint die BSR.

Berlin. Der Winter hat einen dicken Grauschleier über die Stadt gelegt. Sie wirkt ungepflegt. Straßen und Gehwege sind verschmutzt wie nie. Da mischen sich Streugut, Kippen, Papier und Hundehinterlassenschaften.
Aus einem Mülleimer am Laternenpfahl picken Krähen Essensreste und verstreuen ringsum Pappteller und Tüten. Vereinzelt finden Anwohner noch Laubhaufen, zerfetzte Silvesterraketen – und hier und da einen alten Weihnachtsbaum. Die Schuldigen für den Dreck auf Straßen und Gehwegen sind oft schnell gefunden: Die Männer von der Stadtreinigung! „Ich musste schon oft als Sündenbock herhalten“, sagt Markus Wiesenthal (36). Er ist seit 13 Jahren bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) beschäftigt. Der Angestellte in der typischen orangefarbenen Uniform mit den weißen Leuchtstreifen ist Fahrer der Kehr-, Streu- und Salzwagen sowie Schneepflüge, aber auch Handreiniger.

Neben der Fahrtätigkeit ist er noch mit Handkarren und Besen unterwegs, fegt Streugut, Kippen und Hundekot aus Büschen, von Baumscheiben und Bordsteinen zusammen. Dabei muss er sich manchmal Klagen anhören. „Die Anwohner regen sich darüber auf, dass morgens Granulat gestreut und nachmittags wieder aufgefegt wird“, sagt Wiesenthal. „Das versteht erst mal keiner.“

Streuen – fegen – streuen


„Es sind die sich derzeit ständig verändernden Witterungsverhältnisse“, nennt Bernd Müller, Sprecher der Berliner Stadtreinigung, den Grund. „Wir müssen zurzeit quasi im Spagat unterwegs sein: Streuen, wegräumen, streuen, wegräumen – das hängt mit den Temperaturschwankungen zusammen. Wir pendeln noch bis Ende März zwischen Winter- und Kehrdienst.“ Diese komplizierte Aufgabe muss Matthias Andrae koordinieren. Er ist der Logistikchef des Reinigungshofes an der Mühlenstraße 8, der mit rund 100 Fahrern und 200 Handreinigern für Straßen und Gehwege von Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain zuständig ist. Andrae erhält mindestens dreimal am Tag den Wetterbericht und muss danach Personal, Fahrzeuge und Material zusammenstellen. Doch selbst wenn vor seinem Bürofenster in Friedrichshain alles feucht bleibt, können ein Kilometer weiter die Straßen schon verschneit oder vereist sein. So genau ist der Wetterdienst nicht.

Insgesamt muss sich die BSR in der Hauptstadt um 8300 Straßenkilometer, 1100 Kilometer Radwege sowie 18250 Kreuzungen und Fußgängerüberwege kümmern. „Wenn Straßen und Gehwege nicht so sauber sind wie gewünscht, liegt es oft daran, dass der Kehrdienst bei Minusgraden eingestellt werden muss“, sagt Andrae. Die Kehrmaschinen arbeiten mit Wasser, können also nicht eingesetzt werden. Und die Männer mit den Besen werden dann fürs Streuen gegen die Eisglätte gebraucht.

„Die Verkehrssicherungspflicht hat für uns den absoluten Vorrang“, so Andrae weiter. „Unsere Wagen sind schon in aller Frühe unterwegs, um auf Kreuzungen und Fußgängerüberwegen zu streuen oder zu salzen – selbst wenn das Thermometer nur einstellige Minusgrade anzeigt.“ 20000 Kubikmeter Granulat seien in diesem Winter bereits verstreut worden. Erst wenn es die Witterungsverhältnisse im weiteren Tagesverlauf zulassen, gehen die Männer in Orange ans Saubermachen. Und auch dort gibt es eine „Rangordnung“: Zunächst werden die „verkehrswichtigen Straßenbereiche“ gereinigt, danach die Wohn- und Nebenstraßen. Zuletzt stehen die gering frequentierten Straßen und Wege mit den Einfamilienhäusern auf dem Plan. Doch manchmal ist in diesen Tagen das Granulat schon wieder festgefroren, wenn die Männer mit Kehrmaschinen oder Besen anrücken.

„Wir sind immer in Alarmbereitschaft“, sagt BSR-Mann Wiesenthal. „Ich kann gerufen werden, wenn ich es mir gerade vor dem Fernseher gemütlich gemacht habe – oder auch nachts um zwei Uhr. Dann muss ich schnell von Staaken nach Friedrichshain zum Wintereinsatz.“

Der Splitt in den Streuwagen wird computergesteuert aufgetragen. Eine Fuhre reicht für 11,8 Kilometer. Per Computer kann er im Wagen die Menge des Streugutes einstellen, das auf die glatten Straßen kommt. Ähnlich geht es im Salzwagen zu, in dem noch eine Flüssigsalzlösung zusätzlich verwendet wird. Um die Umwelt zu schützen, wird Salz aber nur sparsam und für Hauptstraßen verwendet. Dank moderner Technik gelangen nur geringe Mengen von 5 bis 25 Gramm je Quadratmeter auf die Straße.

Sehr viel mehr Kontakt


Sehr viel mehr Kontakt mit Anwohnern hat Wiesenthal, wenn er mit Besen und Handkarren auf der Straße unterwegs ist. Eine Tätigkeit, die „auf die Arme“ geht. Auch Fegen will gelernt sein: Am besten geht es mit geradem Rücken und kleinen, ruckartigen Bewegungen. Schnell entsteht ein riesiger Abfallhaufen. Wenn einer achtlos etwas auf die Straße wirft, ruft Wiesenthal schon mal „Hallo, Sie haben etwas vergessen!“ Diese kleine Erziehungsmaßnahme zeige oft große Wirkung. „Tut doch nicht weh, mal was in den Mülleimer zu werfen“, sagt der Kehrer mit einem gewinnenden Lächeln.

Manchmal beschweren sich Anwohner über den Dreck auf ihrer Straße. „Dann sage ich: ,Achten Sie doch mal genau darauf, wie die Straße aussieht, nachdem ich sie geputzt habe, und wie schnell sie danach wieder schmutzig wird.‘ Ohne die Hilfe der Anwohner schaffen wir von der BSR es nicht, die Stadt sauber zu halten“, sagt Wiesenthal, dem keiner so schnell die gute Laune verdirbt.

„Bei uns in Leipzig sind die Straßen etwas gepflegter“, moniert das Ehepaar Iris und Bernd Neubert, das gerade auf Stippvisite in Berlin ist und über die Simon-Dach-Straße schlendert. Worauf sie das zurückführen? „Auf die Sauberkeit und Rücksichtnahme jedes einzelnen Passanten oder Autofahrers“, sagen die beiden. Statt einer Schelte gegen die Stadtreinigung solle sich so mancher einfach an die eigene Nase fassen.

Ela Dobrinkat


Streugut darf länger liegen bleiben
Die Berliner Stadtreinigung sammelt neben anderen Verunreinigungen auch das Streugut von öffentlichen Straßen und Plätzen wieder ein. Voraussetzung dafür sind Schnee- und Eisfreiheit von Kreuzungen, Straßen und Wegen und Temperaturen über Null. Bei Minusgraden wird der Kehrdienst in der Regel eingestellt. Um Glatteis vorzubeugen, bleibt das Granulat auf Brücken länger liegen. Nach dem Urteil des Landgerichts München von Januar 2009 (AZ 26 O 19348/05) darf Streugut ohnehin länger auf Straßen liegen bleiben. Ein Radfahrer war darauf ausgerutscht und hatte geklagt. Die Richter befanden aber, dass die Verkehrssicherungspflicht nicht verletzt worden sei. Mit Schnee und Glatteis müsse man noch bis April rechnen. Daher dürfe das Streugut auch liegen bleiben. Wer jetzt noch Weihnachtsbäume auf der Straße findet, kann diese unter der Hotline Tel. 75 92 66 70 melden. Bitte dabei deutlich Straße, eventuell Hausnummer und Bezirk angeben. Besondere Schmutzecken, Elektromüll oder alte Möbel und Matratzen, die Umweltsünder auf die Straße geworfen haben, meldet man den Ordnungsämtern der Bezirke.


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