Die Geschichte der Baumschulenstraße 78 aufgeschrieben

Frank Theves mit seinem Buch, dahinter das Haus Baumschulenstraße 78. (Foto: Ralf Drescher)

Baumschulenweg. Seit rund 20 Jahren findet man unter der Adresse Baumschulenstraße 78 einen Haushalts- und Eisenwarenladen. Viele Baumschulenweger kennen das Haus aber noch als Kunstgalerie oder gar als Kino.

Der Historiker Frank Theves hat ein Buch über dieses Haus geschrieben. Er beleuchtet den Bau im Jahr 1897, anschließende die Nutzung als Gaststätte und Festsaal, die Eröffnung eines Kinos 1917 und die Geschichte des "Studios Bildende Kunst" ab 1979.Die Recherchen zum Buch "Von Krebsjauche und Silvana" erfolgten bereits 2006 im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des Kulturrings. Nun hat der Heimatverein Köpenick, dessen Mitglied Theves ist, gemeinsam mit dem Trafo-Verlag die Veröffentlichung möglich gemacht.

"Ich habe Landesarchive, das Bauaktenarchiv des Bezirks, das Grundbucharchiv und das Archiv des Museums Treptow durchforstet. Ebenso habe ich Verwandte der früheren Pächter und ehemalige Bewohner befragt", erzählt Theves.

Dabei wurden auch skurrile Papiere gefunden. So wurde Kinobetreiberin Grete Zacher 1937 von der Reichsfilmkammer aufgefordert, einen Abstammungsnachweis - auch Ariernachweis genannt - zu erbringen, um zu beweisen, dass sie rein deutsch und keineswegs jüdisch ist. Das Kino überlebte Kriegs- und Nachkriegszeit und auch die ersten Jahre der DDR. "Um 1961 ist der Saal im hinteren Teil des Grundstücks fast von selbst zusammengefallen", berichtet Historiker Theves. Der Kinobau wurde abgerissen, das Vorderhaus erlebte seit 1979 eine neue kulturelle Nutzung. Hier entstand die noch vielen Baumschulenwegern bekannte Galerie "Studio Bildende Kunst". Die gehörte zwar zum Rat des Stadtbezirks, führte aber eine Art Eigenleben. "Was immer wieder zu Konflikten mit Kulturfunktionären führte, sodass Galerieleiter gefeuert wurden" sagt Theves. Als im August 1985 für eine Ausstellung des Treptower Künstlers Horst Bartnig sogar Plakate auf den Bürgersteig der Baumschulenstraße geklebt wurden, rückte die Volkspolizei an. Die konnte allerdings mit der konkreten Kunst Bartnigs nichts anfangen und zog bald wieder ab.

Die Galerie überlebte die Wende, zog aber 1998 aus. Seitdem residiert der Haushaltswarenladen dort, wo vor einem halben Jahrhundert Kinokarten verkauft wurden.

"Von Krebsjauche und Silvana - Baumschulenstraße 78" ist im Trafo Literaturverlag erschienen (ISBN 978-3-86465-017-8), es kann für 22,80 Euro über Buchhandlungen oder Internethändler bestellt werden.

Ralf Drescher / RD
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden