Architekt sieht städtebauliche Chancen im Norden

Platz für Ideen: Architekturexperte Thomas Krüger sieht Charlottenburg-Nord noch nicht am Ende seiner Entwicklung. (Foto: Schubert)

Charlottenburg-Nord. Locker bebaut, voller grüner Korridore - aber überaltert und geplagt von Zukunftssorgen. Welches Potenzial steckt in Charlottenburg-Nord? Auf Einladung des örtlichen SPD-Abgeordneten ließ Architekt Thomas Krüger seinen Gedanken freien Lauf.

Es gehört zu den günstigsten Arten, an der City West zu wohnen. Und sicherlich ist das Leben im nördlichsten Zipfel des Bezirks besser als sein Ruf. Im Gesprächskreis mit dem SPD-Abgeordneten Frederic Verrycken zeichnete nun Thomas Krüger, Architekturexperte des Büros "Ticket B", ein vielversprechendes Bild für die Zukunft - aber verwies auch auf gegenwärtige Hemmnisse.

Die städtebauliche Idee für den Norden Charlottenburgs war aus seiner Sicht einmal ihrer Zeit voraus: Ein Mischquartier mit Platz zum Wohnen, Arbeiten und Erholen, entworfen von Bauhaus-Architekten und weitergedacht von Hans Scharoun. Doch die eingeplanten Potenziale, sie blieben ungenutzt. "In den leerstehenden Wasch- und Heizhäusern könnte man Einrichtungen ansiedeln, die allen zugute kommen", gibt Krüger ein Beispiel. Auch die brachliegende Siemensbahn zeugt von den vertanen Chancen.

Indem er Architekturfreunden aus aller Welt die Reize der heutigen Weltkulurerbe-Stätte zeigt, bringt Krüger Charlottenburg-Nord mehr Liebe entgegen als mancher Einheimischer. Gerne würde er mehr Anwohnern die Schönheit ihres Kiezes zeigen - doch der Treffpunkt, das Ladenlokal in der Goebelstraße 2-10, ist seit der Eröffnung verwaist. Es fällt Bewohnern schwer, eine eigene Identität zu behaupten, wenn die meisten Berliner alle Wohngegenden nördlich des Mierendorffplatzes gedanklich dem Bezirk Spandau zuordnen und markante Punkte zu fehlen scheinen.

Selbst das Schulzentrum am Halemweg gerät wegen des bevorstehenden Wegzugs der Poelchau-Schule nach Westend ins Wackeln. Aus Sicht der SPD-Bezirksverordnete Christel Dittner eine Gefahr: "Uns liegt daran, dieses Zentrum um jeden Preis zu erhalten. Wir laufen sonst Gefahr, dass dieses Gebiet in Sachen Bildung ausdorrt." In den Augen Krügers böte eine Umgestaltung des Standorts neue Chance. "Die große Ballung von Schulen ist ein Konzept der 60er-Jahre und heute nicht mehr gefragt", meint der Experte. Auch hier könnte eine neue Durchmischung für frischen Wind sorgen. "Das würde junge Leute anlocken und demographische Probleme lindern helfen."

Studentisches Wohnen dürfte spätestens dann gefragt sein, wenn der Flughafen Tegel schließt und die Beuth-Hochschule auf dem Gelände Institute eröffnet, stimmt Verrycken zu. Aber auch er will auf Schulen am Halemweg nicht ganz verzichten: "Das eine muss das andere nicht ausschließen."

In Kürze wollen Studenten aus Nottingham frische gestalterische Ideen sammeln, ganz spontan und ohne planerischen Druck. Dass man dabei eine Nachverdichtung der Siedlungen überlegen kann, ist für Krüger selbstverständlich. "Eine Verbesserung durch Verdichtung wäre auf jeden Fall möglich. Aber dagegen steht oft die Empfindsamkeit für den Status Quo."


Thomas Schubert / tsc
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.