Im Norden viel Neues: Millionenschwerer Stadtumbau ertüchtigt abgehängtes Quartier

Der größte Eingriff seit Jahrzehnten: Mit Geldern aus einem Stadtumbauprogramm und der Neufassung des Schulstandorts am Halemweg verändert der Ortsteil sein Gesicht. Frederic Verrycken und Bürgermeister Reinhard Naumann (beide SPD) erfüllen damit ein altes Versprechen. (Foto: Thomas Schubert)
 
Das Leben im Norden verbindet: Im Stadtteilzentrum am Halemweg arbeiten Ehrenamtliche seit Jahren Hand in Hand. (Foto: Thomas Schubert)

Charlottenburg-Nord. Rund 5 Millionen Euro für die Stadtentwicklung und 50 Millionen Euro für das Schulareal – Geldregen weckt Hoffnungen für die Siedlungen an Halemweg und Heckerdamm.

Als das neue Charlottenburg entstand, war dies die Zukunft: Wohnen in Bauten der Nachkriegsmoderne, luftig angeordnet jenseits des S-Bahnrings, umfangen von Schlosspark und Volkspark Jungfernheide. Aber eingezwängt zwischen Flughafen und Autobahnen.

Das neue Charlottenburg gabelte sich auf in die Paul-Hertz-Siedlung im Osten und das Quartier Halemweg im Westen. Und es bekam zur Abgrenzung zum alterwürdigen Ortsteil im Süden das Namensanhängsel „Nord“.

Wer heute dort lebt, schätzt den Ortsteil erstens wegen der günstigen Mieten. Und zweitens wegen der Nähe zu den ungleich lebendigeren, aber ungleich teureren Lagen stadteinwärts.

Geld aus dem Fördertopf

Ab dem Jahr 2018 aber soll es neue und bessere Gründe geben, Charlottenburg-Nord sein Zuhause zu nennen. Dann fließt erstmals Geld aus dem Fördertopf „Stadtumbau West“. Rund 5 Millionen Euro für weitreichende Verbesserungsmaßnahmen. „Wir können nun im Zusammenspiel zwischen den Einwohnern, den Initiativen im Norden, dem Bezirk und den Wohnungsbaugesellschaften endlich vieles gemeinsam anpacken, was noch vor Jahren unmöglich gewesen wäre“, versprach der SPD-Abgeordnete Frederic Verrycken (SPD) bei Bekanntgabe der Förderung im Jahre 2015.

Bis dato litt man darunter, dass Charlottenburg-Wilmersdorf insgesamt zu gut dastand, um für den Zipfel der Sorgen im Norden das dringend gebrauchte Quartiersmanagement zu erhalten.

Bereit machen für die Zukunft

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, da sich am Halemweg, in der Paul-Hertz-Siedlung und in der Ringsiedlung Siemensstadt die Weichen stellen für eine Zukunft, die über das Klischee der öden Schlafstadt hinausgeht.

Was man verbessern muss und worauf man aufbauen kann, bestimmt der Bezirk mit einem so genanntes integrierten Stadtentwicklungskonzept, kurz „ISEK“ genannt. Unter Federführung des Planungsbüro Jahn, Mack & Partner entstand dazu eine Bestandsaufnahme, die eine Stoßrichtung vorgibt: „Wohnen im Grünen zwischen Weltkulturerbe und Zukunftsstadt“ – von dieses Bild sollten laut Planerin Nadine Fehlert alle Verbesserungsmaßnahmen ausgehen.

Wachsend, vielseitig, geschichtsträchtig, wandelbar. Das sind die Eigenschaften, die Fehlert Charlottenburg-Nord zugute hält. Das Weltkulturerbe Ringsiedlung Siemensstadt ließe sich als architektonisches Meisterwerk inszenieren. Das Gedenkzentrum Plötzensee könnte die Identität des Kiezes markanter prägen als bisher. Der Volkspark Jungfernheide vertrüge einen Hauptweg, der sich in das zukünftige Wohngebiet auf dem Gelände des Flughafens Tegel ausdehnen ließe. Nur das günstige Mietpreisniveau, das in Charlottenburg-Wilmersdorf seinesgleichen sucht, soll bleiben wie es ist.

Schlechte Nahversorgung

Was der erfolgreichen Entwicklung entgegen steht? Hier nennt Fehlert die räumliche Isolierung durch Wasserstraßen und Autobahnen. Sie führen zum Eindruck, es sei ein „abgehängter Stadtteil“. Tatsächlich ist die Entkopplung vom erfolgreichen Süden des Bezirks nicht nur geografischer Natur, sondern auch gesellschaftlich spürbar: „Wir haben hier eklatanten Ärztemangel. Auch Banken und Sparkassen haben sich zurückgezogen“, klagt der SPD-Verordnete Wolfgang Tillinger.

Bei der Bürgerbefragung hörte das Planungsbüro auch fortwährend Kritik an der lückenhaften Nahversorgung. Die reichlich vorhandenen Freiflächen zwischen den Wohnblöcken empfinden viele als zu monoton. Ein Defizit von 300 Kitaplätzen in den nächsten Jahren führe laut Fehlert zu einer Situation, „dass man sofort handeln müsste“.

Und so will das Bezirksamt schon im März den Entwicklungsplan beschließen, auf dass die Fördergelder aus dem Stadtumbauprogramm ab 2018 fließen.

Neue Schule, neue Wohnungen

Noch höher sind Summen, die zur Neugestaltung des Schulquartiers am Halemweg zur Verfügung stehen. Bis zu 50 Millionen Euro dürfte es kosten, die marode Anna-Freud-Oberschule abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Unabhängig von den übrigen Stadtumbaumaßnahmen erscheinen hier die Abrissbagger noch in diesem Jahr.

Es wird der Auftakt sein für eine Umwälzung, die auch den früheren Bau der Poelchau-Schule beseitigt. Hier dürfte eine Wohnungsbaugesellschaft zum Zuge kommen und auf dem landeseigenen Grundstück erschwingliche Wohnungen in die Höhe ziehen. Zu erwarten sind 200 Wohnungen mit Mieten ab 6,50 Euro. In einem Bezirk, wo in den vergangenen Jahren fast ausschließlich teure Eigentumswohnungen entstanden, eine Rarität. tsc
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