Gelebte Inklusion seit 25 Jahren: Im Wohnpark Britz leben Behinderte und Nichtbehinderte in guter Nachbarschaft

Fühlen sich wohl in ihrer WG: Benjamin Walz, David Gockel und Daniel Jentsch mit Betreuerin Lisa Peuker. (Foto: Christiane Müller-Zurek)

Britz. Vor 25 Jahren eröffnete die gemeinnützige Gesellschaft „Lebenshilfe“ den Wohnpark Britz an der Straße 614. Seitdem leben hier behinderte und nicht behinderte, alte und junge Menschen zusammen. Am 17. Juni wurde das Jubiläum gefeiert.

Es waren Eltern, die vor einem Vierteljahrhundert den Anstoß für die Wohnstätte gaben. Sie suchten für ihre Töchter und Söhne eine Alternative zur damals üblichen Unterbringung in der Psychiatrie oder in sogenannten Großeinrichtungen.

So wurde die Siedlung nach schwedischem Vorbild aufgebaut und war eine der ersten in Deutschland, in der auch Menschen mit schwerer geistiger Behinderung mitten im Stadtteil leben durften – in einer ganz normalen Nachbarschaft. Insgesamt waren zwölf Prozent der Mieter in irgendeiner Form beeinträchtigt; das entsprach exakt dem Berliner Durchschnitt. In den ersten Jahren des Bestehens begleitete die Humboldt-Universität das Projekt wissenschaftlich.

Von 227 Wohnungen sind 37 behindertengerecht, weitere elf altersgerecht ausgestattet. Die Lebenshilfe bietet 23 Menschen mit Einschränkungen hier ein Zuhause, darunter Senioren mit geistiger Behinderung und Schwerbehinderte, die sehr viel Unterstützung brauchen. Dazu kommt ein WG-Verbund, der erst im Januar dieses Jahres eröffnet hat. Hier leben sieben junge Frauen und Männer in Maisonettewohnungen mit eigenen Gärten und Terrassen.

Drei von ihnen sind Daniel Jentsch, Benjamin Walz und David Gockel – 33, 32 und 26 Jahre alt. Daniel Jentsch gefällt an der Siedlung besonders, dass auch Geschäfte in der Nähe sind. Sein Mitbewohner David Gockel musste sich nach einem schweren Unfall zurück ins Leben kämpfen. Er ist aus Helmstedt nach Britz gezogen und genießt, dass Berlin so vielfältig und multikulturell ist. Auch Benjamin Walz stammt aus einer anderen Stadt, aus Stuttgart. Sein Ziel: „Ich möchte unbedingt lernen, in einer eigenen Wohnung zu leben.“

Neben den Wohnungstätten betreibt die Lebenshilfe auch eine Tagesförderstätte mit 37 Plätzen für Menschen mit schwerer geistiger Behinderung.

Partner im Kiez

Besonders stolz ist die Leiterin Jeannette Hoffmann auf die Kooperationspartner im Kiez.

Der gehandicapte Marc K. zum Beispiel hilft in der nahe gelegenen Autowerkstatt Höser und reinigt Materialkisten, Susanne G. assistiert dort beim Blumengießen. Claudia Höser, die Chefin des Familienbetriebs, sagt: „Ich finde es toll zu sehen, wie den beiden ihre Tätigkeit Spaß macht. Marc und Susanne gehören einfach dazu.“

Schließlich leben rund um die Straße 614 auch rund 20 Menschen mit Einschränkungen in ihren eigenen vier Wänden, werden aber von Lebenshilfe-Sozialarbeitern regelmäßig im Alltag unterstützt – betreutes Einzelwohnen nennt sich diese Wohnform.

Das Britzer Projekt ruft seit Jahren viel Interesse hervor. Regelmäßig kommen und informieren sich Besuchergruppen aus dem In- und Ausland über stadtteilintegriertes Wohnen.

„In Neukölln hat Inklusion Tradition und wurde in Britz schon lange vor der UN-Behindertenrechtskonvention gelebt“, betont Dietmar Meng, Geschäftsführer der Lebenshilfe. sus
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