Letzter Leiter des Labors räumt mit Gerüchten auf

Viele Jahre war das Areal Dahmestraße 33 ein geheimnisvolles Objekt. (Foto: Ralf Drescher)
 
Manfred Schindler leitete bis zur Wende das Wissenschaftliche Zentrum der Zivilverteidigung. (Foto: Ralf Drescher)

Bohnsdorf. Viele Jahre war das Areal Dahmestraße 33 ein geheimnisvolles Objekt. Wo heute Tiefbauamt und ein Kiezklub zuhause sind, befand sich bis 1990 ein Labor der Zivilverteidigung. Um die "Giftküche" rankten sich viele Gerüchte.

Im November 2012 hatten wir berichtet, dass die Geschichte des Hauses im Rahmen eines Projekts des Kulturrings, der dort die "Kulturküche" betreibt, erforscht werden soll. Gemeldet hatten sich daraufhin nur wenige, darunter ein früherer Stasioffizier des Adlershofer Wachregiments. Der brachte leider nichts Aufklärendes ein, polterte nur über unsere angebliche Verächtlichmachung der DDR."Dann meldete sich zu unserem Glück der letzte Leiter des Labors bei uns und gab umfassen Auskunft", erzählt Stefan Benz vom Kulturring. Der Letzte, das war Manfred Schindler (77), promovierter Chemiker und zuletzt Oberst der Zivilverteidigung der DDR. Geheimniskrämerei betreibt er nicht mehr, sondern möchte über das, was hinter den Mauern der Dahmestraße 33 geschah, aufklären.

"Mitte der sechziger Jahre hatte die DDR erfahren, dass im Westen Deutschlands hochgiftige Kampfstoffe gelagert wurden. Es gab damals noch keine wirksamen Gegenmaßnahmen und Nachweismethoden, die sollten erst entwickelt werden", berichtet Manfred Schindler.

Den Auftrag bekamen 600 Chemielaboratorien in der ganzen DDR, darunter Einrichtungen an Universitäten und Chemiebetrieben. Die sollten sich quasi ehrenamtlich im Auftrag der Zivilverteidigung drum kümmern.

Im Jahr 1982 wurde Manfred Schindler Leiter des wissenschaftlichen Zentrums für Zivilverteidigung, wie die Bohnsdorfer Einrichtung offiziell hieß. Dort befasste man sich mit möglichen Störfällen in Industriebetrieben sowie mit dem Katastrophenschutz während kriegerischer Auseinandersetzungen. "Wir haben uns zum Beispiel damit befasst, wie der Müggelsee nach dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen entgiftet werden kann und haben dafür Technologien entwickelt", erzählt Manfred Schindler. Für den Schutz der Zivilbevölkerung wurden in der DDR Gasmasken in Depots eingelagert. Da die aber nicht für 17 Millionen Menschen ausreichten, gab es auch Überlegungen, wie Bürger sich im Notfall selbst eine Gasmaske basteln könnten. "Wir haben die besten Ergebnisse mit Plastikflaschen und Braunkohlengrus erzielt", so Chemiker Schindler.

Für diese und ähnliche Versuche wurden geringe Mengen an chemischen Kampfstoffen wie Lost oder Sarin benötigt. Die wurden unter Hochsicherheitsbedingungen gelagert. Bezogen wurden die vermutlich in der Tschechoslowakei hergestellten Gifte über ein Speziallager der NVA. "Ab und an kam solch ein Spezialtransport bei uns an. Der Transporter, der vielleicht 100 Gramm Gift an Bord hatte, wurde von zwei Polizeifahrzeugen mit Blaulicht und einem Sanitätsfahrzeug begleitet. Vermutlich hat dieser Aufwand zu unserem Image als ,Giftküche’ beigetragen", meint Manfred Schindler.

Im Labor selbst wurde ebenfalls auf Sicherheit geachtet. Die Versuche fanden in Unterdruckräumen statt, die Mitarbeiter trugen Vollschutzanzüge. Die Abluft der Labore wurde über Filter geleitet und Abwässer vor der Entsorgung entgiftet. "Die Anwohner waren niemals in Gefahr", ist sich Manfred Schindler sicher. Auch das Gerücht, dass in Bohnsdorf Kampfstoffe hergestellt worden seien, entbehrt nach seiner Aussage jeder Grundlage.

In der Wendezeit standen schnell Kamerateams von ZDF und Deutschem Fernsehfunk vor der Tür, den wurde umfassend Auskunft gegeben. Im Frühjahr 1990 stand Manfred Schindler im "Volkshaus" den besorgten Anwohnern Rede und Antwort. "Ich habe interessierten Bürgern damals angeboten, am nächsten Tag unsere Labore zu besuchen, leider ist kein einziger Bohnsdorfer meiner Einladung gefolgt", erinnert sich Manfred Schindler.


Ralf Drescher / RD
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