Impfschutz - individuelle Entscheidung nötig

Der Impfpass listet die individuelle Impfgeschichte auf. Meist bekommt man ihn schon sehr früh im Leben vom Kinderarzt. (Foto: Jana Tashina Wörrle)
 
Dr. Steffen Rabe ist Kinder- und Jugendarzt. (Foto: privat)

Die hohe Zahl der Masernerkrankungen hat die Diskussion um das Impfen angeheizt. Dr. Steffen Rabe erklärt im Interview mit Jana Tashina Wörrle, welche Faktoren bei der Impfentscheidung berücksichtigt werden sollten.

Herr Dr. Rabe, Sie setzen sich für eine individuelle Impfentscheidung ein. Warum ist die Individualität beim Impfen so wichtig?

Dr. Steffen Rabe: Schon der Vergleich der sehr unterschiedlichen Impfempfehlungen der EU-Länder zeigt: es gibt nicht die eine sinnvolle Impfempfehlung. Individuelle Faktoren wie die Frage nach Kita-Betreuung und Reisegewohnheiten beeinflussen die Impfentscheidung wesentlich. Wenn ich mein Kind mit sechs Monaten in eine Krippe gebe, braucht es unter Umständen ein anderes Impfschema, als wenn es erst mit drei Jahren in den Kindergarten kommt. Das gleiche gilt, wenn ich mit Kindern schon in den ersten Lebensjahren außerhalb Europas reisen möchte.

Reisen sind das eine, aber welche Faktoren sind es noch, die man vor dem Impfen genau überprüfen sollte?

Dr. Steffen Rabe: Es beginnt schon beim Geburtsmonat: ein im Oktober geborenes Kind wird schon in seinem ersten Sommer, vor dem ersten Geburtstag aktiv den Garten oder Spielplatz erkunden und hat damit ein – wenn auch geringes – Wundstarrkrampfrisiko. Ein im März Geborenes lernt krabbeln und laufen im heimischen Wohnzimmer – eine völlig unvergleichbare Situation. Und das Risiko für Erkrankungen, die wie Masern von Mensch zu Mensch übertragen werden, steigt natürlich wesentlich, wenn das Kind in Krippe oder Kita kommt.

Wird in Deutschland zu früh geimpft?

Dr. Steffen Rabe: Es gibt kein anderes europäisches Land, in dem so früh, so viel und so oft geimpft wird wie in Deutschland. Die Impfempfehlungen gehen weit über das hinaus, was in anderen, vergleichbaren Ländern üblich ist. Es gibt gute Studien, die gerade den in Deutschland üblichen sehr frühen Impfbeginn mit einem erhöhten Allergierisiko im Schulkindesalter in Verbindung bringen – eine Beobachtung, die sich durch das in den Impfstoffen enthaltene Aluminium auch erklären lässt.

In Fachkreisen wird häufig das individuelle Angstniveau angesprochen. Was hat es damit auf sich?

Dr. Steffen Rabe: Nehmen wir als Beispiel die Tetanus-Impfung gegen Wundstarrkrampf. Wer sich bewusst gegen diese Impfung entscheidet und sich dann nicht mehr traut, eine Pflanze einzutopfen oder dem Kind das Spielen im Garten verbietet, hat nichts gewonnen.

Es gibt Kritiker, die behaupten, dass eine durchlebte Krankheit immer besser ist als eine Impfung. Stimmt das?

Dr. Steffen Rabe: In den meisten Fällen hinterlässt die durchgemachte Erkrankung eine wesentlich andere, stabilere und länger anhaltende Immunität, als die Impfung. Dies gilt etwa bei Masern, aber vor allem auch bei Röteln (wichtig für Mädchen) oder Mumps (wichtig bei Jungen); gerade bei Mumps wissen wir, dass selbst die zweimalige Impfung nicht zuverlässig vor Erkrankungen im kritischen Alter ab der Pubertät schützt. Dieser Schutz besteht nur, wenn die Mumps im Kindesalter durchlebt wurden. Auch hier gilt aber eine individuelle Abwägung, denn ich muss diesem Nutzen natürlich das Erkrankungsrisiko gegenüberstellen.

Gibt es eine Impfung, die Sie grundsätzlich empfehlen oder muss man immer individuell abwägen?

Dr. Steffen Rabe: Die einzige Impfung, für die dies meines Erachtens gilt, ist die Röteln-Impfung bei Frauen im gebärfähigen Alter: das Risiko, dass ein Kind Schaden erleidet, wenn die Frau schwanger wird und sich mit Röteln ansteckt, ist einfach zu hoch. Bei allen anderen Impfungen kann, darf und muss ich als Eltern selbst entscheiden – natürlich unterstützt vom Kinderarzt.
jtw
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Claudia Kissig aus Kaulsdorf | 01.07.2015 | 17:08  
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