Unterrichtsausfall anders: Am Rathenau-Gymnasium gibt es keine 7. Klasse

Diese Schule darf nicht sterben: Esther Dobrin, Leonie Brenske, André Leich und Simon Houtermann kämpfen für die Zukunft ihres Gymnasiums. (Foto: Schubert)

Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterrichtsausfall der anderen Art: Ein besonders geburtenschwacher Jahrgang sorgte dafür, dass eine komplette Jahrgangsstufe am Walther-Rathenau-Gymnasium nicht zustande kam. Selbst die komplette Schließung der Schule stand zur Diskussion. Aber so weit soll es nicht kommen.

26 Schüler - so viele sitzen andernorts in einem einzelnen Klassenzimmer. 26 Schüler - das war die Gesamtzahl derer, die am Walther-Rathenau-Gymnasium in Grunewald die siebte Jahrgangsstufe belegen wollten. Als klar war, dass die Zahl der Anmeldungen so schwach ausfallen würde, fasste das Bezirksamt einen harten Entschluss. Und der hieß: Eine Stufe sieben gibt es nicht. Wer sie ab Sommer 2014 am Walther-Rathenau-Gymnasium besuchen möchte, muss wechseln zur Hildegard-Wegscheider-Schule. Gemeinsam mit den "Klassenlosen" vom Rathenau-Gymnasium genügt es dort gerade eben für eine zweizügigen "Sieben".

Ist es nur diesmal die verflixte Zahl? Ist Grunewald im Vergreisen begriffen? Droht ein anhaltendes Anmeldungstief? André Leich, Vorsitzender der Gesamtelternvertretung, glaubt nicht an letzteres. Und kennt Prognosen, die ihm Recht geben.

Ab 2017 steigen die Schülerzahlen im ganzen Bezirk wieder deutlich an. Und 2020 droht eine dramatische Überfüllung. "Bei diesen Aussichten wäre eine Schließung der Schule mit rund 600 Plätzen fatal", betont Leich. Gerüchte, die genau das besagen, seien hinfällig.

Auch im Schulausschuss der BVV steht das Thema zur Debatte, wobei Einschnitte nicht gewollt sind. Abhilfe schaffen soll eine verstärkte Zusammenarbeit der Grunewalder Schulen, so der Tenor in den Fraktionen. Aber das Kernproblem bleibt ein anderes. "Eltern können frei entscheiden, wo sie ihre Kinder anmelden", sagt Ilse Rudnick von der Schulaufsicht. Man dürfe keinem Kind vorschreiben, ans Walther-Rathenau-Gymnasium zu wechseln. Einzige Ausnahme: Es besteht andernorts ein Überhang.

Fast überall in Berlin ist Unterrichtsausfall eine Frage des Personalmangels. In Charlottenburg-Wilmersdorf aber fehlt es nicht an den Lehrenden, sondern an den Lernenden, ohne dass die Politik eine Handhabe hätte. Was also bleibt von Seiten der Schule zu tun?

Zunächst einmal will sie die bestehende Partnerschaft zu anderen Bildungseinrichtungen vertiefen. Eine Fusion, wie sie im Schulausschuss erwogen wurde, gilt aber als unwahrscheinlich. Was die Partnerschaft mit der Wegscheider-Schule mit sich bringt, ist eine Angebotsvielfalt mit teils exotischen Blüten. So lernt man Japanisch, bekommt Segelunterricht und ein Austauschprogramm mit der Türkei, lobt Schülersprecherin Leonie Brenske die breite Palette. Ihr Stellvertreter Simon Houtermann besucht am Nachbargymnasium ganz regulär seinen Geschichtsleistungskurs und ist damit zufrieden.

Anmeldungshemmend, so glaubt die Fördervereinsvorsitzende Esther Dobrin, sei das Image der Walther-Rathenau-Schule. Sie stehe im Ruf einer besonderen Strenge, ohne dass es dafür Belege gäbe. Damit die Anmeldungszahlen steigen, will Dobrin eine Facebook-Seite gründen, Öffentlichkeitsarbeit forcieren und Erfolge besser kommunizieren. Ob der Überhang an Lehrern zu einer günstigen Situation bei der Unterrichtsvertretung führt? Simon muss dies für seine Klasse 11 verneinen: "Wir in der Oberstufe dürfen nicht vertreten werden."

Positive Bilanz

Im Vergleich zu anderen Berliner Bezirken blickt Charlottenburg-Wilmersdorf in Sachen Unterrichtsausfall auf eine positive Bilanz und befindet sich unter den besten fünf. Wie aus der Untersuchung "Blickpunkt Schule" der Senatsbildungsverwaltung kürzlich hervorgeht, lag die Unterrichtsversorgung hier in den Jahren 2012 und 2013 bei knapp über 100 Prozent. So können Lehrer erkrankte Kollegen oft vertreten. Ideal in dieser Hinsicht wäre laut der Lehrerinitiative "Bildet Berlin" allerdings eine Versorgungsquote von 105 Prozent, für die es in Charlottenburg-Wilmersdorf noch nicht ganz reicht. Laut der Untersuchung des Senats ist Unterrichtsausfall wegen Personalmangels bei der Lehrerschaft eher ein Problem von Brennpunkt- und Randbezirken. Und hier vor allem bei den Sekundarschulen.

Thomas Schubert / tsc
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