Kleines Revier - große Verantwortung: Unterwegs mit KOB Ingo Ahl

Durchblick im Chaos: Ingo Ahl kennt sein Revier seit über 10 Jahren und patrouilliert hier die meiste Zeit des Tages. (Foto: Schubert)

Charlottenburg. Sie sichern Großveranstaltungen, bekämpfen Drogenhandel und Rüpeleien, patrouillieren in den Kiezen. Wie sieht es aus im Alltag von Polizisten? Die Berliner Woche begleitet von nun an regelmäßig Mitarbeiter der Direktion 2. Und beginnt am Bahnhof Zoo.

Sein Revier müffelt nach Urin. Nun gut, daran hat sich Ingo Ahl mit der Zeit gewöhnt. Er kennt die Gesichter, die Menschen, ihre Schwierigkeiten, die Gerüche. Ahl, 51 Jahre, Oberkommissar beim Abschnitt 25, steht in der Jebensstraße und hält Ausschau nach Ärger. Zum Glück vergebens. Das fahle Licht der Februarsonne erhellt die Straße, entwirft Muster aus Licht und Schatten auf den Gesichtern derer, die hier wohnen. "Wo sollen sie denn sonst hinmachen?", fragt Ahl. "Man bräuchte hier draußen eine Toilette. Die im Bahnhof können sich Obdachlose nicht leisten."

Vielleicht hilft genau das. Die trockene Feststellung eines Streifenpolizisten, dass am Bahnhof Zoo das Selbstverständlichste fehlt, meist verschluckt von den Schlagzeilen über die Stadtentwicklung rings um diesen Ort. Ahl tut Dienst, wo die Entwicklung stockt. Jebensstraße, Aschinger-Haus, Hardenbergplatz. Ein kleines, arbeitsreiches Revier. Man trifft übermütige Discogänger, betrunkene Osteuropäer mit Lust zum Raufen, Prostituierte in den Kabinen des Erotikkinos, aber vor allem orientierungslose Touristen.

"Wo geht es zur Gedächtniskirche?", fragt eine Dame mit unsicherem Blick. "Wo fährt der Flughafen-Bus?", erkundigt sich gleich darauf ein Herr. So geht das die meiste Zeit. Der Polizist, dein Fremdenführer und Wegweiser. Mit seiner markanten Schirmmütze und der randlosen, runden Brille strahlt Ahl Verlässlichkeit und Durchblick aus im verworrenen Getümmel. Er ist der Ruhepol zwischen Termingetriebenen, Neuankömmlingen, Dagebliebenen, Verlorenen - seit über zehn Jahren am Zoo. Um ihn herum: Menschen in Bewegung. Und solche ohne Zuhause.

Selbst wenn sie bevorzugt außerhalb seines Reviers kampieren, nämlich im schmalen Ausläufer des Tiergartens, behält Ahl sie im Blick. So kontrolliert er routinemäßig die Personalien von neuen Gesichtern, macht sich vertraut mit möglichen Unruhestiftern. Und erspart ihnen ansonsten jede Schikane - obwohl er die Wohnungslosen streng genommen bitten müsste, ihren Platz unter dem Vorsprung des Bahndamms zu räumen. "Es ist ja der einzige Unterschlupf, den sie haben", winkt Ahl ab.

Er hält lieber Ausschau nach denen, die das Recht auf schwerwiegende Weise gebrochen haben. Oft sind es Reisende. Oft landen sie am Zoo, schwarze Schafe unter Tausenden weißen. Die Unbescholtenen und die Kriminellen - sie sitzen in den gleichen Zügen, sie passieren die gleiche Pforte. Und der Streifenpolizist darf die Personalien checken, das ist immer möglich an einem Kriminalitätsschwerpunkt wie diesem.

Ahl steht in der Abendsonne, hält Ausschau nach den Ärgernissen seines Reviers. Durch die runden Brillengläser nimmt das Chaos der City Ordnung an. Und immer kommen die gleichen Fragen: Wo lang zur Kirche? Wo hält mein Bus? So gerne er Gesetzestreuen den Weg weist. Ingo Ahl ist dann am Ziel seiner Arbeit, wenn er solche schnappt, die mit dieser Treue brachen.


Thomas Schubert / tsc
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